Jobsuche – Diese Trends bestimmen akutell den Arbeitsmarkt
Arbeitsmarkt
Jobsuche: „Man sollte sich ein dickes Fell zulegen“
Bei der Jobsuche braucht man dieses Jahr einen langen Atem, sagt Expertin Anna Lüttgen im Interview. Was Bewerber wissen müssen – und wie sie die Zeit nutzen können
Frau Lüttgen, im Fachkräfteindex, den Sie mit Hays veröffentlichen, zeigt die Nachfrage nach Fachkräften in allen Branchen nach unten. Ist die Jobsuche gerade aussichtslos?
ANNA LÜTTGEN: Nein, allerdings ist sie durchaus herausfordernd. Branchenübergreifend sehen wir eine Abwärtsbewegung in der Fachkräftenachfrage. Das ist aber kein temporäres Rekrutierungsproblem, sondern einfach Teil eines großen strukturellen Wandels.
© Mike Abmaier
Anna Lüttgen ist Chefin des Bereichs Rekrutierung bei der Personalberatung Hays.
Das müssen Sie erklären.
Derzeit besetzen die Unternehmen nicht sofort nach, wenn eine Stelle vakant wird. Es wird sehr genau geprüft, welche Positionen und Skills gebraucht werden, wer ist besonders wichtig und welche Rollen tragen zur Wertschöpfung bei – an diesen Stellen wird auch weiter nachbesetzt. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl offener Stellen um rund 19 Prozent gefallen. Damit ist faktisch gesehen kein flächendeckender Arbeitskräftemangel mehr vorhanden. Dazu kommt: Weniger junge Arbeitskräfte kommen nach. Diese Situation macht es gerade für jüngere Jobsuchende natürlich nicht einfach. Wir sehen, dass deutlich mehr überlegt wird, wenn jemand neu eingestellt wird: Was braucht die Person, um erfolgreich zu sein? Welche Aufgaben soll sie übernehmen? Wie gelingt ein schneller und effektiver Start? Welche Erfahrungen bringt sie ein? Es ist selektiver, und qualitativ teilweise besser.
Wer einen Job findet, kann also Glück haben – aber der Weg dorthin ist schwieriger. Woher kommt dieser Wandel?
Die schwache Konjunktur spielt eine wichtige Rolle, ist aber nur teilweise dafür verantwortlich. Es geht um eine strukturelle Veränderung. Die Unternehmen merken, dass sie sich nicht mehr auf die Wahrheiten verlassen können, die Jahrzehnte lang gegolten haben – wie, dass es nach einem kurzen Abschwung automatisch wieder nach oben geht. Deswegen werden viele althergebrachte Methoden und Glaubenssätze infrage gestellt: Sind die Hierarchieebenen im Unternehmen noch zeitgemäß? Brauche ich all diese Expertenrollen noch?
Da fällt einem zwangsläufig das Thema Künstliche Intelligenz ein – von der es ja heißt, dass sie viele Jobs bald ersetzen könne.
So pauschal kann man das nicht sagen. Wir sehen, dass es Aufgabenfelder verändert. Aber nur in den allerwenigsten Fällen kann KI den Job wirklich ersetzen. Meistens wird sie eingesetzt, um Mitarbeitende von Routinetätigkeiten zu entlasten – dann braucht man für bestimmte Aufgaben vielleicht auch nicht mehr so viele Personen.
In welchen Branchen stehen die Chancen denn besonders schlecht – und in welchen besonders gut?
Alle Branchen stehen unter Druck, das zeigt unser Fachkräfteindex. Manche mehr oder weniger. Energieversorgung, erneuerbare Energien und Green Tech sind immer noch absolute Trendthemen. Im MINT-Bereich fehlen weiterhin über 100.000 Fachkräfte. Auch Gesundheit und Pharma sind aussichtsreich und nicht zuletzt alles im Hightech-Bereich – dort kann Deutschland mit hochqualifizierten Wissensarbeitern einen Unterschied machen. Auf der anderen Seite: Branchen wie der Handel und die Automobilindustrie sind wahnsinnig unter Druck. Die müssen sich stärker transformieren als andere Branchen – das „Einfach weiter so“ funktioniert nicht mehr.
Welche Rollen suchen die Unternehmen besonders?
Vor allem Fachkräfte mit Erfahrung. Für Berufseinsteiger ist das natürlich eine Einstiegshürde. Daneben sind vor allem Eigenschaften wie Resilienz und Veränderungsfähigkeit gesucht. Wenn ich 30 Jahre lang in der gleichen Position die gleichen Ergebnisse erzielen konnte, habe ich gute Karten. Es hilft, wenn man einen Track-Record mitbringen und zeigen kann: Hier konnte ich einen wichtigen Teil zum Unternehmenswachstum beisteuern.
Also keine rosigen Aussichten für viele, die vielleicht zum ersten Mal seit langem auf den Arbeitsmarkt kommen. Was müssen Jobsuchende tun?
Zunächst sollten sie reflektieren: Was bringe ich mit, was vielleicht gerade gefragt ist? Das könnte zum Beispiel sein, dass man mit internationalen Teams arbeiten kann oder besonders kompetent im sozialen Umgang ist. Das wird sogar immer wichtiger. Früher zählte vor allem das Abschlusszeugnis. Inzwischen ist wichtig, wo ich bereits bewiesen habe, dass ich ein guter und teamfähiger Kollege bin. Und gleichzeitig darf man vom potenziellen Arbeitgeber auch einfordern, dass er mich über die Perspektive im Unternehmen ehrlich aufklärt. Aber trotzdem sollte man sich auf längere Wartezeiten und vor allem mehr Schritte im Bewerbungsprozess einstellen.
So eine lange Zeit auf Jobsuche kann frustrieren. Wie kann man mit einer längeren „Durststrecke“ umgehen?
Man sollte sich ein dickes Fell zulegen und es auf keinen Fall persönlich nehmen, wenn es nicht klappt. Das ist im Moment leider ein relativ normaler Zustand. Noch frustrierender als die Absage kann sein, wenn sich Unternehmen auf einmal nicht mehr melden. Das gab es früher nicht und das kann sich auch heute kein Unternehmen leisten. Den Jobsuchenden hilft, wenn man sich ein gutes Netzwerk aufbaut – nicht, weil die auf einmal den perfekten Job zur Hand haben, sondern weil vielleicht dort jemand in einer ähnlichen Lage war und unterstützen kann. Vor allem aber sollte man die eigenen Ansprüche nicht zu sehr herunterschrauben. Wenn man einen Job findet, ihn dann aber ein halbes Jahr später wegen einer spannenderen Stelle wieder verlässt, hat niemand was davon. Also wenn möglich keine Kompromisse eingehen.
Also sind die Vorsätze für 2026 für Bewerber: Die eigenen Stärken reflektieren, herausarbeiten und den langen Atem trainieren?
Genau, und die Zeit nutzen: Kann ich vielleicht in eine Fortbildung investieren? Auch ehrenamtliche Tätigkeiten helfen. Sie sind nicht nur sinnstiftend, sondern auch eine relevante Arbeitserfahrung – und man zeigt potenziellen Arbeitgebern, was in einem steckt.
Transparenzhinweis: Dieser Text stammt aus dem Archiv und erschien erstmals im Januar 2026. Er wurde erneut geprüft und veröffentlicht.
