Rüstung: Die neue Abwehrbereitschaft | FAZ
Jürgen Fleischer macht sich auf eine Mission. Er fährt mit einem kleinen Team von Mitarbeitern durch Baden-Württemberg und sieht sich zahlreiche Betriebe an. Sein Ziel: „Wir schauen hier, welche Möglichkeiten bislang zivil ausgerichtete Firmen haben, eventuell auf Rüstung umzuschwenken.“ Der Anstoß dazu kam aus der Staatskanzlei in Stuttgart. Bis Ende des Jahres soll ein Überblick vorliegen. Fleischer, der die Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik leitet, spricht von Zwängen und Notwendigkeiten, neuen Dual-Use-geprägten Ansätzen der Industrie und einem Leitfaden.
Der Maschinenbau-Professor am prestigeträchtigen Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sagt, die politische Großwetterlage werde schwierig und die Bedrohung wachse. „Wir sind immer noch im Frieden, immer noch im Normal- und nicht im Bündnis-, Spannungs- oder gar Verteidigungsfall.“ Man habe aber das Gefühl, dass sich das gerade ändere. „Wir müssen daher auf alles vorbereitet sein.“ Die Bürokratien in Brüssel und Berlin sind allerdings komplex und langsam. So gehe man im deutschen Südwesten nun einfach mal voran.
Tausende namhafte Industriebetriebe

Baden-Württemberg ist mit den Großräumen Stuttgart und Bodensee seit langer Zeit ein Zentrum der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Darüber hinaus hat es rund 4000 namhafte Industriebetriebe. Viele von ihnen sind spezialisiert; viele sind mit ihren Produkten und Diensten auf kleinen, attraktiven und wichtigen Märkten tätig; und viele sind führend in der Welt. Hidden Champions; versteckte Weltmarktführer. Einige von ihnen sind seit Jahrzehnten in der Rüstungsindustrie involviert. Andere schlossen diese Kundschaft für sich bislang aus. Das ändere sich derzeit, sagt Fleischer.
Die Ausgaben für Rüstung und Verteidigung im Deutschland des Jahres nach dem Mauerfall hatten mit knapp 40 Milliarden Dollar nach Angaben der Weltbank 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes betragen. Die Summe blieb bis 2015 konstant; gemessen an der Wirtschaftsleistung aber ging der Betrag steil und stetig bergab – bis auf 1,1 Prozent des BIP. Nun geht er schnell wieder bergauf. Bereits im kommenden Jahr könnte Berlin erstmals mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr für Verteidigung ausgeben.
Nach den letzten öffentlich verfügbaren Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums verbuchte die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie 2022 einen Jahresumsatz von 47 Milliarden Euro. Zwei Drittel der Summe entfallen auf die Verteidigungs-, ein Drittel auf die Sicherheitsbranche. Die gesamte Industrie beschäftigt nach Ministeriumsangaben knapp 390.000 Mitarbeiter und ist mittelständisch strukturiert. Knapp 40 Prozent der Unternehmen sind kleine und mittelgroße Betriebe.
„Eine gesellschaftliche Verpflichtung“
Deutschland sei schon heute mit seinen Ausgaben auf Rang vier der großen Rüstungsnationen, schreibt das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI im Jahresbericht 2025. Überdies sei es nach Amerika der größte Geldgeber im Verteidigungskampf der Ukraine. Ferner werden hierzulande einer der besten Kampfpanzer, eines der besten U-Boot-Modelle und einer der weltweit besten Marschflugkörper gebaut. Eines der Zentren für die technologischen Entwicklungen ist Baden-Württemberg.
Hier arbeiten Firmen wie Diehl Defence und Heckler & Koch. Hier sitzen Tochtergesellschaften internationaler Rüstungsriesen wie Thales, Safran und Northrop. Hier rücken zivile Konzerne wie Heidelberger Druck gerade enger an Partner aus der Rüstungsindustrie. Autozulieferer wie ZF bieten alte Standorte für neue Waffenfabriken an. Bislang pazifistisch orientierte Eigentümerfamilien wie die des Laserspezialisten Trumpf öffnen sich angesichts der bedrohlichen Lage in und um Europa für Rüstung.
