Häuser der Religionen: Orte praktizierter Diversität
Nach Jahrzehnten der Zuwanderung ist Europa religiös bunter geworden: Neben Christen, Juden und Muslimen leben heute auch Buddhisten, Hindus, Bahai, Sikhs und Jesiden auf dem Kontinent. Gleichzeitig sind die Gesellschaften aber auch säkularer, traditionelle kirchliche Bindungen haben abgenommen.
Diese Diversität führt zu neuen Konflikten: Hassreden im Netz, Antisemitismus und anti-muslimischer Rassismus haben zugenommen, Polarisierung und rechtsextremer Populismus schaffen enorme gesellschaftliche Spannungen. Interreligiöser Dialog will durch Begegnung Ängste abbauen, Vorbehalte überwinden und zu einem respektvollen Miteinander beitragen. Häuser der Religionen wollen Räume für solche Begegnungen sein und gleichzeitig Symbole für Verständigung zwischen den Religionen.
Acht Glaubensgemeinschaften teilen sich das Haus der Religionen – Dialog der Kulturenam zentralen Europaplatz in der Schweizer Hauptstadt Bern: Buddhisten, Hindus, Muslime, Christen und Aleviten haben eigene sakrale Räume gestaltet.
Die Moschee hat Teppiche und Gebetsnische, im Kirchenraum versammeln sich acht verschiedene christliche Konfessionen. Hindus haben einen farbenfrohen Tempel für ihren Gott Shiva eingerichtet. Juden, Bahai und Sikhs beteiligen sich ohne eigene Räume am Programm des Hauses und präsentieren stattdessen in Vitrinen ihre kultischen Objekte wie zum Beispiel die Menora der Juden. Alle Gottesdienste und Zeremonien sind öffentlich zugänglich.
Intensiver Lernprozess
Bis zur Eröffnung des Hauses im Jahr 2014 wurde jahrelang intensiv gerungen: Wer bekommt welchen Raum? Wer kommt neben welche religiöse Gemeinschaft? Wie wird der gemeinsame Raum genutzt? All diese Fragen mussten geklärt werden. „Die Planung war für alle eine enorme Lernerfahrung. Alle mussten Kompromisse eingehen“, sagt die katholische Theologin Angela Büchel Sladkovic vom Verein Kirche im Berner Haus der Religionen. Nur so könne Dialog funktionieren: „Wer interreligiösen Dialog betreiben will, muss sich auch selbst relativieren“.
Rund 100.000 Besucher, darunter viele Schulklassen, kommen jedes Jahr ins Haus, das von der Stadt Bern, den christlichen Kirchen, Stiftungen und privaten Spendern finanziert wird. Bei geführten Rundgängen durch die verschiedenen Sakralräume lernen die Besucher religiöse Vielfalt kennen. Im hauseigenen Restaurant gibt es ayurvedische Küche, die von einem Rabbiner als koscher zertifiziert wurde.
Vom Konflikt zum Gespräch
„Diversität ist kompliziert, aber sie ist auch spannend“, sagt Carl Dahlbeck, Vikar der Evangelischen Kirche in Schweden. In Fisksätra, einem Vorort von Stockholm, haben Konflikte den Dialog in Gang gebracht. Schulen hatten um Unterstützung bei Streitigkeiten zwischen christlichen und muslimischen Schülern gebeten. In dem Ort leben rund 8000 Menschen aus 80 Ländern, rund 40 Prozent von ihnen sind muslimisch.
Nach dem Hilferuf der Schulen trafen sich evangelische Christen und Muslime im Jahr 2003 auf einem Fußballplatz zu einem ersten Gebet. „Das war die Geburt eines organisierten interreligiösen Dialogs“, sagt Dahlbeck. Weitere Begegnungen folgten, die katholische Gemeinde St. Konrad in Fisksätra kam mit dazu. Eine jüdische Gemeinde ist nicht dabei, weil es in der Gemeinde kaum Juden gibt.
Aus den zunächst flüchtigen Kontakten wurden regelmäßige Friedensgebete, Workshops, Diskussionen und Kulturabende. Man trifft sich bisher in den Räumen der evangelischen Kirche in Fisksätra. Doch die Räumlichkeiten sind nur provisorisch, die Muslime brauchen eine Moschee. Sie soll direkt neben der evangelischen Kirche entstehen und mit dieser durch ein gemeinsames Atrium zu einem einzigen interreligiösen Komplex verbunden werden. Das wäre ein Novum: Kirche und Moschee zusammen unter einem Dach.
