Belarus lässt Journalisten nach fünf Jahren Straflager frei


„Andrzej Poczobut ist frei. Willkommen in der polnischen Heimat, mein Freund“, schrieb der polnische Regierungschef Donald Tusk am Dienstag auf der Plattform X.  Polens Regierungschef begrüßte den Freigelassenen am Mittag am polnisch-belarussischen Grenzübergang Bialowieza-Piererow. Tusk nannte den Journalisten „standhaft“. Dieser hatte insgesamt 1860 Tage in Gefängnissen und Straflagern in Belarus verbracht, ohne das Regime in Minsk um Gnade zu ersuchen.

Vor Journalisten in Warschau betonte Tusk später, eine Schlüsselrolle bei Poczbuts Freilassung hätten die Amerikaner gespielt. Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski bedankte sich ausdrücklich bei Trump. „Dies ist ein Beispiel für eine hervorragende Allianz mit den USA. Dieser Tag wäre ohne Präsident Donald Trump und seine Entscheidung nicht möglich gewesen“, sagte der polnische Chefdiplomat.

Wichtige Rolle der USA bei dem Gefangenenaustausch

„Es bedurfte rationaler Gespräche mit dem belarussischen Staatschef. Ich war fünf oder sechs Mal dort. Wir haben einfach gesprochen. Wir forderten ihn auf, das Richtige zu tut. Es ist uns gelungen“, erläuterte der US-Unterhändler für Belarus John Coale. Die Freilassung sei „ein Ergebniss von mehr als zweijährigen diplomatischen Bemühungen“, fügte Tusk hinzu. An den Verhandlungen nahmen auch Rumänien, Moldau und Russland teil.

Polen Warschau 2025 | Plakat für inhaftierten Journalisten Andrzej Poczobut
Seit mehr als zwei Jahren gab es immer wieder diplomatische Bemühungen und Verhandlungen zur Freilassung von Andrzej PoczobutBild: Jaap Arriens/NurPhoto/picture alliance

Beim Gefangenenaustausch wurden laut der polnischen Nachrichtenagentur PAP fünf Häftlinge – drei Polen und zwei Moldauer – aus Gefängnissen in Belarus und Russland gegen fünf Personen, die unter anderem in der EU wegen Spionage für Russland festgenommen worden waren, ausgetauscht.  

„Sie dachten, sie könnten mich einschüchtern, brechen, aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen“, sagte Poczobut auf dem Weg nach Warschau. Der abgemagerte Mann, der bei der Einlieferung in die Strafkolonie 93 Kilogramm wog, wiegt nun nur noch 74 Kilogramm. Es kommen immer neue Details ans Tageslicht: Poczobut soll 167 Tage im Karzer – einer Einzelzelle mit Betonboden – verbracht haben. „Man wollte mich psychisch erledigen“, sagte er. „Nur geschlagen haben sie mich nicht.“

Poczobut pocht auf Recht auf Rückkehr

„Als KGB-Funktionäre mir gegen 3 Uhr sagten, dass ich nach Polen zurückkehre, habe ich zunächst abgelehnt. Ich verlangte eine Garantie, dass ich zurückkehren kann. Ein Vertreter der polnischen Botschaft sowie belarussische Beamten bestätigten, dass ich nach Belarus zurückkehren kann“, sagte Poczobut seinem Redaktionskollegen Bartosz Wielinski, wie die Gazeta Wyborcza berichtete. Beim Übertreten der Grenze hielt Poczobut seinen belarussischen Pass fest, hieß es in der Zeitung. 

Auch Tusk versicherte, Polens Regierung werde jede Entscheidung über seine Zukunft akzeptieren und ihm umfassende Hilfe gewähren, unabhängig von seiner Entscheidung.

Der polnischstämmige Journalist berichtete seit mehr als zwei Jahrzehnten für die linksliberale polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza aus Belarus. Wegen seiner kritischen Berichterstattung stand er seit langem mit dem belarussischen Regime von Alexander Lukaschenko auf Kriegsfuß. In den Jahren 2010 und 2011 wurde er wegen der Teilnahme an Protestveranstaltungen zweimal verhaftet. Während der Massenproteste nach der gefälschten Präsidentenwahl vor fünf Jahren spitzte sich der Konflikt zwischen ihm und dem belarussischen Regime weiter zu.

