Wie Kommentare über Essen bei Kindern Essstörungen begünstigen
Wow, die kann aber essen.“ „Bist ein richtiger kleiner Vielfraß.“ – oder: „Isst ja mehr als ich, der Kleine.“ Zum Essverhalten von Kindern hat jeder was zu sagen: Eltern, Großeltern, Freundinnen und Freunde, Bekannte. Neben dem liebevollen Staunen darüber, wie viel ein Kind verdrücken kann, gesellt sich mitunter die Sorge, ob dieser Appetit normal ist, ob das Kind sich ausgewogen genug ernährt – oder später dick wird. Kinder, die eher kleinere Portionen essen oder sehr wählerisch sind, hören mitunter, dass sie „mäkelig“ oder „pingelig“ sind. Schlimmstenfalls wird ein Kind als „Hungerhaken“ oder „Bohnenstange“ bezeichnet.
Doch was machen solche Kommentare mit Kindern – und wie prägen sie langfristig das Verhältnis zum eigenen Körper und zum Essen? Wann werden harmlose Bemerkungen problematisch?
„Kinder haben sehr feine Antennen und nehmen mehr wahr, als vielen Erwachsenen bewusst ist“, sagt Ursula Völker, Oberärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Besonders wichtig ist ihnen, was Eltern und andere enge Bezugspersonen sagen. Von ihnen sind Kinder abhängig, über ihre Rückmeldungen bauen sie sich Stück für Stück ihre Welt auf – durch die Interaktionen mit ihnen formen sie ihr inneres Erleben.
Mit zunehmendem Alter empfindsamer für Bewertungen
Wie genau Worte oder ein Spruch wie „Du kleine Raupe Nimmersatt“ bei einem Kind ankommen, hängt stark von seinem Alter und seiner Entwicklung ab. In den ersten Lebensmonaten haben Babys noch kein konkretes Verständnis von Worten. Dieses entwickelt sich erst mit etwa acht Monaten, bleibt anfangs aber noch untrennbar an konkrete Gegenstände aus ihrem Lebensumfeld gebunden. Der Begriff „Suppenkasper“ hat für sie keine Bedeutung. Zwischen ein und zwei Jahren beginnen die meisten Kinder, sich im Spiegel zu erkennen. „Gleichzeitig entwickeln sie die Fähigkeit, sich in die Gedanken, Gefühle und Absichten ihres Gegenübers hineinzuversetzen und diese zu berücksichtigen“, sagt Völker. Ab dem vierten bis fünften Lebensjahr ist sie bei den meisten Kindern dann schon gut ausgeprägt. Das heißt, Kinder wollen nichts falsch machen und reagieren zunehmend empfindsam auf Bewertungen.
Bei einem zweijährigen Kind wirken Kommentare über seine „süßen, speckigen Beinchen“ also anders als bei einem Fünfjährigen – oder einem Teenager. Ersteres nimmt vermutlich vor allem die (hoffentlich!) freudestrahlenden Augen der Eltern und die warme Atmosphäre wahr. Das fünfjährige Kind fragt vielleicht schon nach und beginnt, auf das Aussehen bezogene Aussagen einzuordnen und zu bewerten. Im Jugendalter ist der Begriff „speckig“ durch gesellschaftliche und mediale Einflüsse in der Regel bereits stark negativ konnotiert und löst oft Verunsicherung bis hin zu Selbstzweifeln aus.
Auch was liebevoll gemeint war, kann negativ ankommen
„Wie genau das Gesagte ankommt, lässt sich nicht vorhersagen“, sagt Martin Wannack, Oberarzt der Klinik für pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie der Charité in Berlin: „Der Kontext entscheidet.“ Letztendlich sei jedes Kind anders: „Der Empfänger bestimmt die Botschaft.“ Denn auch, was liebevoll gemeint war, kann beim Kind oder Jugendlichen negativ ankommen.
Die Zufriedenheit – oder auch Unzufriedenheit – mit dem eigenen Körper beginnt tatsächlich schon in frühen Jahren, wie Studien zeigen: Laut einer US-amerikanischen Untersuchung aus dem Jahr 2018 verbindet ein Teil der Mädchen bereits im Alter von fünf Jahren positive Eigenschaften damit, dünn zu sein. Im selben Alter zeigen sich bei einigen Kindern erste Unzufriedenheiten mit dem eigenen Körper, und sie äußern erste Wünsche, dünner zu sein oder weniger zu essen. So das Ergebnis einer US-amerikanischen Befragung fünf- bis neunjähriger Mädchen aus dem Jahr 2003.
