Was hinter den massiven Protesten in Bolivien steckt
Die Menschen in Bolivien befinden sich gerade in einer hochexplosiven Lage – und das ist sogar wörtlich zu nehmen: Journalisten vor Ort berichten, dass Demonstranten immer wieder kleinere Dynamit-Ladungen zur Explosion bringen, um ihren Forderungen lautstark Nachdruck zu verleihen.
Seit Wochen wurden Fernstraßen blockiert, nun spitzt sich die Lage in der Verwaltungshauptstadt La Paz zu: Demonstranten haben öffentliche Gebäude gestürmt und dutzende Blockaden errichtet, sodass Treibstoff und Lebensmittel festhingen und in ersten Krankenhäusern zwischenzeitlich Sauerstoffflaschen knapp wurden.
Banken haben vorsichtshalber geschlossen; Ökonomen warnen, dass die Proteste das Land noch tiefer in die Krise stürzen. Das US-Außenministerium bewertet die Krawalle gar als „Putschversuch“. Wir beantworten einige zentrale Fragen.
Was ist die politische Ausgangslage?
Schon vor den Wahlen im vergangenen Herbst ging es Bolivien wirtschaftlich schlecht: Angesichts schwacher Exporte mangelte es an Devisen, die zum Beispiel für Treibstoffimporte dringend benötigt wurden. Nach knapp 20 Jahren Sozialismus mit starkem staatlichen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik unter den Präsidenten Evo Morales (2006-19) und Luis Arce (2020-25) ebneten die Bolivianer in der ersten Runde der Präsidentenwahl den Weg für einen deutlichen Wandel: Vor der Stichwahl versprachen die beiden eher rechten Kandidaten Kapitalismus für alle, verbunden mit wirtschaftlichen Reformen.
Der zwischenzeitliche Favorit Jorge Quiroga wollte Bolivien mit einer Finanzspritze vom Internationalen Währungsfonds wieder auf die Füße stellen. Letztlich siegte der Mitte-Rechts-Politiker Rodrigo Paz, der für Staatsmodernisierung ohne Hilfe von außen geworben hatte.
Doch obwohl seine christdemokratische PDC die für seine Vorhaben notwendigen Parlamentsmehrheiten erlangte, prognostizierten Experten schon rund um seinen Amtsantritt eine schwierige Regierungsführung. Denn die PDC sei ideologisch nicht geschlossen und nicht besonders eng mit Paz verbunden, analysierte im Oktober Christina Stolte von der Konrad-Adenauer-Stiftung: „Die PDC garantiert dem neu gewählten Präsidenten keinerlei kohärente Parteibasis im Parlament, geschweige denn ein diszipliniertes Abstimmungsverhalten entlang der von ihm vorgegebenen Linien.“
Welche wirtschaftlichen Probleme kommen nun zusammen?
Der jahrelange Devisenmangel und die hohe Importabhängigkeit hat Boliviens Schuldenquote bis 2025 auf 95 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ansteigen lassen.
Eine von Paz‘ ersten Maßnahmen zur Konsolidierung des Staatshaushalts galt unter Beobachtern zwar als vernünftig, für die Bevölkerung jedoch als schmerzhaft: Zum Jahreswechsel strich er die Benzinsubventionen, wodurch sich die Preise an den Tankstellen fast verdoppelten. Dieser sprunghafte Preisanstieg beschleunigte gemeinsam mit anderen inländischen Faktoren die Inflation.
In gewissem Maße wurde sie noch von äußeren Einflüssen wie den globalen Preissteigerungen infolge des Irankriegs weiter befeuert. Im April 2026 war die Kaufkraft laut staatlichen Statistikern um 14 Prozent geringer als ein Jahr zuvor. Besonders die armen Bevölkerungsteile trifft diese hohe Inflationsrate hart.
Wer demonstriert – und wer unterstützt die Proteste?
Auf die Preissteigerungen reagierten Gewerkschaften mit der Forderung, auch die Löhne anzuheben, und die Benzinsubventionen wieder einzusetzen. Dahinter versammelte sich rasch ein heterogenes Zweckbündnis aus Bauern, Bergleuten, Lehrern und Beschäftigten anderer Sektoren sowie indigenen Gruppen.
In einer weiteren Forderung beugte sich die Regierung Paz: Sie hob ein erst einen Monat zuvor verabschiedetes Gesetz auf, nach dem Landbesitzer kleinere Grundstücke als Sicherheit für Bankkredite hinterlegen können sollten. Die Demonstranten bemängelten jedoch, dass Kleinbauern quasi durch die Hintertür so ihr Land an Agrarkonzerne verlieren könnten.
Während die Regierung dieses Thema abräumen konnte, verhärteten sich jedoch zugleich die Fronten, als erste Demonstranten Paz zum Rücktritt aufforderten. In dieser Situation mobilisierte die größte Gewerkschaft COB zu Großkundgebungen. Wenige Tage darauf erließ die Generalstaatsanwaltschaft einen Haftbefehl wegen Terrorismus und Anstachelung gegen COB-Chef Mario Argollo.
Aufrufe zum Protest kamen auch aus dem Umfeld des früheren Präsidenten Evo Morales. Die Regierung wittert ein Komplott: Ohne Beweise dafür vorzulegen, bezeichnete Wirtschaftsminister Jose Gabriel Espinoza die Demonstranten als „politische Agenten“, die dem „Kokabauern“ Morales als Steigbügelhalter für eine Rückkehr an die Macht dienen sollten.
Wie könnte es weitergehen?
Präsident Paz setzt erkennbar auf Dialog; am Mittwoch kündigte er einen Kabinettsumbau an. Die neue Regierung werde besser zuhören, versprach Paz. Außerdem sollen die am Protest beteiligten Gruppen über einen „Wirtschafts- und Sozialrat“ in Entscheidungen eingebunden werden. Zugleich stellte Paz klar, er werde nicht mit „Vandalen“ verhandeln.
Die Vereinigten Staaten haben sich bereits klar hinter die Regierung Paz gestellt und alle Versuche, diese zu destabilisieren, verurteilt. Zuvor hatten die Nachbarländer Peru, Chile, Argentinien und Paraguay sowie vier mittelamerikanische Staaten eine ähnliche Erklärung abgegeben. Die EU sowie fünf europäische Botschaften forderten in einer gemeinsamen Stellungnahme die Konfliktparteien zum Dialog auf.
Als eine entscheidende Frage steht im Raum, ob sich Präsident Rodrigo Paz an der Macht halten kann – und inwieweit in- oder ausländische Vermittler Raum für Kompromisse eröffnen können. Auch Evo Morales wird großer Einfluss zugerechnet, die Lage noch weiter zuzuspitzen, oder eben zu deeskalieren.
Langfristig müsste Bolivien seine grundlegenden Wirtschaftsprobleme beheben, um die Lage zu stabilisieren – für den Moment hält jedoch offenbar auch Präsident Paz neue Schulden für unausweichlich. Bereits vor Beginn der Proteste hat seine Regierung ein frisches Darlehen über 200 Millionen US-Dollar mit der Weltbank ausgehandelt, mit dem soziale Härten der Preissteigerungen abgefedert werden sollten. Größeren Spielraum dürften die zugesagten 4,5 Milliarden Dollar von der Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank eröffnen. Und nach Beginn der Proteste Anfang Mai wurden Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds über bis zu 3,3 Milliarden Dollar bekannt.
Für die Zukunft Boliviens dürfte entscheidend sein, wie die Regierung diesen neu gewonnenen Spielraum nutzt – und wie viel Spielraum die Proteste ihr überhaupt lassen.
