German House of Soccer in New York: Brezeln, Bier und Rudi Völler – Sport
Völler ist in diesen Tagen ein besonders vielbeschäftigter Vielflieger. Er hat den deutschen Fußball gerade beim WM-Eröffnungsspiel in Mexiko-Stadt repräsentiert, was sicherlich zu seinen angenehmsten Aufgaben gehörte. Das Aztekenstadion, sagt er, sei „ein Tempel des Fußballs“. Er selbst hat dort 1986 im WM-Finale gegen Argentinien vor 114 600 Zuschauern ins Tor getroffen. Und auch wenn das Ergebnis für die Deutschen am Ende nicht stimmte, Völler hegt dieses Spiel offenbar im Kreis seiner schönsten Erinnerungen. Diesmal traf er in Mexiko Nery Pumpido, den damaligen Torhüter der Argentinier. „Er ist ein bisschen älter geworden und ein bisschen kräftiger, aber wir haben schön schwadroniert“, sagt Völler.
Wenn man dem DFB-Sportdirektor an diesem Abend in New York so zuhört, gewinnt man den Eindruck, dass er am liebsten noch ein paar Tage in Mexiko geblieben wäre. Aber er hat eben noch andere Verpflichtungen. Und dass er es zwischen dem ersten Spiel der Deutschen in Houston, dem Teamquartier in Winston-Salem und dem Aztekenstadion auch noch kurz nach Manhattan geschafft hat, um ein Bier zu zapfen, das unterstreicht, wie viel Bedeutung der DFB diesem German House of Soccer, kurz, GHoS zumisst.
Zu den Kosten macht der DFB keine Angaben
Der Deutsche Fußball-Bund betritt damit nach eigenen Angaben Neuland. Auch kein anderer WM-Teilnehmer habe jemals etwas Vergleichbares in dieser Größenordnung versucht, heißt es. Daraus ergeben sich zwei mögliche Schlussfolgerungen: Entweder hatte kein anderes Land bislang solch eine gute Idee. Oder es liegt eben daran, dass es gar keine so gute Idee ist, eine 2000 Quadratmeter große Event-Location im New Yorker Stadtteil Chelsea für fünf Wochen anzumieten und darauf zu vertrauen, dass die weltberühmte amerikanische Fußballbegeisterung möglichst jeden Abend bis zu 750 Besucher hier hereinspült, die gemeinsam Fußball gucken, Bitburger trinken und Brezel essen wollen. Welche der beiden Möglichkeiten zutrifft, wird man wohl erst in der Endabrechnung sehen.
Am ersten Abend jedenfalls zeigen sich die Deutschen in New York von ihrer besten Seite. Der Laden ist voll, die Stimmung heiter bis ausgelassen, und es wird schnell klar, dass Völler nicht in erster Linie in seiner Funktion als Sportdirektor zu dieser Eröffnung gekommen ist, sondern eher in seiner offensichtlich auch international bekannten Rolle als Rudi der Nation. Und so entwickelt sich, während nun Andreas Rettig, der DFB-Geschäftsführer Sport, die Aufgabe am Zapfhahn übernimmt, ein interessanter Wettbewerb: Bei welcher Attraktion bildet sich die längere Warteschlange? Freibier mit Rettig oder Selfie mit Rudi? Vermutlich ist es ein Unentschieden.
„A piece of home. In the heart of Manhattan“, steht hier überall. Das ist der Anspruch. Konkrete Zahlen werden nicht genannt, aber wer die Mietpreise im Herzen Manhattans kennt, der ahnt, dass man mit dem Budget, das der DFB für dieses Projekt bereitgestellt hat, zu Hause in Deutschland allerlei Nachwuchsakademien modernisieren oder Bolzplätze bauen könnte. Der Größenwahndebatte werden sich die Organisatoren wohl unweigerlich stellen müssen, vor allem dann, wenn es nicht so läuft. Auf der anderen Seite darf man nicht unterschätzen, dass sich hier auch bei der Gegenfinanzierung mehr Spielräume bieten. Der Eintritt zum GHoS ist grundsätzlich frei. Aber wenn nicht gerade Völler und Rettig ein Eröffnungsfässchen anzapften, dann kostet der Becher deutsches Bier zehn Dollar. In New York gilt das als ein relativ moderater Preis.