Im Jugendalter verstärken sich diese Tendenzen, wie die Daten der EsKiMo-II-Studie zeigen, einer Ernährungsstudie des Robert Koch-Instituts (RKI). So gaben ein Fünftel der Zwölf- bis 17-Jährigen an, in den drei Jahren vor der Befragung mindestens eine Diät zur Gewichtsreduzierung durchgeführt zu haben, bei den Mädchen waren es 22 Prozent und bei den Jungen zwölf Prozent. Unzufriedenheit mit dem Körper ist selbst noch keine Störung. Sie gilt jedoch als Risikofaktor für zahlreiche psychische Erkrankungen, allen voran für Essstörungen verschiedener Art.

Welchen Einfluss die Kommentierung des Aussehens oder Essverhaltens konkret auf die Körperunzufriedenheit der Kinder hat, wurde in den Studien nicht untersucht. Sie machen jedoch deutlich, wie früh Kinder beginnen, ihren eigenen Körper wahrzunehmen und zu bewerten.
Mädchen möchten dünner sein, Jungs wünschen sich mehr Muskeln
Dass Worte eine Wirkung haben, legen mehrere Studien nahe: So fand eine systematische Übersichtsarbeit aus Australien von 2021 heraus, dass Kinder und Jugendliche, die zwischen zehn und 19 Jahren von ihren Eltern wegen ihres Aussehens und Gewichts geneckt wurden, häufiger ein problematisches Essverhalten zeigten. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2016 kommt zu einem ähnlichen Fazit. Auch hier zeigt sich ein Zusammenhang zwischen gewichtsspezifischen Kommentaren, etwa Kritik am Gewicht oder Aufforderungen abzunehmen, und Körperunzufriedenheit, Diätverhalten sowie gestörtem Essverhalten bei Kindern und Jugendlichen. Mädchen waren besonders stark betroffen.
Hänseleien von Freunden und Freundinnen haben einen ähnlichen Effekt, wie eine Untersuchung um die Wissenschaftlerin Mallary K. Schaefer aus dem Jahr 2014 zeigt. Zwölf- bis 16-jährige Mädchen, deren Aussehen negativ von Mitschülerinnen oder Mitschülern kommentiert wurde, zeigten eine größere Unzufriedenheit mit ihrem Körper. Betroffene Jungen wünschten sich hingegen mehr Muskeln.
Dass Mädchen häufiger unzufrieden mit ihrem Körper sind als Jungen, könnte daran liegen, dass sie sich in der Pubertät stärker vom Körperideal entfernen, das in westlichen Gesellschaften vor allem mit Schlankheit assoziiert ist: Der kindliche Körper entwickelt Rundungen. Jungen näherten sich während der Adoleszenz hingegen eher dem männlichen Ideal an: Die Muskelmasse nimmt zu, und der Bart beginnt zu wachsen. Das vermuten die Autorinnen und Autoren einer Übersichtsarbeit des RKI zur „Geschlechterrollenorientierung und Körperzufriedenheit im Jugendalter“ aus dem Jahr 2020. Die Erwartung, „gut auszusehen“, richtete sich zudem seit Jahrzehnten vor allem an das weibliche Geschlecht. Ein Druck, der sich nun zunehmend auch bei Männern zeigt.
„Nur wenn ich gut aussehe, werde ich gemocht“
Mitunter können sogar vermeintlich positive Kommentare einen negativen Effekt haben: „Je mehr Anerkennung junge Menschen etwa für ihre hübsche Figur oder ihren flachen Bauch bekommen, desto mehr knüpfen sie ihren Selbstwert an ihr Äußeres“, sagt Andrea Hartmann Firnkorn, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Konstanz. Dadurch können Glaubenssätze entstehen wie „Nur wenn ich gut aussehe, werde ich gemocht“ oder „Nur wenn ich schlank bin, gehöre ich dazu“.
Psychologin Andrea Hartmann Firnkorn empfiehlt daher, Kommentare rund ums Essen in Verbindung mit Aussehen zu vermeiden. „Gerade in den frühen Jahren müssen sich die wenigsten Eltern um das Gewicht ihrer Kinder sorgen“, sagt sie. Erste Hinweise auf die Gewichtsentwicklung eines Kindes als Erwachsener finden sich tatsächlich erst zwischen fünf und sieben Jahren. Davor unterliegt der Kinderkörper natürlichen Schwankungen: In den ersten beiden Lebensjahren bewegen Kinder sich kaum und sind meist etwas „pummelig“. Mit drei und vier Jahren steigt die Mobilität. Ein Großteil der Kinder wird daher schlanker, und der Body-Mass-Index (BMI) sinkt. Im Vorschulalter bereitet sich der Körper dann auf die Pubertät vor und bildet Reserven für die anstehenden hormonellen Veränderungen und für den nächsten Wachstumsschub: Appetit und BMI nehmen zu. Steigt der BMI jedoch früher als üblich – also bereits vor dem fünften Lebensjahr – wieder an, spricht man von einem frühen Adiposity Rebound, der mit einem erhöhten Risiko für späteres Übergewicht verbunden ist.
