Venezuela erholt sich von Maduro-Ära


Thilo Schmitz ist optimistisch: „Wir haben uns genau auf diesen Moment vorbereitet. Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten fünf Jahren sehr gute Geschäfte machen werden“, sagt der 1967 in Caracas geborene deutsch-venezolanische Unternehmer. Mit „diesem Moment“ meint er die Wiederöffnung des Landes nach Jahren des Abschwungs.

Seit der Entführung von Nicolás Maduro durch die USA am 3. Januar verändert sich Venezuela rasant. Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, Vizechefin unter Maduro, führt nun zwar weiter die Amtsgeschäfte, doch hinter ihr stehen die USA und machen Druck, ist Schmitz überzeugt: „Auf wirtschaftlicher Ebene regieren die Amerikaner voll durch.“

Venezuela Caracas 2026 | Delcy Rodríguez empfängt US-Innenminister Doug Burgum
Interimspräsidentin Delcy Rodríguez empfängt US-Innenminister Doug Burgum Anfang März 2026Bild: Federico Parra/AFP

Alles auf Öffnung

Die Anzeichen dafür sind nicht zu übersehen: Ende Januar öffnete die Regierung den Erdölsektor für ausländische Investitionen. Das Land verfügt über die größten Erdölreserven weltweit. Nachdem der Staat zwei Jahrzehnte lang alles kontrollierte, wird nun versucht, private Unternehmen ins Land zu locken. Mit ihnen soll Know-how und Kapital kommen. Regelmäßig besuchen US-Delegationen die Hauptstadt Caracas. Seit kurzem haben auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds wieder Beziehungen zu Venezuela aufgenommen.

„Die Menschen haben riesige Erwartungen“, sagt Schmitz, der 1996 die Firma seines Vaters übernahm. Damals war sie noch auf den Verkauf von Büro- und Schulmaterial spezialisiert. Mittlerweile handelt Schmitz auch mit glutenfreien Nahrungsmitteln und seit 2022 auch mit Medizintechnik aus Deutschland.

Venezuela Caracas | Deutscher Unternehmer Thilo Schmitz mit Mitarbeitern der Firma Gimmi
Thilo Schmitz ganz rechts mit Kollegen aus der BrancheBild: Rafael Montes

Sein Unternehmen hat 50 Mitarbeiter: Tendenz wachsend“. In den guten Jahren lag der Umsatz laut Schmitz bei 45 Millionen Dollar. Schon im Januar hat die DW mit Schmitz über die Lage nach dem Sturz von Nicolás Maduro gesprochen, denn nur wenige Unternehmer in Venezuela äußern sich öffentlich.

„Die alte Machtclique ist immer noch da“

Nach Angaben der deutsch-venezolanischen Industrie- und Handelskammer sind derzeit noch zehn deutsche Firmen mit einer Niederlassung in Venezuela aktiv. Dabei galt das Land lange als Sprungbrett der deutschen Industrie nach Südamerika. Gerade in Zeiten, als in Kolumbien Bürgerkrieg herrschte, galt Venezuela als wirtschaftlich stabil mit guter Lebensqualität. Doch seit der Regierungszeit von Hugo Chávez ab 1998 und vor allem unter Nicolás Maduro ab 2013 und den zunehmenden US-Sanktionen verließen viele das Land. 

Bei den wenigen, die geblieben sind, ist die Hoffnung auf einen Aufschwung wohl wieder zurück. Doch äußern möchte man sich eher nicht. Siemens und Linde antworteten auf DW-Anfrage nicht. Bosch bestätigte, in Venezuela keine Geschäfte mehr zu betreiben – man beobachte das Geschehen. „Derzeit ist es noch zu früh, das künftige wirtschaftliche Potenzial Venezuelas abzuschätzen“, so eine Pressesprecherin.

Symbolbild Venezuela Caracas | Skyline der Innenstadt
Blick auf Downtown Caracas – nur noch zehn deutsche Unternehmen haben Niederlassungen in VenezuelaBild: Hisham Ibrahim/Visually/picture alliance

Das Land ist in einer politischen Übergangsphase. Gestützt von den USA, ist das alte Regime von Nicolás Maduro weiter an der Macht – nur eben ohne ihn und ohne Garantie, dass sich demokratische Kräfte im Land durchsetzen. Auch ist unklar, ob die Midterm-Wahlen in den USA etwas am Druck von Donald Trump ändern.

