Wieder ein Merz-Wort zu den USA


Er sei, sagt Friedrich Merz zunächst, „ein großer Bewunderer Amerikas“. Dann wird er deutlich. Seine Bewunderung nehme „im Augenblick nicht zu. Ich würde meinen Kindern heute nicht empfehlen, in die USA zu gehen, dort ausgebildet zu werden und dort zu arbeiten.“ Die 1600 Zuhörer im Saal Franconia des Würzburger Congress-Centrums, darunter viele junge Leute, unterbrechen ihn mit Applaus.

Der deutsche Bundeskanzler, seit gut einem Jahr im Amt, ist zu Gast beim 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg. Bei dem Christentreffen wird der Kanzler übrigens begrüßt als „der erste katholische Bundeskanzler seit Helmut Kohl“. Zwischen Kohl und Merz lagen knapp 27 Jahre.

Der Kanzler und die Jugend

Auf dem Podium neben dem 70-jährigen Bundeskanzler sitzt die 19-jährige Schülerin Amy Kirchhoff aus Sachsen, die sich als Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz engagiert und gerade im Abitur steckt, und die 29-jährige Lisa Quarch vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Weitere Fragen kommen von jungen Leuten aus der ersten Reihe des Saals.

Auf der Bühne im Saal Franconia des Congress Centrums Würzburg stehen die drei vor einer Wand, auf der man immer wieder das Katholikentags-Leitwort "Hab Mut, steh auf!" liest. Sie tragen gelbe Schals um die Hälse, auf denen dieser Spruch gleichfalls zu lesen ist. Das ist typisch für kirchliche Großveranstaltungen in Deutschland.
Bundeskanzler Friedrich Merz zwischen Amy Kirchhoff (links), Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, und Lisa Quarch, Geistliche Leiterin Bund der Deutschen Katholischen JugendBild: Matthias Schrader/AP Photo/dpa/picture alliance

Für gut eine Stunde ist Merz „im Gespräch mit jungen Menschen“, wie es im Programm heißt. „Gemeinsam Zukunft gestalten“, lautet das Thema. Es geht dabei um viele innerdeutsche Themen, Zukunftsängste, Bildungschancen, kaputt gesparte Jugendzentren.

Die Bemerkung zu den USA ist einer jener persönlichen Merz-Sätze, die das Zeug dazu haben, nicht nur in den deutschen Fernsehnachrichten zu laufen, sondern auch auf der anderen Seite des Atlantiks aufgenommen zu werden. Dabei begründet er seine Skepsis und verweist auf das „gesellschaftliche Klima“, das sich in den USA deutlich verändert habe. Und die Frage, was gut ausgebildete junge Menschen erreichen können, sei „bis vor Jahr und Tag in Amerika“ noch ganz anders beantwortet worden als heute. Heute hätten dort die Bestausgebildeten „große Schwierigkeiten, einen Job zu finden“.

Merz erwähnt im Laufe der gut 65 Minuten auch Europa und betont den Wert des Zusammenlebens in Frieden seit über 80 Jahren. Er nennt irgendwann den „schrecklichen Krieg“ gegen die Ukraine und im Mittleren Osten. Aber der Schwerpunkt des Gesprächs liegt auf innenpolitischen Themen. Immer wieder geht es um den Klimaschutz. Die Gesprächspartnerinnen kritisieren den Kurs der Bundesregierung.

Rechts im Bild erkennt man mehrere Personen, die ruhig sitzen. Im Bildzentrum sieht man ein junge Frau, die selbst etwas ruft oder sagt und die von Sicherheitskräften aus dem Saal gezogen wird.
Sicherheitskräfte ziehen eine Protestiererin aus dem Saal Bild: Sven Hoppe/dpa/picture alliance

Das ist der Moment, in dem die Veranstaltung für wenige Minuten gestört, nicht unterbrochen wird. An zwei Stellen im Saal stehen Protestierer auf, man hört Zwischenrufe und ihre Trillerpfeife. „KLIMAKRISE MERZt uns aus“, steht auf einem der Transparente. Merz, der Minuten vorher über das Aushalten anderer Meinungen gesprochen hatte, sagt noch, die Szene zeige, was er mit Toleranz meine.

Katholikentags-Mitarbeiter und Sicherheitskräfte holen die Störer aus dem Saal. Kräftiger Applaus stellt sich gegen die Störung. Auch vor der Halle standen übrigens – so die Polizei – 600 Gegendemonstranten, die lautstark auf sich aufmerksam machten. Davon war im Saal nichts zu hören.

