Fan-Forscher über 1860-Streich auf Meisterfeier des FC Bayern: „Einzigartiger Vorgang“ – München


Die Feier des 35. Meistertitels war für den FC Bayern eine ganz besondere: Fans des Lokalrivalen 1860 München glückte es, ein großes Banner mit der Aufschrift „FC Bauern Hurensöhne“ unter die 20 000 Menschen zu schmuggeln, die sich auf dem Marienplatz versammelt hatten. Als die Meistermannschaft vom Balkon des Rathauses grüßte, reckten die Bayern-Fans ihnen die Schmähung entgegen. Für Harald Lange, Leiter des sportwissenschaftlichen Instituts an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und der dortigen Fan- und Fußballforschung, „ein einzigartiger Vorgang“. Im Interview erklärt er, was diesen so außergewöhnlich macht.

SZ: Herr Lange, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von der Aktion erfahren haben?

Harald Lange: Was für ein Coup! Aus der Fan-Perspektive kann man sich kaum eine bessere Dramaturgie vorstellen. In so einem Moment, an so einem Ort – wenn die ganze Öffentlichkeit auf das Münchner Rathaus blickt, auf die jubelnden Fans davor, die gekommen sind, um ihrer Mannschaft ihre Ehre darzubieten, ihr zu huldigen, sich zu freuen: genau in diesen Moment ein gigantisch großes manipuliertes Logo zu platzieren, das man im ersten Moment gar nicht wahrnimmt, weil man die Form und die Farben als die des FC Bayern abgespeichert hat. Und dann trägt die Masse das auch noch selbst weiter, weil sie es von unten nicht erkennt. Nur die Mächtigen oben auf dem Rathausbalkon sehen, was da passiert, können es aber nicht stoppen: Damit haben die Löwen-Fans der Meisterfeier des FC Bayern ihren Stempel aufgedrückt. Besser kann man Häme über den Konkurrenzverein nicht ausschütten.

Gründer des Instituts für Fankultur in Würzburg: Harald Lange.
Gründer des Instituts für Fankultur in Würzburg: Harald Lange. privat

Gab es vergleichbares schon einmal?

Bei einem ähnlichen Anlass, in ähnlicher Größe und mit einer ähnlich perfekten Logistik ist mir nichts Vergleichbares bekannt. Das ist ein einzigartiger Vorgang. In der Form, in der Tiefe, in der Qualität und mit einer solchen Wirkung hat es so etwas noch nicht gegeben. Kleinere Scharmützel kennen wir: Konkurrierende Ultra-Gruppierungen versuchen oft, die Zaunfahne von Rivalen zu klauen. Wenn es glückt, müssen die sich auflösen, da gilt ein Ehrenkodex. Die eigene Fahne, die eigenen Farben, das eigene Wappen: das sind wertvolle Symbole, die es zu schützen gilt. Dass ein Verein mit diesen bei der eigenen Meisterfeier vorgeführt wird – das habe ich europaweit noch nicht gesehen.

Die Aktion war auf Wirkung ausgelegt: Im Fernsehen und im Youtube-Kanal des FC Bayern war sie zu sehen. In den sozialen Medien verbreiteten sich die Bilder rasant. Kann der FC Bayern etwas tun, um diese Wirkung zu dämpfen?

Was ich mitbekomme, wird den Fans von 1860 München viel Sympathie entgegengebracht – im Sinne von: Respekt, was denen da gelungen ist! Von den Bayern hört man wenig, was klug ist. Sich zu beschweren, würde der Aktion nur noch mehr Rückenwind bescheren. In dem fortwährenden Spiel zwischen den Fans jenseits des Platzes war das einfach ein Highlight. Das kann man auch einmal anerkennen.

Dieses fortwährende Spiel zwischen den Fans, wie Sie es nennen: Was gehört da noch dazu?

Dass es ein Hin und Her ist. Dass es Kennzeichen in sich trägt, die wir auch von anderen kulturellen Phänomenen kennen, dem Maibaum-Klau etwa, oder dem Bewachen der für Osterfeuer aufgeschichteten Holzstapel. Das Eigene zu schützen, die Symbole eines lokalen Rivalen in Besitz zu nehmen: Diese Motive finden sich auch bei Kirmes-Fahnen, die, wenn sie geraubt werden, gegen Bier eingelöst werden müssen. Und, wenn man noch einen Schritt weitergeht, auch beim Brauch des Braut-Raubes am Hochzeitstag. All das ist stark ritualisiert, nicht wirklich ernst gemeint. Und jedem, der mitmacht, ist klar: Beim nächsten Mal kann es mich treffen.

Zu einem Spiel gehört auch: eine besondere Leistung des Gegners anzuerkennen. Gilt das hier auch?

Ja. Unbedarfte Zuschauer mögen sich denken: Hihi, ein gelungener Scherz. Aber wenn man weiß, welche Bedeutung Vereinssymbole für die eingefleischten Fans haben, welche Konsequenzen es für sie hat, wenn sie abhandenkommen, dann kann man es einordnen. Die gesamte Bayern-Fangemeinde im Moment der höchsten Euphorie zu düpieren: In Fankreisen erfährt das allerhöchste Anerkennung.

Die Medien spielen beim Sport eine große Rolle. Haben die sozialen Medien die Fan-Rituale verändert?

Das kann ich nicht erkennen. Im Kern wird da immer noch viel Archaisches gepflegt, es verbreitet sich nur viel schneller und weiter als früher, was es größer wirken lässt. Was mir aber auffällt: Dass es nicht nur ein Gegeneinander gibt, sondern auch ein großes Miteinander geben kann. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren war das vermehrt zu beobachten: Wenn es um Entscheidungen der Deutschen Fußball Liga geht, des Deutschen Fußball-Bundes, der Bundesinnenministerkonferenz oder der Polizei, dann formieren sich die rivalisierenden Ultra-Gruppen auffallend schnell zu einer Einheit. Beim Protest gegen den geplanten Einstieg von Investoren glückte das innerhalb von wenigen Tagen bis hinunter in die vierte oder fünfte Liga, obwohl es dafür gar keine Organisationsbasis gab. Die sozialen Medien haben dabei sicher eine Rolle gespielt. So eine schnelle, informelle Vernetzung ist bemerkenswert. Und sie führt auch vor, wie stark ideell und Werte-bezogen die Zuwendung dieser Fans zu ihrem jeweiligen Klub ist.



Source link

Ähnliche Beiträge