China: Überwachung von Amts wegen


„NetAskari“ ist der Deckname eines deutschen Forschers zur Cybersicherheit. Er stöbert gerne im Darknet. Eines Tages stieß er auf ein ungesichertes Web-Dashboard aus China. Die Bezeichnung erweckte sein Interesse: „Abfrage von Journalistenakten“. Er hatte einen Datensalat erwartet. Doch das Ergebnis überraschte.

Namen und Fotos der Journalisten tauchten auf dem Bildschirm auf. Es handelte sich um eine umfassende Datenbank mit fast allen ausländischen Journalisten, die seit 2021 in Peking tätig waren. Zu sehen waren persönliche Daten wie Geburtstage, Fotos, die bei der Grenzkontrolle aufgenommen wurden, private Handynummern und Details der Aufenthaltserlaubnis.

KI-Gesichtserkennung – Gefahr für Privatsphäre? — Shift

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„Es war eher interessant als schockierend“, sagt NetAskari im DW-Interview. „Wenn man als Journalist in China arbeitet, geht man im Grunde davon aus, dass man ständig auf dem Radar der Behörden ist. Was mich jedoch überrascht, ist einfach, wie leicht es war, auf dieses hochsensible System zuzugreifen.“

NetAskari war zu Besuch bei einer Demoversion des chinesischen Fernüberwachungssystems, das für das Büro für öffentliche Sicherheit in der nordchinesischen Stadt Zhangjiakou entwickelt wurde. Dort wurden 2022 bei den Olympischen Winterspielen in Peking die Skiwettkämpfe ausgetragen. Die persönlichen Daten in der Testversion waren aber echt. Und damit wird die Ambition der chinesischen Regierung spürbar, ein datengestütztes und vorausschauendes Überwachungssystem zu entwickeln.

DW Chinesisch | Exklusiv-Material | RESTRICTED USE | Standortverfolgung von Ausländern in einem Skigebiet
Personenbezogene Daten werden zusammengefasstBild: NetAskari

Daten, Daten, Daten

Der Namen des Projekts, „Xue Liang“ (scharfe Augen), zeigt die Richtung an. Datensätze aus einzelnen Überwachungssystemen werden integriert, zentral gespeichert und mit der Künstlichen Intelligenz analysiert. Die Detailgenauigkeit auf dem Dashboard der Polizei von Zhangjiakou war atemberaubend.

Das System stützt sich nicht mehr ausschließlich auf öffentliche Polizeikameras. Es erfasst auch die Reisedaten der Zielpersonen samt Platzreservierung in den Fernzügen. Es speichert Fotos aus Überwachungskameras, zum Beispiel beim Zugang zum Skilift, die mit der Künstlichen Intelligenz erkannt werden. NetAskari fand sogar auch einen Bekannten von ihm, der in Zhangjiakou Skiurlaub gemacht hatte.

„Die Idee ist einfach: so viele Daten wie möglich von so vielen Quellen wie möglich in Echtzeit verarbeiten“, sagt der Cyberexperte. Das System protokolliere viele alltägliche Details: Wann wurde wie viel getankt? Wo kauft die Zielperson am liebsten ein? Oder war sie damit auffällig, sich an die Regierungsbehörden mit „Petitionen“ zu wenden?

DW Chinesisch | Exklusiv-Material | RESTRICTED USE | Datenbank mit Profilen deutscher Staatsangehöriger
Name, Nationalität, Aufenthaltstitel und sogar Reiseroute in der Datenbank Bild: NetAskari

Five Eyes-Länder als Schwerpunkt

Auffällig in diesem chinesischen Tool ist, dass Menschen aus bestimmten Nationen schwerpunktmäßig beschattet werden. Es sind Menschen aus den sogenannten „Five Eyes“-Ländern; den USA, Großbritannien, Australien, Neuseeland und Kanada, die sich in eine Geheimdienstallianz zusammengeschlossen haben. Ausländische Journalisten erhalten einen speziellen Echtzeit-Tracking-Tag mit der Bezeichnung „trackable“ zugewiesen. Sobald sie in China reisen, kann das System automatisch eine Frühwarnung an die örtliche Polizei des Zielorts auslösen.

Für die Pressefreiheit in China ist dies eine existenzielle Bedrohung. Ausländische Korrespondenten berichten immer wieder davon, dass sie von der Zivilpolizei während ihrer Recherche verfolgt würden; zum Beispiel, wenn sie in das Uigurengebiet Xinjiang reisen. Nach Tibet dürfen Ausländer sowieso nur dann reisen, wenn sie vorher eine staatliche Erlaubnis beantragen.

Wem nützt Chinas Überwachungstechnologie?

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Nun ersetzen Algorithmen das traditionelle Katz-und-Maus-Spiel. Big Data wissen immer genau, wo man sich befindet und wohin man fährt. „Die Polizei muss nicht mehr zwei oder drei Autos schicken, um dich zu verfolgen“, sagt NetAskari. Da das System Zugriff auf deine mobilen Zahlungen, Reiseroute und deine sozialen Netzwerke habe, könnten die Behörden deinen Trip perfekt vorhersagen und sicherstellen, dass Journalisten nach Ankunft nur das sehen, was die Regierung zeigen wolle.

Stelle die Polizei fest, wen die Journalisten als Interviewpartner eingeladen habe, könne die Polizei vor dem Termin die Quellen anrufen und sie einschüchtern, so der Cyberexperte.

DW Chinesisch | Exklusiv-Material | RESTRICTED USE | Beziehungsgraph überwachter Personen
Wer steht mit wem in Kontakt? „Die scharfen Augen“ sehen mitBild: NetAskari

Tracking von persönlichen Beziehungen

Was diese Überwachung wirklich revolutioniert und ihr nahezu absolute Macht verleiht, ist die beeindruckende Fähigkeit zur Gruppenanalyse und Beziehungsmodellierung.

Das moderne „Smart Policing“ versucht, zwischenmenschliche Beziehungen mithilfe von Algorithmen zu visualisieren. Das Dashboard generiert automatisch komplexe Netzwerkdiagramme und zeigt auf, wer wen kennt und wie viel Zeit sie miteinander verbracht haben.

Schon 2019 hatte die chinesische Firma Hisense eine neue Technologie „der ganzheitlichen Beziehungsmodelle für beteiligte Personen“ patentieren lassen. Diese Modellrechnung bildet gemeinsame Reisen, Anrufmitschnitte und Car Sharing ab. Das Amt für öffentliche Sicherheit des Shanghaier Stadtbezirks Putuo hatte 2025 einen Auftrag im Wert von 200.000 US-Dollar für genau ein solches „ganzheitliches Personenarchivsystem“ erteilt.

Geschäfte mit dem Überwachungsstaat

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Überwachung bleibt kontrovers

Auf der Welt gibt es einige Firmen, die Lösungen und Produkte für die Auswertung großer Datenmengen anbieten, so wie die US-Firma Palantir. Diese werden im Sicherheitsapparat eingesetzt. Auch in Deutschland haben einige Länder bereits Palantirsoftware eingesetzt. Wer in China diese Lösungen entwickelt hat, ist unbekannt. 

„In westlichen Demokratien gibt es politische Debatten über die Speicherung solcher Daten aus Überwachungen. In China gibt es diese Debatte nicht“, sagt NetAskari. „Die Polizei und das Ministerium für Staatssicherheit machen einfach, was sie wollen, und unterliegen dabei nur relativ geringer Kontrolle.“ Alle Meschen würden in China transparent gegenüber den Behörden. Sie seien deswegen alle formbar und erpressbar.

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan



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