Warum die Hotelbranche wieder „Frühstücksdirektoren“ braucht
Rath checkt ein
Warum die Hotelbranche wieder „Frühstücksdirektoren“ braucht
Zwischen Reportings und dem Fokus auf Digitalisierung und Effizienz verlieren viele Hotels ihre wichtigste Aufgabe aus den Augen: den Dienst am Gast. Hoteldirektoren müssen zurück an die Basis
Carsten K. Rath hat zahlreiche Grandhotels geführt. Er ist Gründer des Hotel-Rankings „Die 101 besten Hotels“, das auch als Buch in Kooperation mit Capital erscheint. Hotels, über die er für Capital schreibt, bereist Rath auf eigene Rechnung.
Es gab eine Zeit, da war das Wort „Frühstücksdirektor“ eine elegant formulierte Beleidigung in der Hotellerie. Damit beschrieb man jene Führungskräfte, die sich lieber im Restaurant mit den Gästen unterhielten, als im Büro über Beschaffungslisten und „rack rates“ zu brüten. Ein Vorwurf, der heute seine Substanz verloren hat. Denn ausgerechnet das, was damals belächelt wurde, die Nähe zum Kunden, fehlt unserer Branche inzwischen sehr.
Ein wichtiger Grund: Die großen Hotelgesellschaften haben die General Manager ihrer Häuser und Resorts systematisch aus dem operativen Geschehen herausgezogen. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern einer Logik folgend, die lange plausibel erschien: Weniger Gästekontakt spart Zeit für mehr Steuerung, bessere Kontrolle, dichteres Reporting. All die Business-Forecasts, Owner-Meetings, Markenstandards und endlosen Schleifen im Controlling haben einen Arbeitsalltag geschaffen, in dem Führung weitgehend am Bildschirm stattfindet. Leider entfaltet sie nur dort ihre geringste Wirkung, bleibt abstrakt.
In der Hotellerie muss es „menscheln“
Was durch die mangelnde Sichtbarkeit einer Hoteldirektorin oder eines Hoteldirektors verloren geht? Sie verschwinden aus dem Blickfeld des Gastes und fehlen zudem ihrem Team als Vorbild und Taktgeber. Die Hotellerie ist kein reines Zahlenmodell, sondern ein höchst komplexes Beziehungssystem. Wer das aus den Augen verliert, der optimiert im Backend immer wieder Prozesse, ohne große Wirkung an der Basis zu erzeugen.
Dass es auch anders geht, zeigen Häuser, die sich dieser Entwicklung ganz bewusst entziehen. Das Althoff Seehotel Überfahrt in Rottach-Egern am Tegernsee beispielsweise, wo es kein Zufall ist, wenn man General Manager Vincent Ludwig persönlich begegnet. Nicht permanent oder zu demonstrativ, aber gezielt: beim Frühstück, beim Abendessen und in anderen Momenten, die darüber entscheiden, ob ein Gast wiederkommen wird.
Gute Hoteliers arbeiten nicht einfach mehr, sie positionieren sich anders. Sie wissen, wann ein Gespräch Umsatz generiert, wann ein kurzer Kontakt Loyalität stiftet und sichtbare Präsenz eine Beschwerde verhindert. Sie greifen dort ein, wo sich ihr Einsatz lohnt.
Mit Jörg Sackmann leitet im Genusshotel Sackmann in Baiersbronn der Küchenchef und Geschäftsführer persönlich das Frühstück an © Genusshotel Sackmann
Präsenz beginnt zu früher Stunde
Unterschätzt wird dabei vor allem das Frühstück! Nicht umsonst eine der Mahlzeiten, die ich in meinen Hoteltests genauestens unter die Lupe nehme. Kaum eine Situation bündelt so viele Gäste gleichzeitig, keine Phase besitzt eine größere emotionale Offenheit. Beim Frühstück beginnt der Tag, die erste Stimmung entsteht und auch ein Gefühl dafür, wie man seinen Aufenthalt eigentlich empfindet. Wer jetzt sichtbar ist, der führt und gestaltet. Wer sich verkriecht, gibt den Zeremonienstab aus der Hand.
Gleichzeitig ist das Frühstück einer der wenigen Touchpoints, an denen sich operative Qualität, Atmosphäre und persönliche Ansprache unmittelbar überlagern. Ein kurzer Blickkontakt, ein erinnerter Name, eine situativ richtige Empfehlung – aus solchen vermeintlichen Kleinigkeiten entstehen positive Empfehlungen. Ganz gleich ob auf Hotelportalen oder im Bekanntenkreis.
Früher habe ich mir im Job dafür bewusst Zeitfenster geblockt. Drei Stunden, die unantastbar blieben. Im richtigen Moment am richtigen Ort. Für die Gäste schien ich ständig in der Nähe zu sein, tatsächlich war das bloß präzise gesetzte Sichtbarkeit. Und genau die ist vielerorts komplett verloren gegangen.
Keine Mahlzeit des Tages bietet so viele wichtige Touchpoints für einen Hotelmanager wie das Frühstück (hier im „Six Senses Koh Yao Noi“ in Thailand) © Six Senses Yao Noi
Hightech an der falschen Stelle
Eine wichtige Rolle spielt in diesem Kontext die Digitalisierung. Viele Häuser holen jetzt hektisch nach, was sie jahrelang verschlafen haben. Das ist notwendig, keine Frage, und überfällig. Nur steht dabei allzu oft der Gast im Mittelpunkt – als ausführender „Mitarbeiter“. Self-Check-in, überall QR-Codes, digitale Speisekarten, Chatbots statt Kundenservice. Das mag Prozesse beschleunigen und kurzfristig Kosten senken. Nur verschiebt es das Erlebnis eines Aufenthaltes von „p wie persönlich“ zu „f wie funktional“.
Der beste Platz für die digitale Weiterentwicklung eines Hotels ist im Backoffice. Dort, wie sie Abläufe optimieren, Fehler reduzieren und dadurch Zeit freischaufeln soll – für Hotelmanager, ihre Teams und den Gast. Denn Wertschöpfung entsteht im Gespräch. Und das sind keine romantischen Gedanken eines Nostalgikers, das ist nüchterne Ökonomie. Ein Upgrade wird meist nicht angeklickt, sondern angeboten. Im besten Moment, mit den richtigen Worten und im passenden Tonfall. Aufmerksamkeit macht Weiterempfehlungen wahrscheinlicher, und echte Loyalität wächst durch Beziehungen, nicht durch Technologie. Wer nur auf eingesparte Personalkosten schielt, verliert etwas anderes aus den Augen: zusätzliches Ertragspotenzial.
Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, den Begriff des „Frühstücksdirektors“ von seinem Stigma zu befreien und neu mit Bedeutung zu füllen. Als höchste Auszeichnung für Hotelmanager, die verstanden haben, was ich bisher ausgeführt habe. In meinen Augen braucht unsere Branche nicht immer neue, angeblich noch bessere Systeme. Die Hotellerie braucht wieder mehr Frühstücksdirektoren. Das wäre wundervoll!