Woran genau es liegt, dass Kinder, deren BMI bereits vor dem vierten oder fünften Lebensjahr steigt, ein erhöhtes Übergewichtsrisiko haben, ist nicht geklärt. „Vermutlich spielen sowohl genetische Vorbedingungen, biologische Prozesse, etwa ein veränderter Stoffwechsel, sowie auch erste verfestigte Gewohnheiten eine Rolle“, sagt Hartmann Firnkorn. Änderungen des Lebensstils, etwa mehr Bewegung, können diese Entwicklungen aber durchaus beeinflussen.
„Übergewicht ist nicht automatisch krankhaft“, betont Kinderarzt Wannack: Menschen haben verschiedene körperliche Konstitutionen – und davon entspricht nicht jede den westlichen Idealvorstellungen. „Vermutlich wäre schon viel geholfen, wenn die Gesellschaft es schafft, Menschen unabhängig von ihrem äußerlichen Erscheinungsbild zu begegnen.“ Dass Menschen, die aufgrund ihres Gewichts diskriminiert werden, ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, Depressionen oder Essstörungen haben, ist belegt.
Eltern sollten zuhören und nachfragen, nicht bewerten
Was bedeutet das für den Alltag von Familien? „Isst ein Kind gerade mehr oder weniger als gewohnt, geht es darum, zu verstehen“, sagt Psychologin Hartmann Firnkorn: „Bei kleinen Kindern können Eltern erst mal beobachten, in welchen Situationen nach Essen verlangt wird.“ Vielleicht hat das Kind gar keinen Hunger, sondern Langeweile, es ist gestresst oder kommt mit frustrierenden Situationen nicht klar. Statt seine Gefühle mit Essen zu regulieren, können Eltern dem Kind dann helfen, andere Strategien zu finden. Ähnlich, wenn ein Kind zu wenig isst: Vielleicht fühlt das Kind sich in der Kita ausgeschlossen, ist traurig und hat deshalb keinen Appetit. Bauchschmerzen aufgrund einer Laktoseintoleranz sind ebenfalls möglich. Und was auch immer es ist: „Eltern sollten neugierig sein“, sagt Hartmann Firnkorn. „Statt zu bewerten, lieber zuhören und nachfragen.“
Beginnt ein Kind Essen zu verstecken, bedient sich heimlich an der Schublade mit Süßigkeiten oder meidet es plötzlich Nahrungsmittel mit Kohlenhydraten, könnten das Anzeichen einer Essstörung sein. „Das sollten Eltern ansprechen“, sagt Hartmann Firnkorn. Am besten in einer ruhigen Situation, jenseits des Esstisches und losgelöst vom Aussehen. Etwa, indem sie ihre Beobachtungen teilen: „Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit viel Appetit hast – oder du isst viele Sachen, die du früher so mochtest, gar nicht mehr. Ist etwas? Hat sich etwas geändert?“ Eltern, die sich überfordert fühlen, können sich an die Kinderärztin oder eine Erziehungsberatungsstelle wenden. Bei Bedarf können dort weitere Hilfen gebahnt werden.
„Kinder lernen durch Nachahmung“, sagt Oberärztin Völker. Wer sein Kind zu gesundem, ausgewogenem Essen motivieren will, lebt dies am besten vor. „Wenn ich selbst gerne Tomaten und Gurken esse, werden Kinder für gewöhnlich neugierig und wollen ebenfalls probieren.“ In Gesprächen über gesunde Ernährung sollte zudem kein Zusammenhang mit Aussehen, Gewicht oder Leistung gemacht werden. „Spaß, Neugier, das Wohlfühlen im eigenen Körper oder auch das gemeinschaftliche Erleben sind bessere Motivatoren“, so Völker.
Psychologin Hartmann Firnkorn rät zudem, Strafen zu vermeiden. Erziehungsmethoden wie „Du bekommst nur Nachtisch, wenn du auch Salat isst“ belegen Lebensmittel mit Bedeutung und teilen sie in Kategorien von „gut“ und „böse“ ein, sagt sie: „Essen ist auch Hedonismus – und letztendlich sind in der Ernährungspyramide der Deutschen Gesellschaft für Ernährung auch Süßigkeiten enthalten. Am Ende sollte ein Kind glücklich sein und mit Lust und Freude essen – egal, ob dick oder dünn.“
