ARD-Umfrage: 81 Prozent halten Wohlstand für ungerecht verteilt
Vier von fünf Deutschen finden es ungerecht, wie der Wohlstand im Land verteilt ist. Das zeigt eine aktuelle ARD-Umfrage. Viele befürworten eine Vermögens- und höhere Erbschaftssteuer.
Am 5. Mai 2025 setzten die Spitzen von CDU, CSU und SPD ihre Unterschriften unter einen gemeinsamen Koalitionsvertrag. „Deutschland steht vor historischen Herausforderungen“, heißt es darin gleich zu Beginn. Die Politik der kommenden Jahre werde „darüber entscheiden, ob wir auch in Zukunft in einem freien, sicheren, gerechten und wohlhabenden Deutschland leben.“
Ein Jahr später sehen die Menschen im Land bei diesem Vorhaben noch einigen Handlungsbedarf. 81 Prozent, also vier von fünf Bürgerinnen und Bürgern, sind der Meinung, der wirtschaftliche Wohlstand im Land sei ungerecht verteilt. Nur 15 Prozent halten den Status quo für gerecht. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap für die ARD-Aktion „Deine Meinung zählt!“, bei der im April bundesweit 2.084 Menschen aus der deutschsprachigen Bevölkerung ab 16 Jahren befragt wurden.
Mehr als 70.000 Menschen beteiligten sich online
Das Gefühl der Ungerechtigkeit zieht sich durch alle Alters- und Einkommensgruppen. „Ich kenne viele Leute, die Probleme haben, sich eine Wohnung finanzieren zu können“, berichtet Yves Brisch aus Dresden. „Trotz Job.“
Der 34-Jährige ist einer von mehr als 70.000 Menschen, die sich an einer Online-Mitmachaktion beteiligt haben. Sie ergänzt die repräsentative Umfrage für die Aktion um konkrete Stimmen und Perspektiven.
„Im Osten mussten und müssen private Werte erst geschaffen werden“
Dabei kritisieren viele Teilnehmer, dass Abgaben unfair verteilt seien: „Mittelstand und Geringverdiener schultern die ganze Last“, findet Reena Kusche aus dem Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg.
Viele Teilnehmende betonen auch die ungleiche Verteilung des Wohlstands zwischen Ost und West. Yvonne Lichnok aus dem Landkreis Görlitz in Sachsen sieht darin ein strukturelles Problem: „Es spielt eine Rolle, ob man auf Vermögenswerte zurückgreifen kann. Im Osten mussten und müssen private Werte erst einmal geschaffen werden.“
Höhere Erbschaftssteuer und eine Vermögenssteuer
Anklang finden in dieser Situation Instrumente, mit denen Wohlstand teils umverteilt würde. Eine Rückkehr zur Vermögenssteuer, die seit 1997 nicht mehr erhoben wird, fänden laut repräsentativer Umfrage 64 Prozent richtig, darunter große Mehrheiten jener Menschen, die Linken, Grünen und SPD nahestehen, und auch sechs von zehn Unions-Anhängern. AfD-Anhänger sind mit knapper Mehrheit dagegen.
Befürwortet wird zudem eine Anhebung der Steuer auf hohe Erbschaften. 61 Prozent fänden das richtig. Auch hier sind AfD-Anhänger mehrheitlich dagegen. Aktuell gelten verschiedene Stufen: Wer mehr erbt, zahlt einen höheren Steuersatz. Erbschaften bis 500.000 Euro für Ehepartner oder bis 400.000 Euro für Kinder bleiben steuerfrei.
Sozialleistungen für Zugewanderte erst nach längerer Arbeit?
Gerechtigkeitsfragen stellen sich für die Menschen im Land auch mit Blick auf das Thema Zuwanderung. Zwei Drittel stimmen der Aussage zu, Migranten sollten nur noch dann Sozialleistungen in Deutschland erhalten, wenn sie hier längere Zeit gearbeitet haben. Vor allem Menschen über 60 sind dieser Meinung.
Für Zugewanderte gelten sehr unterschiedliche Bedingungen beim Zugang zu Sozialleistungen. Die Sozialstaatskommission hat der Bundesregierung im Januar empfohlen, den Zugang von EU-Ausländern zu Sozialleistungen in Deutschland künftig an eine umfassendere Beschäftigung zu knüpfen. Eine Umsetzung wäre nicht trivial und berührt auch EU-Recht. Denn für EU-Bürger gilt das Prinzip der Arbeitnehmerfreizügigkeit.
Verständnis bei fast jedem Zweiten für persönliche Einschnitte
Überhaupt muss sich die Regierung derzeit im Spagat üben. Einerseits ist unter dem Eindruck steigender Energiepreise der Ruf nach Entlastungen laut. Andererseits hat sich die Regierung umfassende Sozialreformen vorgenommen, die weitere Belastungen bedeuten könnten.
Immerhin knapp jeder Zweite (47 Prozent) kann aktuell persönliche Einschnitte nachvollziehen, um die Sozialsysteme für die Zukunft zu sichern. Genauso viele können das nicht nachvollziehen. Dabei zeigen sich große regionale Unterschiede: Während sich in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und den norddeutschen Bundesländern knappe Mehrheiten verständnisvoll für eigene Einschnitte zeigen, erfahren diese in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen doppelt so viel Ablehnung (60 Prozent) wie Verständnis (31 Prozent).
