„Royal Pop“-Taschenuhr von Swatch und Audemars Piguet: Ernsthaft?
Kommentar
„Royal Pop“ von Swatch und Audemars Piguet: Eine Taschenuhr – ernsthaft?
Audemars Piguet und Swatch bringen am 16. Mai die „Royal Pop“ auf den Markt – acht bunte Taschenuhren als Hommage an die „Royal Oak“ für unter 400 Euro. Klappt das?
Wenn Babys auf die Welt kommen, gratuliert man den Eltern. Das gehört sich so. Daher zunächst: Herzlichen Glückwunsch, Swatch und Audemars Piguet, zur gemeinsamen … Taschenuhr? Korrekt. Die neue „Royal Pop“, die ab Samstag, 16. Mai, für 385 bis 400 Euro, je nach Variante, in die Swatch-Boutiquen kommt, ist nicht wirklich für das Handgelenk bestimmt. Haben sich die ungleichen Kooperationspartner damit vielleicht selbst ein Bein gestellt und eine Wiederholung des „MoonSwatch“-Hypes von 2022 vom Start weg unwahrscheinlich gemacht? Oder surft das poppig-bunte Modell am langen bis kurzen Band ganz lässig und lukrativ auf der nimmermüden Retrowelle? Viele Fragen – doch der Reihe nach.
Es ist schon jetzt die ungewöhnlichste Paarung in der Uhrengeschichte. Auf der einen Seite: Audemars Piguet, gegründet 1875, im Vallée de Joux beheimatet und Manufaktur der „Royal Oak“. Eine der begehrtesten Sportuhren überhaupt für ab circa 30.000 Euro pro Stück. Auf der anderen Seite: Swatch aus Biel, wo man seit 1983 die Branche mit erschwinglicher Pop-Art provoziert. Das sprichwörtliche „Match made in heaven“ sieht wohl anders aus. Doch vielleicht wird die nun präsentierte „Royal Pop“, die ab 16. Mai in ausgewählte Swatch Stores kommt, ja gerade deshalb ein Renner.
Der „Royal Pop“ liegen Bänder in drei Längen bei, auch ein Tragen am Handgelenk wird möglich sein © Swatch x Audemars Piguet
Uhren am Handgelenk sind so 2025
Wie erwähnt ist die „Royal Pop“ keine Armbanduhr. Die Partner haben sich stattdessen für das archaische Format der Taschenuhr entschieden, die ein vor Spritzwasser geschütztes Gehäuse mit 40 Millimeter Durchmesser (im Clip: 44,2 mm) und 8,4 Millimeter Höhe besitzt. Gefertigt wurde es wie bereits die „MoonSwatch“ mit Omega aus Bioceramic, einem robusten und leichten Material, das zu zwei Dritteln aus Keramikpulver und zu einem Drittel aus biobasiertem Kunststoff auf Rizinusbasis besteht.
Der Clou: Die Uhr wird an einem Kalbslederband mit Kontrastnähten getragen – um den Hals, an der Hand- oder in der Hosentasche, am Gürtel oder Handgelenk. Dann mit dem kürzesten der drei beiliegenden Lanyards. Das Klicken der Uhr, wenn sie in den Clip einrastet, wollen Swatch und Audemars Piguet als akustisches Markenzeichen der „Royal Pop“ verstanden wissen.
Das ikonische Schachbrett-Zifferblatt der „Royal Oak“ findet sich auch auf dem „Gesicht“ der Günstig-Hommage © Swatch x Audemars Piguet
Alles dreht sich um die Zahl 8
Warum gibt es acht verschiedene Modelle? Die Antwort liegt in der Vergangenheit. Als der legendäre Uhrendesigner Gérald Genta im Jahr 1972 die „Royal Oak“ entwarf, wählte er ein achteckiges Gehäuse und acht sechseckige Schrauben auf der Lünette. Beides zitiert die „Royal Pop“ nun konsequent in einem Gehäuse, für das Swatch acht (!) Patente angemeldet hat. Auch das „Petite Tapisserie“-Zifferblatt, jenes Schachbrett-Prägemuster der „Royal Oak“, ist Teil der Hommage.
Das „Klack“-Geräusch beim Herausnehmen der Uhr aus dem Clip soll zum Markenzeichen des Modells werden © Swatch x Audemars Piguet
Swatch-Technik mit Audemars-Genen
Im Inneren der Taschenuhr tickt das bewährte Werk „Sistem51“ von Swatch, das einzige vollautomatisch in der Schweiz montierte Kaliber überhaupt. Diesmal jedoch in einer neuen Variante mit Handaufzug samt 90 Stunden Gangreserve. Für einen präzisen Lauf sorgt die antimagnetische Nivachron-Spiralfeder, ein Bauteil, das Swatch seinerzeit gemeinsam mit Audemars Piguet entwickelt hat und das sich daher auch in regulären AP-Modellen findet. Das sichtbare Federhaus – der Energiespeicher des Uhrwerks, durch das Saphirglas auf der Rückseite zu beobachten – dient zugleich als Gangreserveanzeige: Graue Kammern zeigen die Windungen der gespannten Hauptfeder und signalisieren, dass die Uhr aufgezogen werden muss. Sind sie golden, ist die Feder vollständig komprimiert und die Uhr läuft auf Vollast. Zeiger und Stundenmarkierungen sind mit der Leuchtmasse Super-LumiNova beschichtet.
