Neues Anthropic-Modell Fable: Achtung, unsere KI ist zu gefährlich – Wirtschaft


2026 wird das Jahr, in dem Fantasie an die Börse geht. Da ist natürlich Space-X, die Weltraumfirma, die mit wilden Ideen zu Städten auf dem Mars ihren Mondpreis rechtfertigt, da sind aber auch noch die beiden KI-Pioniere Open AI und Anthropic. Und deren Bewertungen beruhen ebenfalls zu einem großen Teil darauf, wie stark sie die Fantasie ihrer Nutzer und bald auch Anleger beflügeln können.

Die Firma Anthropic, die bei ihrer jüngsten Finanzierungsrunde an Open AI vorbeizog und mit Bewertung von rund einer Billion Dollar zur wertvollsten Fantasiefirma aufstieg, scheint sich dessen sehr bewusst zu sein. Seit ihrer Gründung stützt sie sich auf eine große Erzählung, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: „Wenn wir nicht aufpassen, dann vernichtet uns KI.“ Wenn Anthropic Schlagzeilen machte, dann dieser These folgend: Mal verlangte man einen Forschungsstopp, mal provozierte man den US-Kriegsminister mit der Forderung, die KI dürfe nicht für autonome Killerroboter genutzt werden, mal ließ man ein Modell nur von Cybersicherheitsfirmen testen, um die große (selbstverschuldete) Katastrophe gerade noch abzuwenden.

Anthropic spielt mit der eigenen Erzählung, und das ganz offenbar sehr erfolgreich. Die Namen ihrer Modelle klingen vor diesem Hintergrund beinahe selbstironisch: Haiku, Sonnet und Opus. Der kleine japanische Reim als leichtestes Modell für Standardaufgaben, Sonnet für alles, was schon ein bisschen Hirnschmalz benötigt, Opus für die wirklich komplexen Rechercheaufgaben.

Die Namen für ihre KI-Modelle: ein Gedicht

Kürzlich hatte Anthropic die Modellfamilie um „Mythos“ erweitert. Auch das angemessen benannt, es durfte nämlich nur von streng ausgewählten Hohepriestern der Moderne (Techfirmen und Banken) eingesetzt werden. Natürlich um zu verhindern, dass Bösewichte damit Sicherheitslücken finden und ein weltweites Chaos auslösen. Die Botschaft: „Mythos“ ist zu mächtig für Normalnutzer. Weil Anthropic aber eigentlich gar keine Religion ist, sondern auch nur ein Unternehmen, das Geld verdienen will, hat man sich einen Kompromiss zwischen Chaos und Pleite überlegt. „Mythos“ wurde in Ketten gelegt. Doch weil das derart gestutzte Modell so gar nicht mehr dem übermächtigen „Mythos“ entsprach, bekam dieses „Mythos für Arme“ gleich einen neuen Namen: „Fable“. Mythos für mich, Fabel für dich. In einem Blogpost erklärte Anthropic den Unterschied zwischen den beiden Modellen so: „Wir haben Sicherheitsmaßnahmen eingebaut, die dafür sorgen, dass bei einigen Themen nicht Fable 5 antwortet, sondern das Modell eine Stufe darunter, Opus 4.8.“

In der Nacht zum Mittwoch durften Nutzer von Claude und der Programmier-KI der Firma, Claude Code, zum ersten Mal mit dem neuen Modell spielen. Viele Reaktionen auf Plattformen wie X und Bluesky deuten nun darauf hin, dass Anthropic die Fesseln vielleicht ein wenig zu eng angelegt hat. So triggerte schon die Bitte, eine Software zu bauen, die keine Sicherheitslücken enthält, den Hinweis, dass Fable aus Sicherheitsgründen nicht antworten könne: Es seien die Themenfelder Cybersicherheit oder Biologie angesprochen worden.

Anthropic zufolge wird dieser Dialog aktuell in fünf Prozent der Fälle ausgelöst, man werde aber versuchen, die False-Positives, also die Rate der Fehlalarme, so schnell wie möglich zu senken. Ob das bis zum 22. Juni klappen wird, ist fraglich. Nur bis zu diesem Tag ist die Fable-5-Nutzung noch in den Bezahlangeboten von Claude inklusive, danach wird das Modell extra abgerechnet. Dazu passt, dass die Token-Limits bei der Fable-Nutzung derzeit ziemlich restriktiv sind. Bei einem Test war nach nur wenigen Minuten Nutzung die Grenze erreicht.

Das ist nachvollziehbar, verdeutlicht aber den schweren Spagat, den die KI-Unternehmen derzeit hinlegen müssen. Weder Anthropic noch Open AI haben es bislang in die Gewinnzone geschafft. Beide Firmen verbrennen seit Jahren das Geld ihrer Investoren, um besser zu werden und zu wachsen. Mit dem noch für dieses Jahr geplanten Börsengang muss sich die Strategie ändern. Anthropic muss zeigen, dass sich mit Fantasie auch Geld verdienen lässt.



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