Abschied von Stephen Colbert: Am Ende der Nacht
„Truthiness“ war einmal Satire. Heute klingt der Begriff für etliche Kommentatoren wie eine Vorhersage, die früh ausgesprochen wurde. Als Stephen Colbert ihn 2005 im „Colbert Report“ populär machte, spielte er einen rechten Fernsehmoderator, der nicht auf der Suche nach der Wahrheit war, sondern seine Gefühle und Meinungen zur Wahrheit machen wollte.
Wenn die „Late Show with Stephen Colbert“ an diesem Donnerstag das New Yorker Ed-Sullivan-Theater nach rund 1800 Sendungen verlässt, dann auch aufgrund der Entwicklungen der politischen Kultur in Amerika, die die Kunstfigur in Colberts voriger Sendung so eindrücklich verkörpert hatte. Colberts Karriere lässt sich als langer Versuch betrachten, der Kultur des gefühlten Rechthabens etwas entgegenzusetzen. In der „Late Show“ behandelte er die Auswüchse der „Truthiness“ nicht mehr als bloßes Material für Satire, sondern als Gefahr für die Demokratie.
Zensur nach politischer Kritik?
Dass CBS die „Late Show“ nun einstellt, wurde vielfach mit finanziellen Erwägungen begründet. Late Night sei teuer, die linearen Quoten seien schwächer geworden, die Werbeerlöse nicht mehr zufriedenstellend. All das stimmt als Branchenbeschreibung – auch Colbert sagte in einem Interview mit der „New York Times“, zwei Sachverhalte könnten bekanntlich gleichzeitig wahr sein.
Doch der andere Sachverhalt waren eben seine Kritik an Donald Trump und die politische Rechtsbewegung seines Senders unter der neuen Chefredakteurin Bari Weiss. Und Paramount, die Muttergesellschaft von CBS, brauchte für den Zusammenschluss mit Skydance bekanntlich den Segen der Regierung. Zudem hatte das Unternehmen einen Vergleich über 16 Millionen Dollar geschlossen, um Trumps Klage gegen „60 Minutes“ bei CBS beizulegen. Colbert nannte diese Einigung in seiner Sendung im Juli vergangenen Jahres eine „große fette Bestechung“. Wenige Tage später wusste er, dass sein Vertrag enden würde.
Comedy über den eigenen Sender
Eine kritische Late-Night-Institution verschwindet in dem Moment, in dem ihre Existenz für den Sender politisch unliebsam wird – da benutzen nicht nur linke Kommentatoren Worte wie Zensur, Selbstzensur, vorauseilender Gehorsam. Auch David Letterman, der die „Late Show“ bei CBS 1993 gründete, nachdem NBC ihn nicht zum Nachfolger Johnny Carsons bei der „Tonight Show“ gemacht hatte, schimpfte in einem Interview: Colberts Absetzung sei, wie „durch seine alte Nachbarschaft zu fahren und dort, wo man früher gewohnt hat, einen Sexshop vorzufinden“. Die Verantwortlichen bei CBS seien „lying weasels“, lügende Wiesel, sagte der 79-Jährige.
Colbert, der seinen Sender auch on air öfter kritisiert hatte, legte selbst ebenfalls nach, etwa mit dem komödiantisch dankbaren Angriffspunkt der vermasselten Berichterstattung von „CBS News“ zu Trumps China-Reise. Während andere Sender aus China berichteten, musste der Moderator und Weiss-Favorit Tony Dokoupil aus Taiwan senden, weil seine Redaktion nicht rechtzeitig ein Visum organisiert hatte. Colberts Redaktion machte daraus eine kleine, brutale Farce über den Zustand des Senders unter Weiss. Dokoupil sagte: „Guten Abend, wir befinden uns hundert Meilen vor der Küste von Festland-China.“ Dann kam ein Pannen-Video, in dem ein Mann seinen Kopf in einem Kürbis eingeklemmt hatte, denn die Taiwan-Malaise sei „nicht die einzige Herausforderung für Tony Dokoupil“, hieß es aus dem Off.
Solidarität von Kollegen und Konkurrenten
Colberts letzte Sendungen vor dem Aus sind also keine reinen Abschiedsinszenierungen – obwohl es die natürlich auch gibt, mit hymnischen Würdigungen von Barack Obama, Oprah Winfrey oder John Lithgow. Auftritte von prominenten Trump-Gegnern wie Bruce Springsteen sind auch dazu gedacht, Räume für Kritik zu verteidigen, die gerade eingeengt werden.
Bei der Wiedervereinigung der Late-Night-Talker war das ebenfalls zu sehen: Jimmy Kimmel, Jimmy Fallon, Seth Meyers und John Oliver saßen bei Colbert, jene Kollegen also, mit denen er während des Autorenstreiks 2023 den gleichnamigen Podcast „Strike Force Five“ betrieben hatte, der für eine „Notfall-Folge“ noch einmal wiederbelebt wurde. Colbert scherzte, es sei gefährlich, dass so viele Late-Night-Moderatoren in einem Raum versammelt seien; Jon Stewart sei der „Designated Survivor“, damit noch jemand übrig bleibe, auf den der Präsident wütend sein könne.
Colbert, der gerade 62 Jahre alt wurde, wolle auch in Zukunft „Comedy machen“, sagte er kürzlich in einem Interview mit der „New York Times“. Er arbeitet außerdem an einem Drehbuch für einen neuen „Herr der Ringe“-Film. Darüber hinaus sei er unsicher, was als Nächstes komme, weil die Show bisher „etwa 95 Prozent meines Gehirns beansprucht“ habe, so Colbert. Komiker seien von Natur aus antiautoritär, sagte der Moderator auch, ohne das Aus seiner Sendung direkt Trump anzukreiden, „und autoritäre Menschen werden nie jemanden mögen, der über sie lacht“.
Über die Pläne für Colberts letzte Sendung ist noch nicht viel bekannt. In der vorletzten Show sollen Überraschungsgäste zur Abwechslung ihn befragen. Ganz am Ende der dann wirklich letzten Late-Show-Nacht wird Colbert vermutlich allen danken, seinem Team, seiner Familie, dem Publikum und wahrscheinlich sogar dem Sender. Denn der Moderator ist auch dafür bekannt, ein Gentleman zu sein, und Höflichkeit kann die schärfste Waffe sein, wenn der eigentliche Kampf entschieden ist.
Dass CBS Colberts Sendeplatz dann umgehend mit Byron Allens „Comics Unleashed“ füllen wird, einem billigeren und weniger tagespolitischen Format, ist mehr als ein Programmwechsel. Aus einem einstigen Aushängeschild wird damit ein austauschbarer Programm-Slot, der keinen Ärger verursachen soll. Es ist eine kulturelle Selbstverzwergung, wenn auch eine politisch opportune.
