Straße von Hormus als geopolitisches Druckmittel


Die Lage am Persischen Golf ist verfahren. Die diplomatischen Kanäle zwischen den USA und dem Iran sind formal zwar weiterhin offen, und US-Präsident Trump hatte Mitte der Woche eine Verlängerung der Waffenruhe bekanntgegeben. Tatsächlich aber kommen die Gespräche kaum voran. Noch ist kein neuer Termin für Verhandlungen festgelegt. Geplante Treffen wurden teils verschoben oder ganz infrage gestellt.

Der Iran hat der nationalen Nachrichtenagentur Tasnim zufolge weiterhin keine Pläne, an Friedensgesprächen mit den USA teilzunehmen. US-Medien hatten zuvor berichtet, noch an diesem Freitag (24. April) könnte es eine neue Verhandlungsrunde geben.

Plakate in Islamabad weisen auf die US-iranischen Friedensgespräche hin
Bereit für eine weitere Runde von Friedensgesprächen: die pakistanischen Vermittler in Islamabad.Bild: Anjum Naveed/AP Photo/picture alliance

In der neuen Auflage dürfte es neben dem für US-Präsident Trump wichtigsten Punkt – dem iranischen Atomprogramm – auch um einen anderen heiklen Punkt gehen: die künftige Nutzung der Straße von Hormus. Eigenen Angaben zufolge hat das Regime in Teheran bereits Gebühren für die Durchfahrt der blockierten Meerenge erhalten. „Die ersten Mautgebühren wurden auf das Konto der iranischen Zentralbank eingezahlt“, zitiert Tasnim den stellvertretenden Parlamentspräsidenten.

„Eine Art taktisches Geduldspiel“

Was sich derzeit abzeichnet, läuft Experten zufolge weniger auf einen klassischen militärischen Schlagabtausch als auf ein strategisches Ringen um Zeit, Einfluss und Durchhaltefähigkeit hinaus. „Derzeit liefern sich beide Seiten eine Art taktisches Geduldsspiel“, sagt Hanna Voß, Nahost-Expertin der Friedrich-Ebert-Stiftung, der DW. Der Iran betrachte mögliche Gespräche mit großer Vorsicht. „In Teheran hat man große Sorge, es könne sich um eine Finte handeln – also Verhandlungen bei gleichzeitigen militärischen Vorbereitungen.“

Diese Vorsicht gehe mit strategischer Kalkulation einher, sagt die Politologin Pauline Raabe vom Berliner Think Tank Middle East Minds im DW-Gespräch: „Für den Iran steht deutlich mehr auf dem Spiel, weil es um sein eigenes Territorium geht.“ Entsprechend setze Teheran seine Instrumente überlegt ein. „Mit Blick auf die Straße von Hormus ist der Iran zweifellos in einer starken Position – das ist derzeit eine seiner wichtigsten Karten.“

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Dem Center for Strategic and International Studies (CSIS) zufolge ist diese Position nicht nur militärisch, sondern vor allem ökonomisch wirksam. Iran nutze seine geografische Lage, um über die Kontrolle der Straße von Hormus Druck auf Volkswirtschaften weltweit auszuüben. Die Energiefrage werde damit zum zentralen Hebel. Auch das Washington Institute betont: Öl und Gas blieben der entscheidende Faktor – mit langfristigen Folgen für regionale und globale Märkte.

Hormus als Hebel

Dieser Hebel lasse sich leicht einsetzen, sagt Voß. „Es braucht gar nicht viel Aufwand, um diese Passage effektiv zu blockieren.“ Schon Drohungen reichten aus, um massive wirtschaftliche Effekte auszulösen. Reedereien zögen sich zurück, Versicherungen sprängen ab, Drohnen und Minen erzeugten ein dauerhaftes Risiko. „Mit anderen Worten: Taktisch sitzt der Iran derzeit am längeren Hebel – und genau daraus entsteht gerade ein strategischer Vorteil.“

Der US-Flugzeugträger USS Abraham Lincoln im Roten Meer
Der US-Flugzeugträger USS Abraham Lincoln im Roten MeerBild: Us Navy/U.S. Navy/Planet Pix/ZUMA/picture alliance

Raabe ergänzt die militärische Dimension dieser Entwicklung: „Man hat offenbar unterschätzt, dass der Iran weiterhin in der Lage ist, regelmäßig Raketen einzusetzen.“ Das widerspreche der Annahme, das Land sei bereits entscheidend geschwächt. Vielmehr habe es seine Fähigkeiten in den vergangenen Jahren gezielt ausgebaut.

