Biontech-Chef Şahin fordert einen „Übergang mit Augenmaß“
Hauptversammlung
Biontech-CEO Şahin mahnt bei letzter Rede: „Übergang mit Augenmaß“
Bei der Biontech-Hauptversammlung tritt CEO Uğur Şahin ein letztes Mal auf. Er wirkt wehmütig und stolz – und doch auch kritisch mit jüngsten Entscheidungen
Der Gründer und langjährige Biontech-CEO Uğur Şahin fordert das künftige Management auf, „den Übergang in die nächste Phase des Unternehmens geordnet, verantwortungsvoll und mit Augenmaß“ zu gestalten. Ihm und Özlem Türeci, die ebenfalls als Medizin-Vorstand im Unternehmen arbeitet, sei dies „wichtig.“
Şahin nutzt seinen letzten Auftritt bei der virtuellen Hauptversammlung des Biotech-Unternehmens, um deutlich zu machen, dass sich die Wege aufgrund unterschiedlicher strategischer Vorstellungen trennen. „Wir haben unterschiedliche Wege im Vorstand und Aufsichtsrat diskutiert.“ Dabei ließ er erkennen, dass das Gründerpaar lieber auf eine längerfristige Innovationskraft und Perspektive gesetzt hätte. Die Firma aber habe sich entschieden, so Şahin, „den Fokus auf Programme mit hohem Potenzial auf Zulassung und Markteintritt bis 2030 zu legen“ und somit auf „unmittelbare Wertrealisierung.“ Das mache Veränderungen in der Organisation notwendig.
Die Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci hatten im März überraschend verkündet, Biontech bis Jahresende zu verlassen. Als Erklärung hieß es seinerzeit, dass beide sich wieder stärker ihrer Forschungsarbeit widmen wollten. Mit der neuen Firma wollen sie Medikamente auf Basis der nächsten mRNA-Generation entwickeln, was ähnlich klingt wie das, was auch Biontech macht.
Die Ankündigung des Rückzugs sorgte für einen Kursrutsch: Anfang Mai verkündete Biontech dann den Abbau von 1860 Stellen, was rund einem Viertel aller Jobs entspricht, sowie die Schließung etlicher Standorte, die bis dato den Corona-Impfstoff hergestellt hatten. Nötig werde dies, weil die Umsätze beim Impfstoff weltweit weiter zurückgehen. Die Herstellung des Covid-Impfstoffs wird nun vollständig an den US-Konzern Pfizer übertragen, mit dem Biotech seit der Pandemie kooperiert.
Biontech-Standorte: Schließung mit schwerem Herzen
Diese Entscheidung „haben wir schweren Herzens und nach sorgfältiger Analyse getroffen“, betonte Şahin auf der Hauptversammlung. „Uns ist sehr bewusst, wie tiefgreifend das für unsere Mitarbeitenden und ihre Familien ist.“ Der scheidende CEO versprach, dass für alle sozialverträgliche Lösungen gefunden würden. Man sei hierüber im Austausch mit der Politik, Wissenschaft und den regionalen Partnern.
Bei seinem Auftritt machte Şahin deutlich, dass er und Türeci in über 18 Jahren (seit 2008) eines der größten Biotechnologieunternehmen Europas aufgebaut haben, mit einer globalen Organisation, klinischen Netzwerken und operativen Strukturen in mehreren großen Ländern – und mit solidem Finanzpolster. Derzeit verfüge Biontech über 24 Produktkandidaten, vor allem in der Onkologie, in späten Entwicklungsphasen. Bis 2030 hoffe man, mehrere Produkte zur Zulassung zu bringen.
Biontech stehe stärker da denn je, betonte auch Helmut Jeggle, der Aufsichtsratschef. Er lobte das Gründerpaar als „visionäre Unternehmer“ und gab sich überzeugt, dass sie mit dieser Innovationskraft „ein drittes erfolgreiches Unternehmen aufstellen“ könnten. Bei der Suche nach einem neuen CEO für Biontech habe man „bereits erhebliche Fortschritte gemacht“, so Jeggle. „Wir konzentrieren uns auf Führungskräfte mit ausgeprägten und nachmessbaren Kompetenzen in den Bereichen Organisationsentwicklung, strategische Unternehmensführung und wissenschaftliche Führungskompetenz.“ Innovation kommt in der Aufzählung nicht mehr vor.
