Unterwegs in den Ruinen von Prypjat
Zurückgelassene Fahrzeuge verrotten an den Straßenrändern. Kinderspielzeug, Überreste von Haushaltsgeräten, Geschirr und halb verblasste Hinweisschilder in russischer Sprache, die über den Stand der Radioaktivität informieren, liegen verstreut neben den Wohnhäusern. Die Gebäude sind leer, ihre Fenster zerbrochen, die Türen aufgerissen.
Die ukrainische Stadt Prypjat, auch „Atomgrad“ genannt, war vor 40 Jahren der ganze Stolz der sowjetischen Atomenergie. Man versprach ihr eine große Zukunft.
Sie liegt in der Nähe des Atomkraftwerks Tschernobyl, das die Führung der damaligen Sowjetunion (UdSSR) zum größten seiner Art ausbauen wollte. Insgesamt zwölf Reaktorblöcke sollten dort entstehen und in Prypjat sollten die Arbeiter mit ihren Familien wohnen.
Als am 26. April 1986 der Reaktorblock 4 in Tschernobyl explodierte, gab es die Stadt seit gerade einmal 16 Jahren. Prypjat bestand aus 160 Gebäuden mit 13.500 Wohnungen, 15 Kindergärten und fünf Schulen.
„Wir wussten nicht, welche Folgen dieser Unfall haben würde“
40 Jahre später sind die Bauten verfallen. Überall wuchern Sträucher und Bäume. Wolodymyr Worobej führt die DW-Reporterin durch dieses Dickicht.
„Hier ist die Lesja-Ukrajnka-Straße und unser Haus Nr. 18-A, wo ich mit meinen Eltern und meinem älteren Bruder im Erdgeschoss gelebt habe“, erzählt der 58-jährige. Das Treppenhaus ist recht geräumig mit großen Türen, einer bequemen Treppe und breiten Fluren.
Die Tür zu Worobejs ehemaliger Wohnung steht offen. Er geht direkt in sein Zimmer und greift eine Schallplatte aus dem herumliegenden Müll. Sie erinnert ihn daran, wie viel Musik seine Familie damals gehört hat. Er weiß aber auch noch, wie sehr er die neuen, schicken Turnschuhe vermisste, die er bei der Evakuierung in einem Schrank vergessen hatte.
Wir gehen auf den Balkon. „Das war mein Stuhl mit einem Sitz aus Schaumstoff. Hier war eine Lampe, ich habe hier so viele Bücher gelesen! Unter diesem Deckel bewahrten wir Eingemachtes auf. Das war sehr praktisch“, sagt Worobej.
Im dunklen Flur der Wohnung schalten wir die Taschenlampen unserer Handys ein. Worobej sieht Schuhe und sagt: „Das waren meine. Die haben wir in der Berufsschule bekommen.“
Ein Schild mit den Namen der Nachbarn hängt noch immer im Eingang des Hauses. Worobej weiß nicht, was nach der Evakuierung mit all ihnen geschah. Seit dem Unglück hat er niemanden von ihnen wiedergesehen.
„Hitze stieg in den Himmel auf“
Im April 1986 war Worobej 18 Jahre alt. Er arbeitete als Elektriker bei einem staatlichen Unternehmen, das am Tag vor dem Atomunfall Stromleitungen verlegte, die zu Block 4 führten. Es war der Reaktorblock, der dann expoldierte.
Er selbst habe die Explosion nicht gehört und wollte morgens wie gewohnt zur Arbeit fahren. Doch es seien keine Busse gekommen, und als er mit einem Freund zu Fuß das Kraftwerk erreichte, sahen sie das zerstörte Gebäude.
„Damals wussten wir weder, was passiert war, noch wo genau. Uns kam kein Rauch, sondern Hitze entgegen. Es stieg ein regelrechter Strom von Hitze in den Himmel“, erzählt Worobej. „Ein Mann kam auf einem Fahrrad vorbeigefahren und sagte, es sei hier gefährlich. Also gingen wir nach Hause.“
Erst am Abend erfuhr er von seinem älteren Bruder, der im AKW arbeitete, von dem Unfall und der bevorstehenden Evakuierung. „Wir dachten zunächst, das würde nur für ein paar Tage sein“, erinnert sich Worobej.
Seine Familie verließ Prypjat am Abend des 26. April – in einem überfüllten Zug. „Aus dem Zugfenster sahen wir den zerstörten Reaktorblock 4. Wir dachten damals nicht darüber nach und wussten nicht, welche Folgen dieser Unfall haben würde und dass wir nie wieder nach Hause zurückkehren würden.“
„Das Atom soll Arbeiter, nicht Soldat sein“
Wir gehen durch die Innenstadt von Prypjat zum Kino Prometheus. Wolodymyr Worobej verbrachte dort seine Zeit mit Freunden. Den Eingang zur Hauptbühne des Kinos versperren eingestürzte Balken. In einem Raum vor der Bühne hängen die verblassten Porträts heute längst vergessener kommunistischer Partei-Bosse.
