Warum wir mehr Pragmatismus in Deutschland brauchen

Welch ein großartiges Ereignis: Aus einer verängstigten, desorientierten Gruppe, die sich in ihren eigenen vier Wänden verschanzt hatte, wurde eine Gemeinschaft, die furchtlos nach draußen ging und eine verbindende Sprache fand. Das ist die Zusage von Pfingsten: Gott lässt die Menschen nicht allein. Er wirkt wie der Beistand eines guten Freundes – spendet Trost, stärkt bei Verunsicherung und schenkt die nötige Phantasie, um Schwierigkeiten zu bewältigen.
Erschöpfte politische Mitte
Blickt man auf die aktuellen gesellschaftlich-politischen Debatten in Deutschland im Mai 2026, so sprechen zwar alle Deutsch, aber man versteht einander zu schlecht. In den fundamentalen Diskussionen um innere Sicherheit, Migration, wirtschaftliche Stagnation und die notwendige Modernisierung des Landes wirkt die politische Mitte erschöpft, während an den Rändern einfache Antworten auf komplexe Fragen Kraft erlangen.
Wer dafür nach Anschauungsunterricht sucht, muss seinen Blick nicht einmal auf die Bundespolitik richten; es reicht ein Spaziergang zum Frankfurter Römer. Bei der Kommunalwahl haben die Frankfurter vor vielen Wochen mehrheitlich für einen Politikwechsel votiert und die CDU mit einem deutlichen Zugewinn wieder zur stärksten Kraft in der Stadt gemacht. Und doch ist die Koalitionsbildung seit der Wahl im März zu einem politischen Kraftakt sondergleichen geworden. Während die Grünen ihre Wahleinbußen wochenlang durch die Autosuggestion zu verarbeiten schienen, dass sie in einer Freundschaft-plus-Beziehung mit Volt irgendwie der Sieger der Herzen seien, sucht die SPD nach ihrem künftigen Profil als kleine Partei, und die Union muss beweisen, dass ihr Wahlkampfversprechen einer funktionierenden „Chancenstadt“ keine lahme Worthülse bleibt. Was für eine Sprachlosigkeit.
Völlig unhaltbare Situation im Bahnhofsviertel
Auf eine Politik, die die inzwischen wieder vollständig unhaltbare Situation im Bahnhofsviertel beendet und eine kluge Verkehrspolitik, die Ideologie endlich durch Pragmatismus ersetzt, dürfen die Bürger im Fegefeuer der Eitelkeiten der Koalitionspartner in spe weiter warten. Doch, wie durch ein Wunder, pünktlich zu den Feiertagen, scheint sich in Frankfurt das Blatt tatsächlich zu wenden: Es danach aus, dass nach Pfingsten tatsächlich so etwas wie ein Koalitionsvertrag unterschreiben wird. Vielleicht heißt der aber auch anders und überhaupt, nichts Genaues weiß man nicht. Beziehungsstatus: kompliziert.
Der Kern des Pfingstgedankens – das Überwinden der Angst, das Verlassen des vertrauten Raumes und das aufrichtige Bemühen, die Sprache des anderen zu verstehen (und dabei auch einmal auf einen eigenen Posten zu verzichten) – ist somit gerade hier von enormer Aktualität: Frankfurt war historisch und wirtschaftlich immer dann am stärksten, wenn der Pragmatismus über die Doktrin siegte. Das wiederum gilt nicht nur für die Stadt, wenn man es genau nimmt, sondern für das ganze Land und für jeden von uns – in jeder Beziehung. Wenn wir mit Gelassenheit und Freude aufeinander zugehen, ist die Überwindung der Sprachlosigkeit möglich. In diesem Sinne: Frohe Pfingsten!
