Kanadisches Start-Up übernimmt einstige KI-Hoffnung Aleph Alpha
Ein kanadisches Startup übernimmt die einstige deutsche KI-Hoffnung Aleph Alpha. Digitalminister Wildberger spricht von einem Meilenstein für die Souveränität. Kritiker sehen in dem Zusammenschluss eine Mogelpackung.
Am Ende musste alles ganz schnell gehen: Die Einladung zur Pressekonferenz kam am Nachmittag des Vortags – dabei reiste Digitalminister Evan Solomon eigens aus Kanada an. Sein deutscher Amtskollege und Gastgeber Karsten Wildberger (CDU) empfing ihn sowie eine Wirtschaftsdelegation dreier Unternehmen bei der Bundespressekonferenz.
Die Nachricht des Tages: Das kanadische KI-Startup Cohere übernimmt Aleph Alpha aus Heidelberg. Solche Zusammenschlüsse sind zwar nicht selten, aber die Fusion hat politische Tragweite.
Wildberger lobt „Meilenstein“ für Souveränität
Klar ist: Deutschland will unabhängiger werden von den USA – nicht nur militärisch, sondern auch wenn es um Künstliche Intelligenz (KI) geht. Noch beherrschen OpenAI, Microsoft und Google den Markt hierzulande. Gerade deshalb ist die Sorge groß, dass zum einen wichtige Daten in die USA abfließen. Und zum anderen macht man sich in Zeiten kriselnder transatlantischer Partnerschaft erpressbar, wenn es hierzulande keine Alternative zu Big-Tech gibt.
Dass deshalb Bundesdigitalminister Wildberger immer wieder die Bedeutung von digitaler Souveränität betont, ist nachvollziehbar. Sie sei „ein wichtiger Anspruch“ der Bundesregierung, sagte Wildberger. Der heutige Tag sei „ein Meilenstein, der auf die Souveränität einzahlt“. Zwar gestand Wildberger ein, die führenden Player der KI seien in den Vereinigten Staaten zu finden. Aber Deutschland brauche „einen anderen Weg als die USA“. Der Zusammenschluss soll das liefern.
Mehr kanadisch als deutsch
Dabei wird das neue deutsch-kanadische KI-Unternehmen wohl eher kanadisch als deutsch sein: 90 Prozent an der fusionierten Firma soll das kanadische Startup Cohere halten. Die Schwarz Gruppe, zu der auch Lidl und Kaufland gehören, beteiligt sich mit 500 Millionen Euro und will die KI-Lösungen des fusionierten Unternehmens in seinen Cloud-Diensten einsetzen.
Das Ziel sei „eine sichere Alternative für den KI-Einsatz“ besonders in den Bereichen Verwaltung, Finanzen, Verteidigung, Energie, Telekommunikation und Gesundheitswesen anzubieten, hieß es von den Firmen.
Unabhängigkeit als zentrales Versprechen
Kanadas Digitalminister Solomon stimmt seinem Amtskollegen Wildberger zu: Die deutsch-kanadische KI könne Regierungen tatsächlich echte Souveränität bieten und für Datensicherheit sorgen. Es gehe darum, sicherzustellen, dass wichtige Daten eigenen Gesetzen unterliegen und nicht unter dem Druck anderer Nationen stehen.
Insgesamt gibt sich das Panel in der Bundespressekonferenz zufrieden mit dem Zusammenschluss: Cohere-Chef Aidan Gomez sieht „eine unabhängige, unternehmensgerechte Alternative“ auf dem Weg, die auf Souveränität basiert. Die Anwendungen sollen nun an Unternehmen und Regierungen weltweit geliefert werden.
Vom Wunderkind zur Mogelpackung
Branchenexperte Markus Beckedahl vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie hält internationale Kooperation grundsätzlich für richtig und notwendig – gerade um sich aus der Abhängigkeit von den USA und China zu lösen. Deutschland und Kanada suchten nachvollziehbar nach Wegen, digitale Souveränität zu stärken und wirtschaftlich enger zusammenzuarbeiten. In diesem Sinne sei Kooperation ausdrücklich sinnvoll.
Das konkrete Beispiel Aleph Alpha bewertet er jedoch deutlich kritischer. Aleph Alpha sei politisch und medial als „deutsches Wunderkind“ und als Projektionsfläche für den KI-Boom aufgebaut worden – auch von der Bundesregierung. Der vermeintliche deutsche KI-Champion habe die Erwartungen aber nicht erfüllt. Andere Unternehmen hätten bessere Produkte und stärkere Marktpositionen entwickelt.
Im Januar erst war bekannt geworden, dass Aleph Alpha 50 Mitarbeiter entlassen musste. Gründer Jonas Andrulis gab bereits Ende 2025 seine Rolle als CEO auf. Die Kooperation dann als europäischen Champion zu verkaufen, sei daher eine „Mogelpackung“, sagt Beckedahl. Vielmehr gehe es bei der Übernahme von Aleph Alpha um eine „gesichtswahrende Lösung, bevor der vermeintliche deutsche KI-Champion noch weiter zur Ruine wird“.
„Souveränität entsteht nicht durch Leuchtturmprojekte“
Besonders kritisch sieht Beckedahl die politische Verpackung des Deals. Wenn Cohere rund 90 Prozent hält, sei das faktisch eine Übernahme – nicht der Aufbau eines deutschen oder europäischen Champions. Das Narrativ digitaler Souveränität verliere dadurch erheblich an Glaubwürdigkeit. Kanada teile zwar Werte mit Europa, gehöre aber nicht zur EU. Die deutsche Souveränität bestehe dann eher darin, die Abhängigkeit von US-Konzernen minimal zu reduzieren – nicht darin, echte europäische Kontrolle aufzubauen.
KI-Expertin Rebecca Lenhard von der Grünen-Fraktion im Bundestag kritisiert auch, dass die Bundesregierung nun eine einzelne Initiative herausgreife, ohne jedoch vorher einen belastbaren Überblick über digitale Abhängigkeiten und verfügbare europäische Alternativen zu liefern. „Nur so kann der Staat gezielt Abhängigkeiten abbauen, echte Wahlfreiheit schaffen und digitale Selbstbestimmung praktisch ermöglichen, statt sie nur politisch zu versprechen,“ sagt Lenhard.
Zwar sei die Allianz grundsätzlich positiv zu bewerten, allerdings entstehe digitale Souveränität nicht durch einzelne Leuchtturmprojekte, sondern durch ein Ökosystem, so Lenhard. Entscheidend sei Transparenz: Der Staat dürfe nicht „in Hinterzimmern KI-Champions ausrufen“, sondern müsse offenlegen, welche Zusagen, Aufträge oder politischen Erwartungen mit dem Deal verbunden sind.
Entwicklung noch am Anfang
Lenhard bezweifelt, dass ein einzelner Zusammenschluss die Dominanz von OpenAI, Microsoft oder Google brechen kann. Dafür brauche es ein breites europäisches KI-Ökosystem mit Forschung, Rechenkapazität, Open Source, fairer Regulierung und klaren Wettbewerbsregeln.
Ob der Zusammenschluss tatsächlich ein Schritt zu mehr digitaler Souveränität wird, oder vor allem die freundliche Übernahme eines gescheiterten deutschen KI-Champions bleibt, dürfte sich auch daran entscheiden, ob am Ende ein konkurrenzfähiges Produkt entsteht.

