Bandenterror in Haiti – Guterres bittet um Verzeihung
UN-Generalsekretär António Guterres hat bei einem Besuch in Haiti um Verzeihung für das internationale Versagen bei der Bekämpfung der dortigen Bandengewalt gebeten. Jüngste von den Vereinten Nationen veröffentlichte Statistiken zeigen, dass in diesem Jahr bereits 2300 Menschen in Haiti getötet, 1100 verletzt und weitere 100 Bewohner entführt wurden. Etwa 1,5 Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben.
Zu den Gekidnappten gehört auch James Boyard, Chefberater des Verteidigungsministers. Er wurde in der vergangenen Woche aus einem der wenigen relativ sicheren Viertel der Hauptstadt Port-au-Prince verschleppt.
Guterres spricht mit geflüchteten Frauen
„Ich bitte Sie um Verzeihung, nicht in der Lage gewesen zu sein, die internationale Gemeinschaft zu mobilisieren“, sagte der UN-Generalsekretär in einer ehemaligen Schule in Port-au-Prince. In dem Gebäude sind mehr als 1250 vor dem Bandenterror Geflüchtete untergekommen, unter ihnen viele Frauen. „Wir wissen, wie viel Sie gelitten haben, ich bin vor allem hier, um Ihnen zuzuhören“, sagte Guterres.
Die mächtigen kriminellen Banden in dem armen Karibikstaat verüben Morde, Entführungen und Vergewaltigungen. Zudem zwingen sie Kinder, für sie zu kämpfen. Nach Expertenangaben kontrollieren die Banden in Haiti – das an die bei Urlaubern beliebte Dominikanische Republik grenzt – mittlerweile 90 Prozent des Landes.
Darüber hinaus ist bei fast der Hälfte der knapp zwölf Millionen Einwohner die Lebensmittel-Versorgung nicht gesichert.
Guterres: Jeder Tag ist für viele ein Kampf ums Überleben
Das UN-Hilfsprogramm für Haiti hat in diesem Jahr einen Umfang von 880 Millionen Dollar (758 Millionen Euro). Allerdings ist es laut Guterres bislang nicht einmal zu einem Viertel finanziert worden. „Für zu viele Haitianer ist jeder Tag ein Kampf ums Überleben“, sagte Guterres bei einer Pressekonferenz. „Die Welt hat nicht das Recht, den Blick abzuwenden.“
Guterres traf sich auch mit Premierminister Alix Didier-Fils-Aimé. Dieser steht unter Druck, Wahlen in dem Karibikstaat abzuhalten. Haiti hat seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse in seiner Privatresidenz im Juli 2021 kein Staatsoberhaupt mehr.
Multinationale GSF-Truppe seit April im Einsatz
Der UN-Sicherheitsrat in New York hatte im September entschieden, die schlecht ausgerüstete und viel kritisierte Multinationale Sicherheitsunterstützungsmission in Haiti unter der Führung Kenias durch die robustere Gang-Bekämpfungseinheit (Gang Suppression Force, GSF) zu ersetzen. Das Mandat sieht bis zu 5500 Einsatzkräfte vor, darunter nicht nur Polizisten, sondern auch Soldaten.
Die GSF trat am 1. April ihren Dienst an, um die weitgehend von Banden kontrollierte Hauptstadt zu befrieden. Derzeit sind allerdings weniger als 1000 Mann im Einsatz. Sie stammen aus dem Tschad, der Mongolei, Jamaika, Guatemala und El Salvador.
se/AR (afp, ap)