Die Variante „Huit Blanc“ der „Royal Pop“ besticht durch acht Lünetteschrauben in acht Farben © Swatch x Audemars Piguet
Acht Modelle, ein Favorit
Die Kollektion teilt sich in zwei klassische Taschenuhren-Bauformen: die „Lépine“ (Aufzugskrone bei 12 Uhr, nur Stunden und Minuten, 385 Euro, sechs Modelle) und die „Savonette“ (Krone bei 3 Uhr, zusätzlich eine kleine Sekunde bei 6 Uhr, 400 Euro, zwei Modelle). Die Namen der insgesamt acht Varianten spannen einen sprachlichen Bogen von Tokio bis Bukarest: „Otto Rosso“, „Huit Blanc“, „Green Eight“, „Blaue Acht“, „Orenji Hachi“, „Lan Ba“, „Ocho Negro“ und „OTG Roz“. Das weiße Modell ist dank der aufgeschweißten Lünetteschrauben in acht Farben ein besonderer Hingucker.
Hype-Uhr oder Mode-Accessoire?
Die drängendste Frage für Uhrenfans, die Finanzchefs der beiden Unternehmen sowie für die Swatch-Aktionäre: Kann die „Royal Pop“ an den Wahnsinnserfolg der „MoonSwatch“ anknüpfen und für lange Warteschlangen vor Swatch-Boutiquen sorgen? Dabei sind Zweifel durchaus angebracht. Schließlichst die Taschenuhr seit einem guten Jahrhundert aus dem Alltag verschwunden und die Begehrlichkeit der Neuheit könnte somit auf wohlwollendes Achselzucken der angepeilten jungen Zielgruppe treffen.
Andererseits könnte genau in diesem kunterbunten Anachronismus ihr Erfolgsgeheimnis liegen. Wer die „Royal Pop“ kauft, trägt keine Uhr, sondern ein trendiges Objekt. Ein Schmuckstück, einen Gesprächsstarter, ein modisches Statement. Gerade bei jungen Frauen, deren Handgelenk längst von Tennisarmbändern, gestapelten Ketten und Charms geziert wird, hat die coole Anhänger-Uhr eine reale Chance. „Taugt das Modell als Uhr?“, wird abgelöst von „Steht mir das?“. Bei 400 Euro, weniger als It-Schuhe, dürfte die Antwort vielfach „Ja“ lauten. Zudem vermeidet die Taschenuhr-Form eine direkte Billig-Konkurrenz mit dem eigenen Flaggschiff fürs Handgelenk, der „Royal Oak“.
Warhol lässt grüßen: Die zwei CEOs hinter dem Projekt, Nick Hayek (Swatch Group) und Ilaria Resta (Audemars Piguet), beweisen im Marketingmaterial viel Humor © Swatch x Audemars Piguet
Was Audemars Piguet wirklich antreibt
Nein, geschäftlich braucht die ehrwürdige Manufaktur aus Le Brassus den Schulterschluss mit dem Rivalen aus Biel so sehr wie die Branche noch höhere Goldpreise. Neben der willkommenen Social-Media-Werbung für die eigene Marke möchte Audemars Piguet vor allem neue Zielgruppen an die mechanische Uhrmacherei heranführen. Gleichzeitig leitet man 100 Prozent der eigenen Erlöse aus der Kollaboration in eine Initiative zur Förderung uhrmacherischen Savoir-faires weiter, mit Fokus auf seltene Handwerkstechniken und den Nachwuchs der Branche. Details zu Struktur und Begünstigten sollen später folgen.
In Medienberichten wird Ilaria Resta, CEO von Audemars Piguet und damit die mächtigste Frau der Uhrenwelt, nun mit einigen erhellenden Erläuterungen zum Sensationsprojekt zitiert. So bezeichnet sie die „Royal Pop“ beispielsweise als „einmalige Kollaboration mit dem singulären Ziel, eine kollektive Begehrlichkeit zu erzeugen“. Damit dürfte Resta die Zunft der Uhrmacherei und ihre Produkte meinen, die der Gen Z ins Gedächtnis gerufen werden sollen. Als „emotional“ und „lebendig“. Die Wahl des Partners sei auf Swatch gefallen, weil ihre erste Armbanduhr mit 13 Jahren ebenfalls von der Marke stammte.
Ja, die Meinungen zu der Taschenuhr aus Bioceramic würden natürlich auseinanderdriften, aber: „Das ist immer der Fall, wenn die Luxusbranche ihre traditionellen Grenzen hinter sich lässt.“ Hype, Kritik und heiße Diskussionen – genau in diesem Spannungsfeld werde „Relevanz wiedergeboren“, so Ilaria Resta weiter. Und zwar gleichermaßen für zukünftige Uhrensammler wie auch für die nächsten jungen Uhrmachermeister.

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Den Vertrieb der „Royal Pop“ verantwortet übrigens vollständig Swatch. Und wer die Schlangen vom ersten „MoonSwatch“-Launch anno 2022 noch in Erinnerung hat, weiß, dass Interessierte den Store Locator besser früh als spät aufrufen sollten. Wie immer gilt die Regel: „Eine Uhr pro Person, pro Tag, pro Boutique.“