Sowjetische Symbole sind im Zentrum von Prypjat allgegenwärtig. Die Dächer zweier Hochhäuser zieren noch immer Embleme der Sowjetukraine und auf einem weiteren Hochhaus steht in riesigen Metallbuchstaben: „Das Atom soll Arbeiter, nicht Soldat sein.“
Worobej sagt, auf dieser Idee habe die gesamte sowjetische Atomkraft beruht. An Universitäten und Instituten, in Schulungen für Kraftwerksmitarbeiter – überall sei vermittelt worden, dass die Atomkraft der UdSSR die sicherste der Welt sei. Niemand habe sich eine Reaktorexplosion vorstellen können.
„Uns wurde gesagt, ein Strahlenunfall sei unmöglich. Für alles seien Vorkehrungen getroffen und alles berechnet worden. Es kam uns nicht einmal in den Sinn, dass ein Unfall passieren könnte“, sagt Worobej.
Auch deshalb hätten die meisten Einwohner von Prypjat und Tschernobyl, einschließlich der Kraftwerksmitarbeiter, nichts von den tatsächlichen Gefahren für Gesundheit und Umwelt gewusst. Erst recht wussten sie nichts über das Ausmaß der radioaktiven Verseuchung, erklärt Worobej.
„Wer etwas wusste, verbreitete wenig Informationen. Das war noch zu Sowjetzeiten. Ein unbedachtes Wort konnte die Karriere kosten.“
Führte auch der Kader-Gehorsam zur Katastrophe?
Möglicherweise, sinniert Worobej, wäre es gar nicht erst zur Tschernobyl-Katastrophe gekommen, wenn es diesen autoritären sowjetischen Führungsstil nicht auch in der Atomindustrie gegeben hätte. Zudem sei ein ähnlicher Unfall im Jahr 1975 im AKW Leningrad verschwiegen worden.
Worobej wurde ein Jahr nach der Katastrophe zum Wehrdienst eingezogen, studierte später Ingenieurwesen und zog nach Slawutytsch. Die Stadt war als Ersatz für Prypjat neu errichtet worden.
Von dort pendelte er an jedem Arbeitstag zum AKW Tschernobyl und stieg vom einfachen Mechaniker zum Vorarbeiter auf. Seit elf Jahren leitet er die Abteilung für thermische Automatisierung und Messtechnik.
In Tschernobyl wird seit dem Jahr 2000 kein Strom mehr produziert. Doch die Arbeiten zur Stilllegung des AKW dauern bis heute an. Auf dem Gelände des einstigen AKW befinden sich heute Anlagen, um radioaktive Brennstoffe sicher entfernen und strahlenden Abfall verarbeiten zu können.
Über dem explodierten Block 4 und dem darüber 1986 eilig errichteten sogenannten „Sarkophag“ steht nun eine neue Schutzhülle – das New Safe Confinement. Im Jahr 2025 wurde diese Schutzhülle von einer russischen Kampfdrohne durchbrochen.
„Vielleicht hätte die Geschichte einen anderen Lauf genommen“
Das Riesenrad in Prypjat, ein weltweit bekanntes Symbol der verlassenen Stadt, wurde vor Russlands Überfall auf die Ukraine auch Touristen gezeigt. Offiziell war es nie in Betrieb, denn es sollte am 1. Mai 1986, dem Tag der Arbeit, feierlich eröffnet werden.
„Glauben Sie nicht den Märchen, dass noch nie jemand damit gefahren ist. Schüler meiner Berufsschule, darunter ich, wurden als Testpersonen eingesetzt. Also bin ich damit gefahren“, sagt er lächelnd zur DW-Reporterin.
Worobej gibt zu, dass er immer noch nicht weiß, welche Strahlendosis er seit 1986 abbekommen hat: „Man kann ein entsprechendes Zertifikat beantragen, aber ich will es nicht.“
Auf die Frage, wie sehr die Katastrophe sein Leben verändert habe, erwidert er, mit 18 Jahren noch keine besonderen Pläne gehabt zu haben. Doch jetzt, 40 Jahre später, im Rückblick auf die Ereignisse, scheine es ihm, „als hätten sich damals alle in eine Richtung bewegt, um dann plötzlich umzudrehen und einen anderen Weg einzuschlagen.“ Und deshalb, sagt er, „hätte die Geschichte der Welt und der Ukraine vielleicht einen anderen Lauf genommen, wenn die Tschernobyl-Katastrophe nicht passiert wäre.“
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk
