Rente in Singapur: Sparen und Investieren statt Generationenvertrag


Schneiderinnen sitzen in einem Raum mit vielen Taschen und Nähutensilien.

Stand: 10.06.2026 • 08:54 Uhr

Der südostasiatische Stadtstaat Singapur hat ein ganz eigenes Rentensystem, es setzt auf private Vorsorge und staatliche Zuschüsse. Die Zufriedenheit damit ist hoch: Die Renten gelten als sicher.

In Singapur spart jeder individuell für sich. Was man ins staatliche Rentensystem einzahlt, bekommt man auch heraus. Plus vier Prozent Zinsen – das untere gesetzliche Limit.

Als Angestellter spart man verpflichtend 20 Prozent seines Gehalts. Der Arbeitgeber gibt noch mal knapp das gleiche dazu. Das Geld wird vom Staat am Kapitalmarkt angelegt, investiert in nicht handelbare Singapurer Staatsanleihen. Das Risiko trägt also der Staat. Die Anlage gilt als sicher, denn Singapur ist einer der zahlungsfähigsten Staaten der Welt.

Eingeführt wurde das System 1955, seitdem ist es schrittweise weiterentwickelt worden, erklärt Christopher Gee, stellvertretender Direktor des Instituts für Politikstudien an der Nationaluniversität von Singapur. Dort forscht er zu Demografie und Altersvorsorge. „Das System ist ziemlich einzigartig in Bezug auf seine Struktur und Gestaltung. Es ist sehr schwer, international etwas Vergleichbares zu finden.“

Mehrere Töpfe mit klar definierten Zwecken

Der Kern des Rentensystems ist der CPF – der Central Provident Fund. Ein Sparsystem mit einem Konto für die Rente, aber auch mit Sparkonten für Wohnen, Bildung und Gesundheit. Das Geld von Arbeitnehmer und Arbeitgeber wird automatisch nach festen Sätzen auf die verschiedenen Spartöpfe verteilt.

Die Aufteilung hängt hauptsächlich vom Alter ab. Je älter jemand ist, desto mehr Geld fließt aufs Sparkonto für die Altersvorsorge. Bei jungen Menschen fließt das meiste Geld in den Topf für Wohnungskauf und Bildung.

Von diesen Ersparnissen kaufen sich die meisten Singapurer im Laufe ihres Lebens eine staatlich geförderte Wohnung, so wie die 68-jährige Sandy Cheng. Sie sitzt in einer kleinen Änderungsschneiderei konzentriert über ihre Nähmaschine gebeugt, zwischen Stoffrollen, Bügelbrettern und chinesischen Glücksbringern. Das abbezahlte Eigenheim ist eine essenzielle Säule, um als Rentnerin gut über die Runden zu kommen.

Wie Sandy Cheng besitzen fast 90 Prozent der Singapurer ihre Wohnung, dank des staatlichen CPF-Systems. Sie müssen im Alter also weder hohe Mieten noch Kredite zahlen.

Anderer Begriff von Renteneintrittsalter als in Deutschland

Obwohl Sandy schon in Rente gehen könnte, möchte sie arbeiten, solange sie fit ist. Das Renteneintrittsalter wurde gerade von 63 auf 64 Jahre erhöht. Ab 2030 soll das Renteneintrittsalter für Männer und Frauen auf 65 steigen. Das Rentenalter lässt sich aber nicht direkt mit dem in Deutschland vergleichen. Es ist eher ein arbeitsrechtlicher Schutz. Wer das Rentenalter erreicht, kann bei seinem Arbeitgeber unter angepassten Bedingungen, wie kürzeren Arbeitszeiten, noch fünf Jahre weiterarbeiten – seit diesem Jahr also bis 69.

Arbeitgeber sind verpflichtet, den Arbeitnehmer weiter zu beschäftigen, wenn dieser das möchte. Und das sind laut Arbeitsministerium immer mehr Menschen. Singapur gilt als eine der teuersten Städte der Welt.

Ihre Ersparnisse für die Rente hat Sandy Cheng noch nicht angetastet. Dabei können sich Singapurer mit 55 bereits Teile ihrer Rentenbeiträge auszahlen lassen, wenn sie wollen. Ein Minimum als Basisabsicherung muss fürs Alter bleiben. Die reguläre monatliche Auszahlung beginnt in der Regel mit 65, lässt sich aber bis 70 aufschieben. Das macht fast jeder Zweite so wie Sandy Cheng. Dadurch bekommt sie später höhere monatliche Beträge – oder könnte ihre Rente sogar an ihre Kinder vererben.

