Portugal braucht Arbeiter



‚Immigranten dürfen nicht von Sozialleistungen leben‘, hetzen Plakate der rechtsradikalen Partei Chega seit den letzten Wahlen noch immer überall in Portugal. Das Land gibt sich neue, extrem verschärfte Ausländergesetze und immer mehr Bürger finden das richtig so. Obwohl höchstens rund 1,5 Millionen Ausländer, fast alle Arbeitsmigranten, in Portugal leben. Das sind etwa 14 Prozent der Landesbevölkerung. Doch Ausländerangst, ja Ausländerhass macht sich breit. Dabei – das zeigen die Zahlen – kann das Land ohne Ausländer nicht mehr überleben: Die Immigranten erhalten nicht mehr Sozialleistungen als Portugiesen und das Sozialsystem des Landes hätte Finanzierungsprobleme ohne sie. Viele Jobs blieben unbesetzt. Von der Bedienung im Café bis hin zu Landarbeitern, die Beeren für den Export in Länder wie Deutschland pflücken.

Eine Studie, veröffentlicht von der Einwanderungsbehörde AIMA und erarbeitet vom portugiesischen Migrationsobservatorium, belegt, wie groß der Beitrag der Gastarbeiter zu den Sozialsystemen des Landes ist: Im vergangenen Jahr zahlten rund 1,1 Millionen Ausländer in die Sozialversicherung ein, weil sie legal in Portugal arbeiteten. Das sind stolze 447 Prozent mehr als zehn Jahre vorher. Die Zahlungen sind sogar um 763 Prozent auf knapp 4,2 Milliarden Euro angestiegen – immerhin 14 Prozent aller Beiträge.

Immigranten halten Land am Laufen

Portugal brauche die Zahlungen der im Land arbeitenden Ausländer, bekräftigt der Soziologe Elísio Estanque, der viel zum Thema Arbeitsmigration geforscht hat. „Portugal ist eines der am stärksten überalterten Länder der EU. Die Sozialversicherung muss immer mehr Renten bezahlen und auch die Gesundheitsausgaben steigen stark. Da leisten ausländische Arbeiter mit ihren Beiträgen einen wichtigen Beitrag.“ Doch nicht nur das. Sie halten praktisch das Land am Laufen: „Die größte Immigrantengruppe, die Brasilianer, ist vor allem im Gewerbe- und Dienstleistungsbereich beschäftigt“, erklärt der Soziologe Estanque. „Sie fahren die Uber-Autos, liefern Essen aus und es gibt kaum ein Geschäft, in dem keine Brasilianer arbeiten.“

Die Brasilianerin Veronica Santos zum Beispiel: Sie ist vor drei Monaten nach Portugal gekommen und arbeitet in einem Restaurant in der mittelportugiesischen Stadt Leiria. Ihr Mann ist Hilfsarbeiter am Bau, beide hatten keine Probleme, einen Job zu finden. „Wir verdienen gutes Geld hier“, sagt Veronica, die Entscheidung, nach Portugal zu kommen, sei richtig gewesen. Zuhause würde sie nicht nur weniger verdienen, gibt die junge Frau Mitte 20 zu bedenken: „Die Unsicherheit ist sehr groß in Brasilien, es gibt viele Verbrechen. Portugal ist viel sicherer.“ Sie und ihr Mann fühlten sich wohl in ihrer neuen Wahlheimat. Zum Thema wachsender Ausländerhass äußert Veronica sich diplomatisch. „Rassisten gibt es überall. In Portugal und auch in Brasilien. Da kann man wohl nichts machen.“

Immigranten als Sündenbock

Rechtsradikale Parteien wie Chega machten die Immigranten zu Sündenböcken für die unsichere Lage, stellt João Neves, Wirtschaftsdozent an der Fachhochschule Leiria, fest. Doch hätten die populistischen Slogans nichts mit der Realität zu tun: „Ohne Gastarbeiter müssten ganze Wirtschaftszweige schließen. Es fehlt an portugiesischen Arbeitskräften. Und die wären selbst dann nicht zu finden, wenn die Löhne stark anstiegen.“

Spanien: Neue Perspektiven für Migranten

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Die Tourismusindustrie zum Beispiel, die für 20 Prozent des portugiesischen Bruttoinlandprodukts stehe, sei auf billige Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Ohne die müssten viele Hotels schließen. Auch viele landwirtschaftliche Betriebe, die vor allem Beeren anbauten und ins Ausland exportierten, hätten ohne Erntehelfer aus Asien keine Arbeiter. Und bei der Sozialversicherung müsste ein großes Loch gestopft werden: 2025 betrug der Überschuss zwischen Einnahmen und Ausgaben bei ausländischen Versicherten stolze 3,3 Milliarden. Geld von vor allem jungen Beitragszahlern, das die Sozialversicherung für Renten-, Arbeitslosen- und Krankengeldzahlungen für eher alte Portugiesen verwenden konnte.

Keine langfristige Einwanderungspolitik

Obwohl die ausländischen Arbeitskräfte dem Land eigentlich nur Vorteile bringen, wachsen Ressentiments und Vorurteile in Portugal. „In den vergangenen Jahren ist es für Ausländer sehr leicht gewesen, zum Arbeiten nach Portugal zu kommen. Es war ein unkontrollierter Ansturm, es gab keine Integrationspolitik. Es entstanden soziale Brennpunkte und das führte zu wachsender Ausländerangst,“ erinnert der Soziologe Elísio Estanque. Doch hätten die Fehler der Vergangenheit zu neuen Fehlern geführt: „Die Vorschläge der Rechtsradikalen, denen die Regierung sich immer mehr angenähert hat, sind unmenschlich, schlecht und keine Lösung für die Probleme des Landes.“ Zu versuchen, die Aufenthaltsdauer der Ausländer zeitlich zu begrenzen und möglichst auf ein halbes Jahr zu verkürzen, schaffe nur neue Schwierigkeiten: „Die Bereitschaft, sich noch mehr ausbeuten zu lassen, steigt. Denn die Immigranten wollen während ihres Aufenthalts möglichst viel Geld für ein besseres Leben in der Heimat verdienen. Sie sind also verletzlicher.“

Portugal fehle eine langfristige und nachhaltige Einwanderungspolitik, findet auch Ökonom João Neves aus Leiria: „Dabei waren wir selbst einmal ein Auswanderungsland, viele Portugiesen sind aus dieser Region zum Arbeiten nach Europa gegangen. Das ist gerade einmal 60 Jahre her und wir haben ganz offensichtlich nichts daraus gelernt.“ Stimmt nicht ganz: Ausländische Arbeiter, die in ihre Heimat zurückkehren, können in Portugal nicht ihre Rentenbeiträge zurückerstattet bekommen, wie etwa in Deutschland. Dieses Geld behält die portugiesische Sozialversicherung.



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