Ob es sich am Ende gelohnt haben wird, sagt der DFB-Generalsekretär Holger Blask, sei allerdings keine reine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung. „Es geht darum, den deutschen Fußball in den USA zu präsentieren.“ Blask spricht auf der Bühne nicht von Ungefähr auf Englisch, denn dieser Ort ist nicht unbedingt angelehnt an das Konzept des Deutschen Hauses bei Olympischen Spielen, wo die Deutschen in der Regel weitestgehend unter sich bleiben. Beim GHoS geht es um mehr, es soll eine Begegnungsstätte für Fans aus aller Welt sein. Deshalb wird es auch als Achtungserfolg verbucht, dass sich für eines der Vorrundenspiele der Gruppe D bereits eine Abordnung von mehreren Hundert Australiern angekündigt hat.

An diesem Eröffnungsabend, an dem das Spiel der USA gegen Paraguay auf der Großleinwand läuft, sieht man im Publikum eine bunte Mischung aus Trikots von Deutschland, St. Pauli, Brasilien, Eintracht Frankfurt, Kolumbien, Dynamo Dresden und den USA. „When we go home, we hope they say the Germans are nice“, sagt DFB-Präsident Bernd Neuendorf.
Ja klar, das Bier, die Brezel und der Rudi sind für die deutsche Außendarstellung weiterhin irgendwie unersetzlich, aber insgesamt strahlt dieser Ort ein angenehm klischeefreies Deutschlandbild aus. Eher Industrial Chic als die nächste Oktoberfest-Kopie. Neben der Haupthalle gibt es ein gar nicht einmal so kleines Museum der deutschen Fußballkultur. Da kann man etwa eine Kopie der Meisterschale bewundern, das Original-Losbrett für ein DFB-Pokal-Achtelfinale oder im Schaukasten über die Bedeutung des Amateurfußballs ein Trikot des FK Pirmasens.
Die beiden Mitarbeiter, die der DFB mit der Organisation dieses gewaltigen Experiments betraute, heißen Benjamin Nicklaus und Hermann Dörner. Sie haben bei Eintracht Frankfurt und Hertha BSC gearbeitet, sind im Schnitt 35 Jahre alt und gehen die Sache mit einer demonstrativen Lässigkeit an. Über ein Jahr lang hätten sie das alles geplant, sagt Nicklaus, „und was uns dabei immer geholfen hat, war eine gesunde Naivität“. Dem Vernehmen nach denkt man hier weniger darüber nach, was alles schiefgehen kann, sondern was mit etwas Glück vielleicht auch klappen könnte. Alle Spiele, abgesehen von denen der deutschen Elf, werden mit englischsprachigem Kommentar übertragen. Im Rahmenprogramm wird es unter anderem um New York Cosmos und Franz Beckenbauer gehen, der Komiker Mario Adrion wird auftreten, auch Thomas Müller und die Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen, Annalena Baerbock, haben für einen Abend ihr Erscheinen angekündigt.
Bei alldem steht – koste es, was es wolle – mal ausnahmsweise nicht das bedenkenträgerische deutsche Wesen im Vordergrund, sondern nicht zuletzt auch der Spaß an den vermeintlich unwichtigen Details. Es gibt vor der Großleinwand zum Beispiel erstaunlich wenige Sitze und Hocker – „weil man in Deutschland nun einmal steht, wenn man Fußball guckt“, sagt Nicklaus.

Weil wir hier in Amerika sind, muss es natürlich auch einen Souvenir-Shop geben. Und da hadert gerade eine englischsprachige Besucherin mit dem breiten Angebot an DFB-Zahnbürsten. Es gibt die Nagelsmannbürste, die Sanébürste, die Havertzbürste, die Schlotterbeckbürste, die Rüdigerbürste und seltsamerweise auch die Kleindienstbürste. Die Frau sagt, sie würde gerne eine für ihre Tochter kaufen, brauche aber Beratung bei der Frage, welcher Spieler der berühmteste sei.
Wenn man ihr dann vorschlägt: Warum nehmen Sie nicht Antonio Rüdiger, der spielt bei Real Madrid, dann antwortet sie ganz entgeistert: „Oh, he doesn’t play for Germany?“
In Sachen Fußballbildung ist in der aktuellen Weltbasketballhauptstadt New York sicherlich noch Luft nach oben. Und allein dafür könnte sich der ganze Aufwand mit dem GHoS am Ende gelohnt haben.

