Wettlauf um Usbekistans Kupfer | tagesschau.de
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Gold, Erdgas, Uran – und Kupfer: Usbekistans Wirtschaft wächst wegen seiner großen Rohstoffvorkommen kräftig, das Land wird international umworben. Kann die EU in diesem Wettbewerb mithalten?
Wer Usbekistans Hauptstadt Taschkent Richtung Südosten verlässt, landet nach 70 Kilometern in der Kleinstadt Olmaliq – und kurz danach in einer Mondlandschaft. Seit 1959 wurden hier 1,3 Milliarden Tonnen kupferhaltiges Gestein aus dem Boden gesprengt und weggebaggert. Das Ergebnis ist ein vier Kilometer langes und fast dreihundert Meter tiefes Loch.
Etwas weiter entsteht schon der nächste Krater. Vor acht Jahren hätten hier noch Häuser gestanden, in fünf Jahren werde die ganze Region Teil einer Rohstoff-Superlative sein, erklärt Projektleiter Agzam Askarov:
Wenn diese beiden Tagebaue vereint sind, werden sie eine Länge von elf Kilometern haben. Es wird dann der größte Kupfertagebau der Welt sein.
Lange Güterzüge transportieren die in Usbekistan gewonnenen Rohstoffe ab. Die Bodenschätze haben dem Land einen Boom beschert.
Ein Rohstoff für viele Zwecke
Das sind Nachrichten, die nicht nur Askarows Firmenleitung oder Staatspräsident Schavkat Mirziyoyev gern hören, sondern praktisch der gesamte globale Norden. Denn dessen Hunger nach Rohstoffen wird immer größer.
Neben Kupfer werden in Olmaliq auch Gold, Silber, Zink, Wolfram und Molybdän gewonnen. Die Bedeutung besonders kritischer Rohstoffe wächst, und dazu zählt inzwischen auch Kupfer. „Die Nachfrage nach Kupfer wird bis 2050 weltweit um etwa 40 Prozent steigen“, sagt Askarov. „Erstmal braucht man es für die grüne Energie. Und dann vor allem für die Digitalisierung. All diese Prozesse brauchen Kupfer.“
Neue Stromnetze, Infrastruktur für E-Autos und erneuerbare Energien oder der Energiehunger der künstlichen Intelligenz, aber auch die weltweit steigende Rüstungsproduktion: Nach Projektionen der Internationalen Energieagentur und der UN könnte es bei Kupfer schon in den nächsten Jahren zu einem echten Angebotsmangel kommen. Anders als Askarov rechnen die Experten sogar mit einer Verdoppelung der Kupfer-Nachfrage schon bis 2040.
Kein Wunder, dass Usbekistans Präsident Mirziyoyev überall zu einem gern gesehenen Gast geworden ist. Im vergangenen Jahr unterzeichnete er mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Erweiterung eines bestehenden Partnerschaftsabkommens. Zum Jahresende gab es einen Empfang im Weißen Haus, gemeinsam mit Mirziyoyev und vier weiteren Amtskollegen aus Zentralasien. Sie alle haben etwas in Sachen Rohstoffen zu bieten. Milliardenschwere Abkommen wurden am Ende angepeilt.
Von Mirziyoyev gab es Lob für Trump: „Vor Ihnen hat kein US-Präsident Zentralasien so behandelt, wie Sie es jetzt tun. Ich und meine Kollegen sind Ihnen sehr dankbar.“
Auf der Suche nach den Startblöcken
Während die EU und die USA in Zentralasien noch ihre Startblöcke suchen, sind andere schon lange in der Sprintphase. China interessiert sich für Kupfer, aber auch für Uran, Erdgas und seltene Erden. Aber Peking geht es nicht nur um Rohstoffsicherung, sondern auch um die Absicherung von Lieferketten und um politischen Einfluss in der Nachbarschaft.
All das gilt auch für Russland, das seine geostrategische Macht in der Region erhalten will und dabei zusätzlich auf politische und militärische Zusammenarbeit setzt. Das Ziel aller Wettbewerber ist, den Zugriff auf die Rohstoffe zu sichern und den eigenen politischen Einfluss zu stärken.
Auch Deutschland ist mit dabei, etwa bei Krediten für eine neue Kupferschmelze in Olmaliq. Für einen Rohstoff, dessen Wert sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt hat. 150.000 Tonnen Kupfer werden hier jährlich in Platten gegossen. Bis 2030 soll es dreimal so viel sein.
Islam Umaraliyev, Chefkupferingenieur, sieht die Chancen auch für die EU steigen: „Mit der Zeit werden wir die Kapazität unseres Kupferkombinats erhöhen, und dann werden auch die Lieferungen in die Europäische Union zunehmen.“
Die neuen Partnerschaften könnten manche Abhängigkeit von Rohstofflieferungen, etwa aus China, vermindern. Doch für eine Reihe seltener Erden, die bei grüner Energie oder für die Rüstungsindustrie eine Rolle spielen, wird das nicht gelingen. Hier kontrolliert China etwa 60 Prozent des Abbaus und mehr als 90 Prozent der Verarbeitung.
Nicht weit von der usbekischen Hauptstadt Taschkent befindet sich Olmaliq – und damit wohl bald der weltgrößte Kupfertagebau.
Perspektiven und ihr Preis
Usbekistan und seine Nachbarn können trotzdem zufrieden sein: Mit dem steigenden Gewinn aus der Förderung bauen sie ihre weiterverarbeitende Industrie aus.
Und die Menschen in Olmaliq? Sie werden weiter eine sichere Arbeit haben. Dass viele Familien umgesiedelt werden, um der Grube neuen Platz zu schaffen, dürfte nicht viele stören, glaubt Minenarbeiter Jamal Gayipov: „Jeden Tag gibt es Explosionen – das Haus wackelt, jeden Tag müssen wir etwas reparieren. Wir sind müde. Und wenn es Explosionen gibt, schreien die Kinder ‚Mama!‘, ‚Papa!‘.“
Der Wettlauf um die Rohstoffe Zentralasiens hat begonnen. Wer am Ende auf der Gewinnerseite steht und wer verliert, könnte sich noch in diesem Jahrzehnt entscheiden.

