Furchtlose Pionierin der Popmusik: Cher wird 80
Dass sie jetzt 80 wird, dürfte Cher herzlich egal sein. So wie ihr Konventionen und Erwartungen immer schon egal waren. Ihre Furchtlosigkeit hat sie zu einer der größten Ikonen der Popmusik gemacht. Neben ihrer einzigartigen Kontra-Alt-Stimme, die einen hohen Wiedererkennungswert hat, sind vor allem ihre Wandelbarkeit und ihre Bereitschaft, Neues auszuprobieren, der Grund dafür, dass Künstlerinnen wie Lady Gaga und Beyoncé sie als Vorbild bezeichnen.
Cher – die „Queen of the Comeback“
Cher hatte in sieben Jahrzehnten Nummer-1-Hits in verschiedenen US-Billboard-Charts (Hot 100, Adult Contemporary, Dance Club Songs). Das haben außer ihr nur die Rolling Stones geschafft. 1965 ging es los mit dem Klassiker „I Got You Babe”, im Duett mit ihrem damaligen Ehemann Sonny, und zuletzt erreichte „DJ Play a Christmas Song“ Ende 2023 Platz 1 der Dance/Electronic Song Sales sowie der Adult Contemporary Charts.
Die „New York Times“ hat Cher einmal als „Queen of the Comeback“ bezeichnet, sie selbst schrieb dazu in ihren Memoiren: „Es ist tausendmal schwieriger, zurückzukommen, als berühmt zu werden. Berühmt zu werden ist schwer, aber ein Comeback zu schaffen ist fast unmöglich.“ Aber eben nur fast.
Cher als Trendsetterin…
Auch modisch hat Cher immer wieder neue Trends gesetzt. Gemeinsam mit ihrem Mann Sonny trug sie maßgeblich dazu bei, dass die Schlaghose, die bis dahin nur von Marinesoldaten getragen worden war, zum wohl berühmtesten Accessoire der Hippie-Kultur wurde. Dazu trug sie bauchfreie Tops, was ebenfalls neu war und bei vielen konservativen Beobachtern Empörung auslöste. Im altehrwürdigen Hilton in London durfte das Paar damals nicht absteigen: Zu unkonventionell war ihre Garderobe.
Doch das war erst der Anfang. In ihren Fernsehshows in den Siebzigern trug Cher Outfits des Kostümdesigners Bob Mackie, die sie bis zu 30 mal pro Show wechselte. Oft waren sie gewagt: Cut-Outs, transparente Stoffe und Strass statt blickdichtem Stoff testeten die Grenzen des im Fernsehen Erlaubten aus.
Bei der Met Gala 1974 trug sie Mackies „Naked Dress”: eine hautenge Robe aus vollständig transparentem, fleischfarbenem Lycra, die mit Strasssteinen, Pailletten und weißen Federn an den Ärmeln und am Saum besetzt war. Das Kleid erzeugte die optische Täuschung, dass Cher bis auf die funkelnden Kristalle komplett nackt sei. Ein ikonisches Stück Modegeschichte, das noch heute von Stars gerne kopiert wird.
… ohne Angst vor Skandalen
Cher im „Naked Dress” zierte 1975 auch das „Time”-Magazin”. Das Cover galt für die damalige Zeit als so skandalös und freizügig, dass mehrere Städte in den USA den Verkauf der Ausgabe verboten oder die Magazine nur unter dem Ladentisch verkauften. Innerhalb weniger Stunden war das Heft – natürlich – überall ausverkauft.
Wer in den folgenden Jahren glaubte, Cher würde es nun etwas ruhiger angehen lassen, wurde 1989 eines Besseren belehrt: Dass sie mit „If I Could Turn Back Time” – einem Song, den sie erst nicht singen wollte, weil er ihr nicht gefiel – musikalisch ihr internationales Comeback schaffte, lag vor allem am dazugehörigen Video. Cher, bejubelt von (echten) Marinesoldaten, auf einem Kriegsschiff – im „Seatbelt Outfit”: einem transparenten Netz-Body, bei dem lediglich zwei schwarze Streifen in V-Form auf der Vorderseite das Wichtigste verdeckten, kombiniert mit einer Lederjacke.
Es war einer der größten Skandale der Popgeschichte. MTV verbannte das als jugendgefährdend eingestufte Video in die späten Abendstunden – was ihnen starke Quoten im Spätprogramm einbrachte. Designer Bob Mackie selbst empfand das Outfit im Nachhinein als „zu vulgär”, wie er in einer Dokumentation erzählte, doch Cher stand dazu. Sie trug das „Seatbelt Outfit” oder ähnliche Versionen danach immer wieder auf ihren Konzerten und trug es auch 2010, ausgerechnet bei den „MTV Music Video Awards“, um Lady Gaga einen Preis zu überreichen.
AutoTune: Der „Cher-Effekt”
1998 gelang Cher nach einem musikalisch recht ruhigen Jahrzehnt noch einmal ein fulminantes Comeback. Die Dance-Nummer „Believe” wurde der größte Hit ihrer Karriere, weil sie etwas Unerhörtes wagte: den deutlich hörbaren Einsatz von AutoTune. Zuvor war die Software in Tonstudios lediglich genutzt worden, um unsaubere Töne dezent zu korrigieren. Chers Team jedoch setzte AutoTune als Stilmittel ein, um ihre Stimme zu verfremden und ihr einen roboterhaften Klang zu geben. Die Plattenbosse waren davon nicht überzeugt, doch Chers klare Aussage „You can change that over my dead body” (dt etwa: „Nur über meine Leiche könnt ihr das noch ändern“) besiegelte die Sache. „Believe” erreichte Platz eins in 23 Ländern, wurde eine Hymne der LGBTQ+-Community – und Cher hatte Pionier-Arbeit geleistet: AutoTune, längst auch als „Cher-Effekt” bekannt, wurde stilbildend in Musikrichtungen wie Dance, Hip-Hop, Rap und R&B.
2024 wurde sie, nachdem sie sich mehrfach über ihre Nichtbeachtung beschwert hatte, in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Im selben Jahr veröffentlichte sie den ersten Teil ihrer Memoiren und landete direkt auf Platz eins der New York Times Bestseller Liste – natürlich. Dass Menschen Anstoß an ihrem 40 Jahre jüngeren Partner nehmen, quittierte sie im vergangenen November bei „CBS Mornings“ mit der lapidaren Feststellung: „Andere Leute leben nicht mein Leben.“