Dabei schenken sich die jungen Leute und der Kanzler nichts beim Thema Klimaschutz. Die einen warnen vor der Zerstörung der Lebensgrundlage, der andere mahnt zur Technologie-Offenheit und zu mehr Engagement in der Forschung, um Umweltzerstörung und Klimawandel zu begegnen. Verbote nutzten nicht. Merz: „Die Mehrheit der Bevölkerung muss uns auf diesem Weg folgen. Und das wird nicht gehen, wenn wir das mit einer flächendeckenden Deindustrialisierung unseres Landes verbringen.“

Tipps für den Kanzler

Mehrmals im Gespräch kritisieren Jugendvertreter, der Kanzler erreiche mit seinem Kommunikationsstil und seinen Wertungen nicht die jungen Menschen. Sie würden als „faul“ abgestempelt, sagte ein Fragesteller aus dem Publikum unter Verweis auf Forderungen nach längerer Arbeitszeiten in Deutschland. Er bekam viel Beifall.

In seiner Partei habe „noch niemand gesagt, dass die Menschen in Deutschland faul sind“, erwiderte Merz. Aber er räumte ein: „Ich weiß, dass ich in meiner Kommunikation etwas verbessern muss.“ Er beschäftige sich in den letzten Wochen „mit immer größerer Intensität“ mit der Frage, warum es ihm „offensichtlich nicht gelingt“, die Menschen im Lande hinreichend zu erreichen. Dabei wolle er doch „eine emotionale Bindung“ erzeugen und die Bevölkerung mitnehmen.

Deutschland Würzburg 2026 | 104. Deutscher Katholikentag | Merz spielt Tischkicker mit Irme Stetter-Karp und anderen
An einem der Stände spielt der Bundeskanzler Tischkicker mit der Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp (rechts)Bild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/picture alliance

Politische Kommunikation sei „oft zu verkorkst für junge Menschen“, an vielen Stellen auch „jugendfeindlich“, kritisieren die Frauen auf dem Podium. Anschaulich machen beide deutlich, dass Merz in den sogenannten Sozialen Medien, vor allem auf TikTok, präsenter sein solle.

Kirchhoff, die zuvor schon von grassierendem Rechtsextremismus an sächsischen Schulen berichtet hatte, warnt vor der breiten Präsenz jener bei TikTok, die die Demokratie abschaffen wollten. Um wirklich präsent zu sein, biete Merz dort viel zu wenig. Selbst Olaf Scholz (Bundeskanzler von 2021-2025) habe einst mit dem „running gag“ seiner alten Aktentasche irgendwie mehr Leute gebunden. In dieser Phase kann man regelrecht zusehen, wie aufmerksam Merz zuhört.

Er stellt auf Nachfrage klar, dass er ein Verbot von Social Media ablehne. Die Politik müsse die entsprechenden Plattformen aber „besser regulieren“. Aber es könne nicht sein, dass Anbieter in der digitalen Welt für rechtswidrige Inhalte keine Verantwortung übernähmen. Die gesamte KI-Entwicklung verschärfe diese Herausforderung noch.

Friedrich Merz sitzt bei der Podiumsdiskussion auf der Bühne. Um den Hals trägt er den Katholikentags-Schal mit dem Motto "Hab Mut, steh auf!". Auf der Wand hinter ihm sieht man das Logo des ZdK.
Friedrich Merz hörte während der Debatte immer mal wieder nachdenklich zu Bild: Sven Hoppe/dpa/picture alliance

Aber von Merz gibt es Forderungen. Er appelliert an die junge Generation, sich in einer Partei zu engagieren. Und er stellt klar, dass das für ihn nicht unbedingt die CDU oder CSU, sondern „eine Partei der Mitte“ sein solle. „Wenn keiner mehr hingeht, ist die Demokratie am Ende“, mahnt er.

Gegen Ende des Austauschs wird der Kanzler fast pathetisch. „Es ist doch reiner Zufall. dass wir heute hier sind, dass wir zusammen in Deutschland geboren sind, groß geworden sind, leben.“ Er wolle, dass die nachfolgenden Generationen die gleichen Chancen auf ein gutes Leben in Freiheit und in Frieden bekämen, wie er sie gehabt habe.

Was ihm Hoffnung gebe, lautet die abschließende Frage. Und Merz mäandert ein wenig, sagt, dass er lieber von Zuversicht als von Hoffnung spreche. Und seine letzten drei Worte gehen dann im Beifall unter: „Ich bin zuversichtlich.“



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