Nur starkes Israel kann Frieden erreichen


Es ist kein Tag wie jeder andere, an dem das DW-Interview mit Israels Botschafter Ron Prosor in Berlin stattfindet, auch für den Interviewgast nicht. An diesem Tag gedenkt Israel der gefallenen Soldaten und der Opfer von Terroranschlägen. Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis das Kamerateam dort angelangt ist, wo das Gespräch in der israelischen Botschaft im Südwesten der deutschen Hauptstadt stattfinden soll.

Heute stehe Israel unter Druck, werde angegriffen, auch 78 Jahre nach seiner Gründung, sagt Prosor zu Beginn des Interviews mit DW-Hauptstadtkorrespondent Simon Young: „Das ist wirklich ein sehr spezieller Tag heute. Denken Sie nur daran, wie das war, als Sie heute hierhergekommen sind. An das große Ausmaß der Sicherheit, das Sie hier gesehen haben. Das unterstreicht, unter welchen Bedingungen israelische Botschafter und Diplomaten auf der ganzen Welt gerade arbeiten müssen.“

Botschafter: Iranische Waffen bedrohen auch Europa

Seit der Staatsgründung im Jahr 1948 sei Israel eigentlich ständig im Krieg, fügt Prosor hinzu. An diesem Tag würden viele Israelis derjenigen gedenken, die es möglich gemacht hätten, dass die Menschen in Israel weiter in Freiheit und Demokratie leben könnten.

Aber Israel steht massiv in der Kritik, weltweit und auch in Deutschland: erst der Krieg im Gaza-Streifen,  jetzt die Angriffe auf den Iran und den Libanon. Prosor beginnt mit dem Krieg Israels und der USA gegen den Iran: „Über viele Jahre haben Europa und andere Staaten mit dem Iran über sein Atomprogramm verhandelt. Der Iran hat nicht nur sein Atom-Programm nicht gestoppt, sondern auch ballistische Raketen entwickelt, sie nach Moskau gebracht.“ Von dort würden sie in Kiew eingesetzt und bedrohten den europäischen Hinterhof.

Was Israel betreffe, so der Botschafter weiter, stelle der Iran eine existenzielle Bedrohung für das Land dar: „Die Herrscher im Iran wollen den Staat Israel auslöschen. Wir sollten alle begreifen: Diese Ideologie ist tödlich. Wir sehen das bei der Hamas, wir sehen das bei der Hisbollah und beim Iran.“

Zwei iranische Raketen stehen im Freien vor einem Kriegsmuseum, im Hintergrund ist die grün-weiß-rote iranische Flagge zu sehen
Raketen in einem iranischen Kriegsmuseum. Israels Botschafter Prosor sagt: Iranische Raketen werden nach Moskau gebracht und bedrohen auch EuropaBild: Morteza Nikoubazl/NurPhoto/IMAGO

Haben die vielen Militäraktionen nach dem 7. Oktober 2023, als die radikal-islamische Hamas einen Terroranschlag auf das Land verübte, Israel wirklich sicherer gemacht? Prosor hat darauf eine klare Antwort: „Wie sieht die Region im Nahen Osten jetzt aus? Im Libanon gibt es erstmals eine Regierung ohne die Hisbollah. (Der frühere syrische Machthaber) Assad trinkt Wodka in Moskau. Die Mullahs und Ajatollahs im Iran sind geschwächt. Die Führer der Hisbollah sind geschwächt. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Region zu verändern.“

Prosor zu Zwei-Staaten-Lösung: Deutsche Politiker reden wie Papageien

Auch die Beziehungen zu Deutschland sind gerade schwierig. Deutsch-israelische Regierungskonsultationen gab es zuletzt vor acht Jahren. Immer wieder kritisiert die Bundesregierung die israelische Regierung, warnt sie vor weiteren Angriffen im Libanon, die ein Ende des Krieges gegen den Iran verhindern würden. Das Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen steht auch im politischen Berlin massiv in der Kritik, ebenso die Gewalt, die von jüdischen Siedlern im Westjordanland ausgeht.

Prosor sagt: „Es gibt viele Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschland und Israel. Darauf könnten wir uns natürlich konzentrieren. Oder wir konzentrieren uns auf das halbvolle Glas.“ Er spricht an, wer Israel seit dem Angriff der Hamas besucht habe: „der Bundespräsident, Außenminister, der Kanzler, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, die Präsidentin des Bundestages. Das ist einzigartig innerhalb Europas“.

Dann kommt der Botschafter auf die Zwei-Staaten-Lösung zu sprechen, auf die Forderung nach einem sicheren Staat Israel und einem ebenso sicheren palästinensischen Staat. Prosor sagt über Deutschland: „Viele Politiker wiederholen die Forderung nach einer Zwei-Staaten-Lösung wie Papageien.“

Zwei Männer in dunklen Anzügen, Bundeskanzler Friedrich Merz und der israelische Premier Benjamin Netanjahu, stehen bei einer Pressekonferenz hinter Stehpulten mit Mikrofonen. Im Hintergrund sind die Flaggen Deutschlands und Israels zu sehen
Bundeskanzler Friedrich Merz (li.) und Israels Premier Benjamin Netanjahu im Dezember 2025 in JerusalemBild: Michael Kappeler/dpa/picture alliance

Ron Prosor: Nur ein starkes Israel kann Frieden erreichen

Der Botschafter führt aus: Zwischen 2004 und 2007 sei er Generaldirektor des israelischen Außenministeriums gewesen und habe mit am Rückzug Israels aus Gaza im Jahr 2005 gearbeitet. Damals habe auch er auf eine friedliche Lösung gehofft: „Ich habe daran geglaubt. Ich denke, viele Israelis haben daran geglaubt.“

Aber nach dem 7. Oktober 2023 hätten sich die Dinge geändert: „Wir werden einerseits alles tun, um mit denjenigen zu reden, die wirklich Frieden wollen. Und auf der anderen Seite werden wir den Schild Davids ganz fest vor der Brust halten, weil nur ein wirklich starkes Israel Frieden in der Region erreichen kann.“ Der Davidstern (im Hebräischen „Schild Davids“ genannt) ist ein anerkanntes Symbol, das sowohl die jüdische Identität als auch die jüdische Religion, das Judentum, repräsentiert.

Prosor rät Merz zu mehr Fingerspitzengefühl

Zum Schluss widmet sich Prosor einer aktuellen Kontroverse zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und dem rechtsextremen israelischen Finanzminister Bezalel Smotrich. Merz hatte nach einem Telefonat mit Israels Premier Benjamin Netanjahu seine Besorgnis darüber geäußert, dass es zu einer „De-facto-Annexion des Westjordanlands“ durch Israel kommen könnte. Smotrich hatte daraufhin auf der Plattform „X“ gepostet: „Die Zeiten, in denen Deutsche Juden vorschrieben, wo sie leben durften und wo nicht, sind vorbei und werden nicht wiederkehren.“

Prosor versucht im DW-Interview, die Wogen zu glätten. Schon vor einer Woche hatte er den Kanzler in Schutz genommen als Freund Israels, jetzt sagte er der DW, Merz habe seine Meinung ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag in Israel geäußert.

Prosor fragt: „War es richtig, das an diesem Tag zu sagen? Das war der Grund, warum unser Minister so reagiert hat: Es war der Tag des Gedenkens an den Holocaust. Eine Frage des Fingerspitzengefühls. Merz hätte es einen Tag später sagen können.“

Das Interview mit Ron Prosor wurde in englischer Sprache geführt.



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