„Gesellschaft entwickelt sich weg von einer Solidargemeinschaft“
Annette Köhler kommt aus dem Erzgebirge in Sachsen. Sie meint: „Einschnitte sind für ‚Durchschnittsbürger‘ wie mich nicht hinnehmbar. Die Systeme funktionieren so schon nicht mehr optimal für die Normal-Bevölkerung.“ Für Klaus Raab aus Hildburghausen in Thüringen wären Einschnitte auch auf einer anderen Ebene gefährlich: „Demokratie wird dadurch nicht gefördert. Unsere Gesellschaft entwickelt sich immer weiter weg von einer Solidargemeinschaft.“
Andere würden Einschnitte unter bestimmten Bedingungen akzeptieren. Carmen Gerlach aus dem Westerwaldkreis in Rheinland-Pfalz argumentiert für mehr Eigenverantwortung und ist bereit, mehr beizutragen: „Wenn Steuermittel für gute Bildung investiert würden, wäre ich bereit, mehr Steuern zu zahlen.“
Bernd Krabbe aus Münster wäre persönlich zu Einschnitten bereit. Der 56-Jährige findet aber auch: „Grundsätzlich bedarf fast jeder Sozialbereich einer dringenden Reform und Entbürokratisierung.“
Jeder Zweite lehnt Einschnitte in Sozialsysteme ab
Je konkreter es beim Thema Einschnitte wird, umso größer die Zurückhaltung. Einschnitte in die Arbeitslosenversicherung hält laut repräsentativer ARD-Umfrage immerhin jeder Dritte für richtig. Bei Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung gilt das nur für eine kleine Minderheit. Und gut die Hälfte lehnt Einschnitte in die Sozialsysteme aktuell grundsätzlich ab.
Ein besonders dickes Brett ist die Rentenreform, die Kanzler Friedrich Merz (CDU) noch in diesem Jahr anstoßen will. Die Herausforderung: Statistisch gesehen gibt es pro Rentnerin und Rentner immer weniger Beitragszahler. Bis Ende Juni soll eine Kommission ihre Reformvorschläge vorlegen.
86 Prozent für Eintritt von Beamten in Rentenversicherung
Breite Zustimmung gibt es für den Gedanken, auch Beamte, Selbstständige und Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, so wie es etwa die Schweiz oder Norwegen tun. 86 Prozent fänden das auch hierzulande richtig.
Auch für ein Modell, das etwa in Frankreich oder Spanien gilt, gibt es Rückenwind: Die Rente stärker an den Beitragsjahren zu orientieren, fänden zwei Drittel der Deutschen richtig, jeder Vierte fände das falsch.
Gegenwind gibt es dagegen für den Ansatz, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Beispiel Portugal: Steigt die durchschnittliche Lebenserwartung um ein Jahr, steigt dort auch das Renteneintrittsalter um rund acht Monate. 64 Prozent der Befragten lehnen eine solche Maßnahme ab, 29 Prozent fänden sie richtig. Länger arbeiten, mehr arbeiten – das sind generell Vorschläge, die im Volk einen schweren Stand haben.
Mehr Eigenverantwortung bei Rente wird abgelehnt
Auch ein radikaler Systemwechsel nach US-amerikanischem Vorbild wird abgelehnt: die gesetzliche Rente auf ein Minimum zu reduzieren, dafür die Beiträge zur Rentenversicherung zu senken und stärker auf Eigenverantwortung von Bürgerinnen und Bürgern zu setzen. Das fänden sieben von zehn Befragten falsch.
Kanzler Merz hatte vor einer Woche für Kritik gesorgt, als er sagte, die gesetzliche Rentenversicherung allein werde in Zukunft „allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“. Am Samstag stellte er klar: „Es wird mit uns keine Kürzungen der gesetzlichen Rente geben.“
Grundsätzlich haben die Anhänger einer Leistungsgerechtigkeit in der deutschen Bevölkerung eine relative Mehrheit: In der Abwägung zwischen drei Prinzipien finden es 42 Prozent am wichtigsten, dass derjenige, der mehr leistet, auch mehr verdient. 32 Prozent legen vor allem Wert auf Verteilungsgerechtigkeit, also, dass Unterschiede bei Einkommen und Vermögen nicht zu groß werden. 23 Prozent finden Bedarfsgerechtigkeit am wichtigsten und meinen, man solle sich besonders um die Schwachen in der Gesellschaft kümmern.
Untersuchungsanlage
Grundgesamtheit: Deutschsprachige Bevölkerung in Deutschland ab 16 Jahren
Erhebungsmethode: Zufallsbasierte Telefon- (davon 60 Prozent Festnetz, 40 Prozent Mobilfunk) und Online-Befragung
Erhebungszeitraum: 07. bis 14. April 2026
Fallzahl: 2.084 Befragte (1.241 Telefoninterviews und 843 Online-Interviews)
Gewichtung: nach soziodemographischen Merkmalen und Rückerinnerung Wahlverhalten
Schwankungsbreite: 2 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 50 Prozent
Durchführendes Institut: infratest dimap
Fehlende Werte zu 100 Prozent: Weiß nicht / keine Angabe
Der nächste Aufschlag von „ARD – Deine Meinung zählt!“ findet in einigen Wochen statt. Wer sich bei der Online-Mitmachaktion mit seiner Meinung einbringen möchte, kann sich hier anmelden.