Dialog braucht Räume und Ressourcen
„Dialog braucht auch Räume, die die Verbundenheit zwischen den Religionen ausdrücken“, sagt Carl Dahlbeck. Die 5,5 Millionen Euro für das Bauprojekt müssen jedoch erst noch aufgetrieben werden. „Nur wenn wir uns begegnen, können Ängste angesichts von Differenzen überwunden werden“, sagt Dahlbeck. „Aus Entfremdung kann dann gegenseitiger Respekt entstehen“.
Für Osman Örs, Imam und theologischer Referent am Berliner House of One, ist das ein fortwährender Lernprozess, der viel Geduld erfordere. „Ein Wagnis mit offenem Ausgang – aber ohne Alternative“. Mehr als 6000 Menschen haben 2025 an einem Angebot zum Thema religiöse Vielfalt teilgenommen, die Hälfte davon Schüler. Das House of One soll einmal Gebetsräume von Christen, Juden und Muslimen unter einem Dach vereinen.
Der 7. Oktober hat den Dialog erschwert
Das Bauprojekt stagniert jedoch, unter anderem wegen gestiegener Baukosten. Die Bildungsarbeit findet in provisorischen Räumlichkeiten statt. Nach dem 7. Oktober 2023 ist der Dialog schwieriger geworden, doch im House of One konnte zum Jahrestag des Massakers der Hamas jeweils ein christlich-muslimisch-jüdisches Friedensgebet organisiert werden, bei dem man gemeinsam für ein Ende des Krieges und für die unschuldigen Opfer auf allen Seiten gebetet hat.
Für Imam Örs ist es eine zentrale Aufgabe des House of One, auch in einer aufgeheizten Atmosphäre Räume für Austausch und Begegnung anzubieten. Er hält den Dialog dann für gelungen, „wenn ich dem Gegenüber mit tiefem Respekt begegne, ohne das eigene Profil zu verwässern.“
Verhärtungen brechen auf
Im Haus der Religionen in Hannover hat Religionswissenschaftler Sören Rekel-Bludau erlebt, wie Verhärtungen zwischen Jesiden und Muslimen aufbrechen. Wenn jesidische Schüler ihren muslimischen Klassenkameraden heute bei einer der rund 200 Führungen pro Jahr durch das Zentrum den Raum zeigen, in dem ihr Glaube präsentiert wird, „dann gibt es sehr emotionale Elemente“, sagt Rekel-Bludau. Offen über ihren Glauben zu sprechen sei für viele Jesiden eine gänzlich neue Erfahrung.
Das Verhältnis zwischen Jesiden und Muslimen ist belastet, weil Muslime im Laufe der Geschichte immer wieder Jesiden diskriminiert und verfolgt haben – bis hin zum Völkermord im Jahr 2014 durch den selbsternannten „Islamischen Staat“ im Nordirak. Rund 200.000 Jesiden leben seither in Deutschland. „Man kann dann spüren, wie etwas zwischen den Schülern aufbricht.“ Dabei rede man nicht über die Religionen, „sondern wir sprechen miteinander über unsere Erfahrungen“.
„Dialog ist kein Nice to have“
„Wenn man sich persönlich kennt und schätzt, dann trägt das auch über die gesellschaftlichen Konflikte hinweg“, sagt Eva Haller, Präsidentin der Europäischen Janusz Korczak Akademie, einer 2009 gegründeten jüdischen Bildungseinrichtung in München, die durch die Vermittlung von Wissen die jüdische Gemeinschaft stärken und Berührungsängste abbauen will.
Haller setzt sich für ein Haus der Kulturen und Religionen in der Hauptstadt Bayerns ein und sucht seit Jahren mit Christen und Muslimen verschiedener Ausprägung sowie Bahai und Buddhisten nach eigenen Räumlichkeiten, um das Projekt umzusetzen. „Wir müssen das Bewusstsein von gegenseitigem Respekt und von unseren gemeinsamen demokratischen Werten weitertragen. Dialog ist der einzige Weg – über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg“, sagt Haller.
Für Martin Rötting, Professor for Religious Studies an der Webseite der Paris Lodron Universität Salzburgist „interreligiöser Dialog ist kein Nice to have. Er ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit“. Und wenn es den Religionen gelinge, gemeinsam ihre Stimme für Versöhnung zu erheben, „dann werden sie auch von der überwiegend säkularen Mehrheitsgesellschaft gehört.“