Ein deutscher Unternehmer, der namentlich nicht genannt werden möchte, sagte der DW: „Im Prinzip hat Donald Trump der Hydra nur den Kopf abgeschlagen, die alte Machtclique ist immer noch da.“ Die aktuelle Phase sei aber kritisch. Interimspräsidentin Delcy Rodriguez wisse, dass sie so nicht weitermachen könne. Er hofft, dass die Staatseinnahmen nun auch den Menschen zugutekommen. „Wenn sich jetzt nicht nachhaltig etwas verändert, gehen die Menschen wieder auf die Straße, trotz der immer noch vorhandenen Repressionen. Und die Leute, die Venezuela verlassen haben, kommen nicht zurück.“

„Alles muss neu aufgebaut werden“

Die Bilanz des sogenannten Sozialismus des 21. Jahrhunderts ist verheerend: Knapp ein Viertel der Bevölkerung – rund acht Millionen Menschen – hat dem Land den Rücken gekehrt, darunter viele mit guter Ausbildung. Heute leben noch 28 Millionen Menschen in dem südamerikanischen Land. Die Wirtschaftsleistung ist massiv eingebrochen, zudem kämpft das Land mit einer dauerhaften Inflation. Im Jahr 2024 lag sie bei über 400 Prozent.

Venezuela Caracas 2024 | Neue 200- und 500-Bolivar-Banknoten
Wieder neue Scheine: In den vergangenen Jahrzehnten hat Venezuela etliche Währungsreformen durchgemacht. Die eigene Währung – der Bolivar – hat dabei immer weiter an Wert verloren. Bild: Gaby Oraa/REUTERS

Thilo Schmitz hat den Verfall miterlebt. Er geht deshalb davon aus, dass es für Venezuelas Wirtschaft nur eine Richtung gibt: nach oben. „Alles in diesem Land muss neu aufgebaut werden.“ Beispielsweise sei in den öffentlichen Krankenhäusern seit mehr als zehn Jahren nichts mehr investiert worden – für ihn und sein Unternehmen sieht er hier große Wachstumschancen.

Bei all der Euphorie ist sich Schmitz aber auch bewusst, dass es ohne Neuwahlen noch keine Rechts- und Planungssicherheit gibt. Auch das mächtige Militär könnte noch immer politisch Einfluss nehmen. Wegen des Drucks aus den USA sei die „Wahrscheinlichkeit aber eher gering“, glaubt Schmitz. Er spüre die Aufbruchstimmung: „Die Menschen sind wieder bereit, Risiken einzugehen. Es kommen kleine Aufträge und Anfragen.“

Chancen für deutsche Unternehmen?

Der deutsche Unternehmer, der anonym bleiben möchte, sieht hingegen bisher keine wesentlichen Veränderungen. Er ist vor allem im ländlichen Venezuela aktiv: „Unsere Mitarbeiter haben weiter dieselben Schwierigkeiten: konstante Stromausfälle, kaum Benzin und lange Schlangen an den Tankstellen.“

Venezuela Caracas 2022 | Aufbereitung von Krankenhausbetten für einkommensschwache Kliniken
Die öffentlichen Krankenhäuser in Venezuela sind seit mehr als einer Dekade nicht modernisiert worden. Bild: Pedro Rances Mattey/Anadolu Agency/IMAGO

Gerade im Bereich Energie- und Rohstoffgewinnung könnten deutsche Unternehmen in Venezuela gute Geschäfte machen. Siemens hat beispielsweise eine lange Geschichte beim Ausbau der Stromversorgung, berichtet der Ingenieur Alvaro Yaber der DW. Wohl auch deshalb verhandelt die Übergangsregierung derzeit mit Siemens und dem US-Mischkonzern General Electric über die Modernisierung des Stromnetzes.

Die Exil-Venezolaner fehlen

Für Yaber, der mehr als drei Jahrzehnte in Venezuela und Kolumbien im Energiesektor gearbeitet hat, ist vor allem wichtig, dass Venezuela eine langfristige Strategie für die Stromversorgung entwickelt. „Die Energie kann der Motor für den Wiederaufbau und für Wirtschaftswachstum werden“, schreibt er der DW. Um das Stromnetz nachhaltig aufzubauen, geht er von Investitionen zwischen 30 und 50 Milliarden Dollar über die nächsten Jahre aus.

Für Thilo Schmitz ist vor allem entscheidend, ob die Banken bald wieder Kredite vergeben können und ob die vielen Fachkräfte zurückkehren. Weil so viele ausgebildete Venezolaner ins Ausland gegangen sind, geht Schmitz von steigenden Gehältern für diejenigen aus, die geblieben sind. Er will seine Mitarbeiter selbst ausbilden, um so beim Fachkräftemangel gegenzusteuern. Den sieht Schmitz nämlich als Belastung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. 

Spanien Madrid 2026 | María Corina Machado spricht vor Tausenden Venezolanern
Von Spanien (im Bild) über Deutschland, Kolumbien, Mexiko, USA – rund acht Millionen Venezolaner haben das Land verlassen und leben nun im AuslandBild: David Canales/NurPhoto/picture alliance

Bei all den limitierenden Faktoren gehört es aber auch zu seinem Geschäft, Zuversicht auszustrahlen: „Als Unternehmer sehe ich, dass dieses Land wirtschaftlich explodieren wird.“ Dass Venezuela wirtschaftliches Potenzial hat, ist unbestritten – unsicher ist aber, ob der Zeitpunkt der Erholung wirklich schon gekommen ist.



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