Belarus Hrodna 2023 | Journalist Andrzej Poczobut im Angeklagtenkäfig vor Gericht
Andrzej Poczobut im Angeklagtenkäfig vor GerichtBild: Leonid Shcheglov/AP Photo/picture alliance

Am 25. März 2021 stürmten Mitarbeiter des Geheimdienstes KGB seine Wohnung in Grodno und beschlagnahmten seine Computer, Dokumente und polnischen Bücher. Poczobut selbst wurde festgenommen. Nach der Verhaftung des Journalisten meldete sich Lukaschenko selbst zu Wort. „Eine illegale Organisation in Grodno glorifizierte offen Banditen und Nazis“, donnerte der Diktator. Danach begann für Poczobut eine lange Odyssee durch verschiedene Haftanstalten in Belarus.  

Odyssee durch belarussische Gefängnisse

Poczobut wurde unter anderem in ein Gefängnis in der Hauptstadt Minsk eingeliefert, in dem im 19. Jahrhundert polnische Aufständische inhaftiert waren und wo im Zweiten Weltkrieg polnische Staatsbürger durch die sowjetische Geheimpolizei NKWD hingerichtet worden waren. Um seinen Widerstand zu brechen, wurde der Journalist in einen Flügel der Haftanstalt verlegt, in dem die zum Tode verurteilten Häftlinge untergebracht waren.

Nach einem Schauprozess wurde Poczobut 2023 wegen „Anstiftung zum nationalen und religiösen Hass“ sowie „Befürwortung des Nazismus“ zu acht Jahren Haft verurteilt. Er wurde in die berüchtigte Strafkolonie Nr. 1 gebracht – ein Lager mit verschärften Haftbedingungen im Norden des Landes, nicht weit von der russischen Grenze. Die ersten Monate verbrachte er dort in einer Einzelzelle.

Gefährliche Mischung: Regime-Kritiker und Pole

Poczobut gehört der polnischen Minderheit im 9,1 Millionen-Einwohnerstaat Belarus an, die nach verschiedenen Schätzungen zwischen 300.000 und einer Million Menschen zählt. Der 53-jährige Journalist, der nur einen belarussischen Pass hat, war auch in einem Verein der Polen in Belarus tätig. Mit ihm wurden zwei Aktivistinnen dieses Vereins festgenommen. Sie wurden inzwischen freigelassen.

Seit seiner Verurteilung 2023 berichteten polnische Medien immer wieder von geheimen Verhandlungen, die zur Freilassung Poczobuts führen sollen. Doch weder beim vorletzten, von den USA eingefädelten Gefangenenaustausch, noch bei früheren Deals kam der Journalist frei.

Für seinen Mut und seine Standhaftigkeit wurde der inhaftierte Journalist mit dem Sacharow-Preis für geistige Freiheit des Europäischen Parlaments 2025 ausgezeichnet – zusammen mit der georgischen Journalistin Msia Amaghlobeli. Der Sacharow-Preis ist eine Auszeichnung des Europäischen Parlaments, die seit 1988 jährlich vergeben wird. Er erinnert an den russischen Physiker und Dissidenten Andrej Sacharow und ehrt Personen, Gruppen oder Organisationen, die sich außergewöhnlich für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzen.

„Der Sacharow-Preis wartet, Poczobut kann endlich die Auszeichnung persönlich entgegennehmen“, sagte der polnische Europa-Abgeordnete Andrzej Halicki.

Laut Tusk wurden neben Poczobut auch der Geistliche Grzegorz Gawel und ein belarussischer Staatsbürger, der mit dem polnischen Geheimdienst zusammenarbeitete, freigelassen. Als Teil des Austausches kehrte ein in Polen festgenommener russischer Archäologe nach Russland zurück. Er sollte von Polen in die Ukraine ausgeliefert werden. Kiew warf ihm vor, illegale Ausgrabungen auf der Halbinsel Krim durchgeführt zu haben.



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