Was ist über den Fall bekannt?


„Hipp ist Opfer einer Erpressung“ – so beginnt die Pressemitteilung des großen deutschen Herstellers von Babynahrung. Am Wochenende waren in Österreich und zwei Nachbarländern Gläschen aufgetaucht, deren Inhalte mit Rattengift versetzt waren. Die staatliche österreichische Ernährungssicherheits-Agentur AGES gab eine Warnung heraus, die Supermarktkette SPAR startete einen Rückruf. Nun liegt der Fokus auf der Suche nach dem Urheber.

Was ist im aktuellen Fall bekannt?

Ermittelt werde gegen Unbekannt wegen „Verdachts der versuchten Erpressung“, teilte die Kriminalpolizei Ingolstadt am Montag auf DW-Anfrage mit. Sie ist zuständig, weil Hipp in der südostdeutschen Stadt Pfaffenhofen an der Ilm sitzt. Die Polizei berichtet von fünf sichergestellten Gläsern in drei Ländern.

Das erste Glas war bei Eisenstadt im Burgenland aufgetaucht, dem östlichsten Bundesland Österreichs. Erste Laboruntersuchungen ergaben, dass das 190-Gramm-Glas Karotte mit Kartoffel mit Rattengift verseucht war. Nach einem zweiten mutmaßlich vergifteten Gläschen im Burgenland wird noch gesucht.

Zwei weitere kontaminierte Gläschen wurden in einem Supermarkt in der tschechischen Stadt Brno entdeckt. Die dortige Staatsanwaltschaft erklärte laut lokalen Medien, beide Gläschen seien mit einem weißen Aufkleber mit einem roten Kreis markiert gewesen, wie es der mutmaßliche Täter in einer Email beschrieben habe. Eine solche Markierung beschreibt auch die AGES-Mitteilung. Und auch in der Stadt Dunajská Streda im Süden der Slowakei wurden kontaminierte Gläser entdeckt.

Woran erkennt man, ob die eigenen Hipp-Gläser betroffen sein könnten?

Alle Gläser hatten gemein, dass die Deckel beschädigt waren und beim Öffnen nicht mehr ploppten. Babynahrung wird, wie viele andere Lebensmittel, heiß ins Glas gefüllt und mit einem Schraubdeckel verschlossen; beim Abkühlen entsteht so ein Unterdruck. Dadurch bietet das Plopp-Geräusch beim Öffnen die Bestätigung, dass das Glas seit dem Befüllen nicht mehr geöffnet wurde. Laut Hipp handelt es sich um „kriminelle externe“ Manipulationen, die außerhalb des Werksgeländes stattgefunden haben müssten.

Babynahrung in auf Tschechisch beschrifteten Gläschen
Auch in Tschechien sowie der Slowakei sind kontaminierte Gläschen aufgetauchtBild: Stanislav Hodina/AP Photo/picture alliance

Die Kriminalpolizei Ingolstadt rät dazu, genau auf das vertraute Ploppen zu achten, am Glasinhalt zu riechen und bei Auffälligkeiten unbedingt die örtliche Polizei zu verständigen und keinesfalls die Babynahrung zu verfüttern. Ähnlich äußerte sich auch der Hersteller.

Welche früheren Fälle gab es?

In einem der bekanntesten Fälle war der Täter selbst Polizist bei der britischen Kriminalpolizei Scotland Yard: Rodney Whitchelo kaufte 1988/89 Babynahrung, versetzte sie mit Chemikalien oder Rasierklingen und stellte die Gläschen anschließend zurück ins Regal. Er forderte vier Millionen Pfund von den Herstellern und wurde 1990 zu 17 Jahren Haft verurteilt. Dieser und andere Fälle der 80er-Jahre trugen schließlich mit dazu bei, dass die Hersteller manipulationssichere Plopp-Verschlüsse einführten.

2017 tauchten im südwestdeutschen Friedrichshafen am Bodensee mehrere Gläschen mit Babynahrung auf, die mit einem Frostschutzmittel versetzt waren – jeweils in einer potenziell tödlichen Dosis. Der Täter wollte damals rund zwölf Millionen Euro von einer Supermarktkette erpressen. Nach mehreren Gerichtsverfahren sitzt er derzeit eine Haftstrafe von zehn Jahren und sechs Monaten ab.

Tylenol-Packungen im Supermarkt
Keine Babynahrung, aber ebenfalls einst im Zentrum einer Erpressungsmasche: 1982 versetzte ein Krimineller in den USA Schmerzmittel mit Cyanid. Er wurde wegen Erpressung verurteilt, doch nicht für die Tötung mehrerer Personen, die nach Schmerzmitteleinnahme gestorben warenBild: Michele Eve Sandberg/Sipa USA/picture alliance

Wiederum in Großbritannien versuchte 2018 ein Täter 1,4 Millionen Pfund in Bitcoin zu erpressen. Zuvor hatte er mehrere Gläschen mit Metallstücken versetzt und drohte, weitere unter anderem mit Salmonellen zu kontaminieren. Videoaufnahmen eines Supermarkts führten damals zum Täter. Er wurde im Herbst 2020 zu 14 Jahren Haft verurteilt, von denen drei aus einem anderen Delikt stammten.

In Polen wurde im vergangenen Sommer ein Mann festgenommen, der mit Vergiftungsdrohungen Lösegeld erpresst haben soll. Hier gibt es noch kein Urteil, und es wurden auch keine kontaminierten Waren festgestellt.

Ein Fall der jüngeren Vergangenheit ist hingegen anders gelagert: Als rund um den Jahreswechsel Säuglingsnahrung von Danone, Nestlé sowie weiteren Produzenten zurückgerufen wurde, ging es um das Bakteriengift Cereulid. Inzwischen ist bekannt, dass ein Zusatzstoff verunreinigt war, den die Hersteller vom selben chinesischen Zulieferer bezogen hatten. Vorsatz oder gar erpresserische Absichten waren dabei jedoch nicht im Spiel. Als Reaktion hat etwa die EU überhaupt erst einen Grenzwert für Cereulid eingeführt.

Warum wird immer wieder Babynahrung vergiftet?

Schutzlose Babys zu gefährden und ihr Leben für Lösegeldforderungen auszunutzen, dürfte vielen Menschen besonders niederträchtig vorkommen – und garantiert deshalb einem Täter maximale Aufmerksamkeit. Hinzu kommt: Babynahrung gibt es in unzähligen Geschäften, sodass Täter viele mögliche Zugriffspunkte haben.

Insgesamt untersteht Babynahrung jedoch vergleichsweise engmaschigen Kontrollen der ohnehin strengen Vorgaben, um die Gefahren zu minimieren. Hersteller beschränken Zugang zu ihren Fabriken und setzen neben den bereits erwähnten manipulationssicheren Verpackungen auf Chargennummern, sodass einzelne Produkte besser zurückgerufen werden können. Auch manche Händler erhöhen die Sicherheit, indem sie Videokameras anbringen – und so Täter wie 2018 in Großbritannien keine Möglichkeit geben, ungesehen kontaminierte Gläser ins Regal zu stellen.

HIPP: Seit 60 Jahren Bio-Babykost

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