Die Höhe der monatlichen Auszahlung hängt von der erreichten Sparsumme ab und reicht in der Regel von umgerechnet rund 600 Euro bis 2.300 Euro pro Monat. Gleichzeitig ist das ersparte Geld nur eine Säule der Altersabsicherung. Weitere Säulen sind Wohneigentum und die Familie. Es ist üblich, besonders in der chinesischen Kultur, dass Kinder ihren Eltern im Alter auch finanziell helfen. Im multikulturellen Stadtstaat Singapur ist die Mehrheit chinesischer Abstammung.

Mit 75 Jahren noch in der Bäckerei

Nicht weit entfernt von Sandy sitzt Tony Tan hinter der Kasse, neben ihm ein Glastresen voll mit Keksen und Törtchen. Der Bäcker ist 75 Jahre alt, eigentlich in Rente, liebt seinen Job jedoch so sehr, dass er regelmäßig seiner früheren Angestellten im Backshop aushilft.

Tony bekommt seine Rente bereits vom Staat ausgezahlt. Jeden Monat umgerechnet etwa 480 Euro, größtenteils steuerfrei. Als Selbstständiger hat er freiwillig in das staatliche CPF-System eingezahlt. Seine Sparsumme liegt unter der von vielen Angestellten. Aber mit dem Geld komme er über die Runden, sagt Tony Tan. Auch dank zusätzlicher privater Ersparnisse und einer eigenen Wohnung. „Für einen alten Mann wie mich ist das okay. Es ist genug. Es kommt darauf an, wie du das Geld ausgibst.“ Statt ständig ins Restaurant zu gehen, esse er in den kleinen Singapurer Garküchen.

Am Ende sei die Idee, dass man durch das staatliche CPF-Rentensystem genug habe für einen einfachen Lebensstandard im Alter. Nicht luxuriös, sondern ausreichend, erklärt Rentenforscher Christopher Gee.

Wer später mehr möchte und es sich leisten kann, sorgt zusätzlich privat vor. Wie das Singapurer Ehepaar Simin und Eugene. Beide sind Anfang 30, haben einen kleinen Sohn und arbeiten in der Immobilien- und Finanzbranche. Noch lange über das Rentenalter hinaus – wie die Generation ihrer Eltern – wollen die beiden nicht arbeiten, sagt Eugene. Es gebe eine Tendenz zu einer stärkeren Work-Life-Balance, mit mehr Freiheiten.

Um sich diese im Alter leisten zu können, kann man, statt privat zu investieren, auch freiwillig mehr in seinen CPF-Renten-Fonds einzahlen. Für sich selbst oder Angehörige. Diese freiwilligen Zahlungen verdoppelt der Staat bei Singapurern ab 55 Jahren, die wenig verdienen und noch nicht die Basis-Summe angespart haben.

Mit 55 sollten Singapurer mindestens 75.000 Euro haben

Das Ziel der Regierung ist, dass Rentner mit 55 Jahren mindestens 75.000, im besten Fall umgerechnet rund 300.000 Euro für ihre Rente angespart haben. Der Realitätscheck zeigt jedoch, dass etwa jeder Fünfte aus dieser Alterskohorte diesen Basisschutz heute noch nicht erreicht hat.

Wer mit Renteneintritt keine anderen Ersparnisse besitzt, keine größeren Immobilien besitzt und auch nicht von der Familie unterstützt werden kann, bekommt später im Alter zusätzlich Geld vom Staat, erklärt Wissenschaftler Christopher Gee. „Die Regierung hilft bis zu einem bestimmten Level. Finanziert durch Steuern. Jedoch nur denen, die es am dringendsten brauchen. Wir wollen nicht, dass jeder, auch wer es sich leisten kann, durch Steuern subventioniert wird.“

Hohe Zufriedenheit – mittlerweile

Die Zufriedenheit mit dem halb staatlichen, halb privaten Rentensystem ist heute hoch. Vor mehr als zehn Jahren gab es allerdings mal öffentliche Proteste, die Demonstrierenden wollten mit 55 Jahren an ihr Geld – komplett, nicht nur in Teilen. Als Reaktion auf die Proteste wurde etwas mehr Flexibilität ermöglicht. Aber im Kern verteidigt die Regierung das System bis heute als notwendig, um Altersarmut zu verhindern.

„Es braucht aber noch Verbesserungen“, sagt Christopher Gee. „Das System ist 70 Jahre alt. Und die Welt verändert sich sehr schnell. Also muss das System sich auch an die aktuelle Situation anpassen.“

Die Rentner Sandy und Tony, aber auch das junge Pärchen Eugene und Simin schauen entspannt in die Zukunft. Sie wissen: Was sie eingezahlt haben auf ihr Sparkonto, bekommen sie früher oder später auch wieder ausgezahlt – mit einer guten, staatlich garantierten Rendite.



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