Nach Anschlag auf israelisches Lokal „Eclipse“ in München: 5000 Euro Belohnung – München
Die Anzeichen verdichten sich, dass der Sprengstoffanschlag auf das israelische Lokal „Eclipse“ in der Münchner Maxvorstadt von Tätern aus dem kriminellen Milieu im Auftrag Teherans verübt worden ist. Das Landeskriminalamt München hat am Montag eine Belohnung von 5000 Euro ausgesetzt. Das offenkundige Ziel: angeheuerte Beteiligte zum Reden zu bringen. Außerdem wurde eine Ermittlungsgruppe eingesetzt.
In dem Restaurant, das durch die Explosionen am 10. April beschädigt worden war, wurden am Donnerstag die letzten sichtbaren Anschlagsfolgen beseitigt. Neben dem Sprengstoff, der wohl aus verschiedenen pyrotechnischen Erzeugnissen zusammengemixt wurde, haben die Täter weitere Spuren hinterlassen. Zwei Männer sollen gesehen worden sein, die nach den Explosionen schnell vom Tatort verschwanden, sowie ein weißes Auto.
Außerdem gibt es ein Bekennervideo im Stil und mit dem Logo der angeblichen Islamisten-Gruppe „Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia“ (Hayi). Dieses Video, das erst fünf Tage nach der Tat auf einem pro-iranischen Telegram-Kanal veröffentlicht wurde, ist aus öffentlich zugänglichen Fotos und Videos zusammengebastelt. Dennoch halten es die Ermittler für wenig wahrscheinlich, dass der Anschlag eine spontane Tat von Israelhassern gewesen sein könnte.
Zu auffällig sind die Parallelen zu ähnlichen Attacken, zu denen sich die obskuren Hayi bekannt haben. Seit dem 9. März will die Gruppierung 18 Anschläge verübt oder geplant haben. Die Ziele: Synagogen und andere jüdische und israelische Einrichtungen in London, Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen, Lüttich und Skopje. Die Angriffe erfolgten mit selbst gebauten Spreng- und Brandsätzen, einmal will die Gruppierung auch eine Drohne eingesetzt haben. Typisch ist, dass die Täter sofort nach dem Anschlag das Weite suchen – unabhängig davon, ob sie ihr Ziel erreicht haben.
In London, wo allein sechs der Anschläge verübt wurden, hat die Metropolitan Police nach eigenen Angaben bereits 25 Personen festgenommen. Ein 17-Jähriger wurde schon verurteilt. Die Münchner Ermittler dürften aufmerksam die Erkenntnisse ihrer britischen Kollegen verfolgen. Unter den Verdächtigen sind Personen mit und ohne Migrationshintergrund. In der Mehrzahl handelt es sich um junge Männer zwischen 16 und 25 Jahren. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei ihnen um angeworbene „Proxies“ oder „Low-Level-Agenten“ handelt, also teils um Kleinkriminelle, teils um radikalisierte Jugendliche, die für ein Handgeld brisante Aufträge ausführen.
Ein nach einem vereitelten Anschlag in Paris festgenommener Jugendlicher gab an, ihm seien über die Online-Plattform Snapchat für die Tat 600 Euro versprochen worden. Die eigentlichen Hintermänner benutzen die Auftragstaten dann für ihre eigene Propaganda, die sie unter dem Label Hayi veröffentlichen. Das erst seit Anfang März aktive angebliche Islamisten-Netzwerk halten zahlreiche Geheimdienst-Experten in Wirklichkeit für eine Tarnung, hinter der möglicherweise die iranischen Revolutionsgarden stecken.
Vicki Evans, dritthöchste Polizeibeamtin im Großraum London, sprach in einer Stellungnahme zur Anschlagserie vom „routinemäßigen Einsatz krimineller Stellvertreter durch das iranische Regime“ und ergänzte: „Wir prüfen, ob diese Taktik auch hier angewendet wird – die Rekrutierung von Gewalttätern als Dienstleistung. Die Täter solcher Verbrechen hegen oft keine Loyalität gegenüber der Sache und nehmen schnelles Geld für ihre Taten an.“
Das wollen sich jetzt die bayerischen Sicherheitsbehörden zunutze machen. Mit dem Ausloben einer relativ hohen Belohnung sollen offenbar örtliche Mitwisser zum Sprechen gebracht werden. „Diejenigen, die dich beauftragt haben, werden nicht da sein, wenn du verhaftet und vor Gericht gestellt wirst“, warnte die Londoner Ermittlerin jüngst solche mutmaßlichen Proxies. „Du wirst einmal benutzt und dann, ohne mit der Wimper zu zucken, weggeworfen.“
Was iranische Dienste mit einer derartigen Strategie bezwecken, hat bereits im vergangenen Sommer ein Terrorismus-Experte im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erläutert. Laut Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project (CEP) könnten niedrigschwellige Taten, wie es sie in der Vergangenheit auch in München gab, „Tests“ sein, um herauszufinden, wie deutsche Sicherheitsbehörden reagieren.
Für die Auftraggeber in Iran bringt der Einsatz von Low-Level-Agenten laut Schindler mehrere Vorteile. Oft bleibe längere Zeit unklar, wie eine Tat eingeordnet werden muss. Und werden dann Verdächtige gefasst, führt die Spur scheinbar ins kriminelle Milieu und nicht zu den Hintermännern.
Ein Plan, der zumindest beim Münchner Anschlag vom 10. April nicht aufgegangen ist. Schon in einer ersten Stellungnahme in der Nacht sprach die Polizei von einer antisemitischen Tatmotivation. Und nur Stunden später übernahm der Antisemitismus-Beauftragte der bayerischen Justiz, Oberstaatsanwalt Andreas Franck, die Leitung der Ermittlungen. Auch das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz beschäftigt sich mit dem Fall und der Spur, die möglicherweise nach Teheran führt.