Trumpf hatte im November angekündigt, mit der Münchner Rohde-&-Schwarz-Gruppe Waffen zur Verteidigung auf Basis von Lasern herzustellen. „Wir sind mit Hochdruck dabei, die Strukturen aufzubauen, Mitarbeiter zu finden und Prozesse einzurichten“, erklärte Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller im Februar gegenüber der F.A.Z. Es gehe um die Sicherheit von Deutschland und Europa. „Wir sehen unser Engagement als Firma darum als gesellschaftliche Verpflichtung.“
Die 1995 aus der Friedensbewegung erstandene Informationsstelle Militarisierung in Tübingen erstellt alle zehn Jahre einen Rüstungsatlas der Rüstungsbranche in Baden-Württemberg. Bei der letzten Kartierung 2017 listete das Team um Andreas Seifert rund 70 Standorte auf. Seitdem seien in Summe noch einige hinzugekommen, sagt er. Viele kleine und ein paar große. Die meisten seien ein Ergebnis der Zeitenwende. Rund um Stuttgart und rund um den Bodensee seien die Zentren der Branche.
Andere Gütesiegel, andere Zertifikate, andere Standards
Angesichts der Lage in der Welt ändere sich hier gerade etwas, sagt Fleischer und wirft in diesem Zusammenhang ein paar große Fragen in den Raum: Wo stehen wir? Was benötigen wir? Was können wir? Und was können wir noch nicht? Er spricht von einer neuen Ebene in den hiesigen Industriestrukturen, von Resilienzen, Redundanzen, innovativen Kooperationen und kooperativen Innovationen. Vor allem spricht er von „Dual-Use“. Ein Wort, das man in der deutschen Öffentlichkeit lange Zeit nicht hörte.
Der Begriff bezeichnet Produkte und Technologien, die für zivile Zwecke entwickelt, aber auch militärisch einsetzbar sind. Und das habe es in sich, sagt Fleischer. Denn es bräuchte viel Flexibilität in der Fertigung, höchste Ansprüche bei der Qualität, wirklich reißfeste und sichere Lieferketten. Doppelte Böden und dreifache Absicherungen. Dual-Use-Güter unterlägen strengen Kontrollen und strikten Genehmigungsverfahren. Und dafür gebe es spezielle Gütesiegel, Zertifikate und Standards.
Dazu gehöre die europäische Norm EN 9100 für die Luftfahrt-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie. Dazu gehöre auch das „Standardization-Agreement“ der NATO. Dieses sogenannte STANAG-Übereinkommen der 32 Vertragsstaaten soll sicherstellen, dass die oft sehr verschiedenen Techniken und Technologien der Armeen auch im Zusammenspiel funktionieren. Die Militärs sprechen von Interoperabilität. Die aber koste Geld, Zeit und Produktivität. Produktivität? „Ja, Produktivität!“, sagt Fleischer.
Denn zivile Industrien wie die Autobranche oder der Haushaltsgerätebau seien auf hohe Stückzahlen und entsprechend effiziente Fertigungen ausgelegt. Die Rüstungsindustrie dagegen verlange oft nur kleine Stückzahlen. Warum? Weil man hier einfach nicht so viel brauche. Das schlage sich in der Produktion nieder. Neue Produktionskonzepte wie die der sogenannten Industrie 4.0 könnten bei der nötigen Flexibilisierung der Fertigung helfen. „Letztlich aber muss es eine spezielle Produktion geben.“
Bisher habe die deutsche Industrie für Friedenszeiten produziert, sagt Fleischer. Was aber, wenn sie von heute auf morgen auch für andere Zeiten fertigen müsse? Da komme Dual Use ins Spiel. „Die Unternehmen müssen an Transformationsfähigkeit gewinnen. Dafür müssen wir wissen, wo wir ansetzen können. Dann wollen wir die Daten auswerten und schließlich den Leitfaden für jene Firmen erstellen, die sich vorstellen können, auch in die Rüstung zu gehen.“ Dann sei die Politik wieder am Zug – auch und vor allem die in Brüssel und Berlin.