Dass die Wirkung der Straße von Hormus womöglich nicht vollständig in politische Entscheidungen eingeflossen ist, verweist auf Defizite in der strategischen Umsetzung. „Es gab durchaus Planspiele, in denen dieser Hebel berücksichtigt wurde“, sagt Voß. „Aber die Frage ist, wie weit dieses Wissen tatsächlich politisch wirksam wurde.“

Ein ideologischer Akteur

Gleichzeitig zeigt sich, dass der Konflikt über das Militärische hinausgeht. Das Washington Institute beschreibt Iran als einen Akteur, der nicht nur staatlich, sondern auch ideologisch handelt. Vereinbarungen könnten daher taktisch sein, ohne dass sich die grundlegende Haltung ändere.

Diese strukturelle Besonderheit spiegelt sich auch im Inneren wider. „Die iranische Führung ist bereit, der eigenen Bevölkerung sehr viel zuzumuten„, sagt Voß. „Der Leidensdruck ist dort seit Jahrzehnten deutlich höher als in westlichen Gesellschaften.“

Raabe weist zugleich auf gesellschaftliche Dynamiken hin: „Wenn Menschen erleben, dass ihr Land von außen angegriffen wird, kann das zu einem stärkeren Zusammenhalt führen.“ Das bedeute jedoch nicht automatisch Unterstützung für das Regime, sondern eher eine Reaktion auf äußeren Druck.

Während der Iran auf Durchhaltefähigkeit setzt, wächst in den USA der innenpolitische Druck. „Mit zunehmender Dauer werden die wirtschaftlichen Auswirkungen immer deutlicher spürbar“, sagt Raabe. Steigende Energiepreise und Unsicherheit auf den Märkten wirkten sich unmittelbar auf die öffentliche Meinung aus.

Kurzfristig stabilisiert der Konflikt hingegen das iranische System. „Das führt zu einer inneren Konsolidierung“, sagt Voß. Der Krieg entspreche einer ideologischen Logik, auf die das Regime vorbereitet sei.

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Zugeständnisse und Gegenleistungen

Auch die diplomatische Dynamik verschiebt sich. Die panarabische Zeitung Al-Quds al-Arabi sieht wachsenden Druck auf Washington, den Konflikt politisch einzuhegen. Teheran trete zugleich selbstbewusster auf und verlange für Zugeständnisse konkrete Gegenleistungen – etwa Sanktionserleichterungen oder finanzielle Freigaben.

Dass diese Strategie aufgeht, hängt auch mit der asymmetrischen Kriegsführung Irans zusammen. Dem CSIS zufolge kann Teheran selbst bei militärischen Rückschlägen durch Cyberangriffe, Sabotage und wirtschaftlichen Druck weiterhin erheblichen Einfluss ausüben.

Das Washington Institute skizziert daher mehrere mögliche Ausgänge. Ein Szenario ist eine „verdeckte Niederlage“ der USA: ein Waffenstillstand, bei dem Iran seine zentralen Hebel behält. Ein anderes eine „offene Niederlage“, bei der Teheran schlicht durchhält, bis der Druck auf die USA zu groß wird.

Am Ende verdichtet sich der Konflikt auf eine Frage: Wer hält länger durch – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich? Oder, wie Raabe es formuliert: „Die Zeit spielt derzeit eher gegen die US-Regierung.“ Und Voß ergänzt: „Die Zeit arbeitet für den Iran.“



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