Nein zu Palantir: Warum der Verfassungsschutz auf Chapsvision setzt
Nein zu Palantir
Warum der Verfassungsschutz auf Software aus Europa setzt
Der Verfassungsschutz setzt auf eine europäische Datenanalyse-Software – und erteilt Palantir eine Absage. Dahinter steckt mehr als nur Technik: Es geht um Macht, Einfluss und digitale Souveränität
Das Bundesamt für Verfassungsschutz will in Zukunft für die Datenanalyse Software des französischen Unternehmens Chapsvision einsetzten, wie der Rechercheverbund von „Süddeutscher Zeitung“, NDR und WDR in der vergangenen Woche berichtete. Damit entscheidet sich die Behörde gegen die Software des umstrittenen US-Konzerns Palantir, die bereits in Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen von der Polizei eingesetzt wird.
Die Software ArgonOS von Chapsvision soll vom Verfassungsschutz bei der Terrorismusbekämpfung und Spionageabwehr zum Einsatz kommen. Dem Amt geht es vor allem darum, große Datenmengen zu analysieren und auszuwerten, komplexe Netzwerke sichtbar zu machen und Informationen daraus zu gewinnen. ArgonOS soll in der Lage sein, diese Erkenntnisse mit Informationen aus öffentlichen Quellen zu kombinieren. Auf dem deutschen Markt arbeitet Chapsvision mit dem IT-Dienstleister Rola Security Solutions zusammen.
Chapsvision: 29 Zukäufe in sieben Jahren
Chapsvision ist erst wenige Jahre alt: 2019 gründete der französischen Unternehmer Olivier Dellenbach das Unternehmen. Nach eigenen Angaben setzt Chapsvision auf Expansion: Mehr als 350 Mio. Euro seien für Investitionen eingesammelt worden und man habe bisher 29 Akquisitionen getätigt. Etwa 1000 Mitarbeiter seien für über 2000 Kunden zuständig. Der Umsatz lag den Angaben zufolge im Jahr 2024 bei 240 Mio. Euro. Langfristig will das Unternehmen nach eigenen Angaben an die Börse gehen.
Dellenbachs Firma setzt auf eine Technologie mit dem Namen, „Retrieval Augmented Generation“ (RAG). Dabei geht es darum, aus den im Unternehmenskontext existierenden Daten die jeweils richtigen für die Beantwortung einer Frage heranzuziehen. Für diese Technologie können die Daten im Unternehmen – oder einer Behörde – bleiben und vor Ort mit verschiedenen Sprachmodellen ausgewertet werden.
Dellenbachs Chapsvision-Software wird in Frankreich schon von mehreren Behörden eingesetzt, unter anderem auch vom Inlandsnachrichtendienst DGSI. Der deutsche Verfassungsschutz habe die Software von Chapsvision testen können, berichtete der Rechercheverbund. Demnach sei die Software schon einsatzbereit.
Auffällig ist, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz sich gegen den US-Marktführer Palantir und für die europäische Alternative entschieden hat. US-Konkurrent Palantir wird in Europa zunehmend kritisch betrachtet: So steht der libertäre Palantir-Gründer Peter Thiel der US-Administration von Präsident Donald Trump nahe und gilt als Mentor von Vizepräsident J.D. Vance. Thiel wird oft damit zitiert, dass er Demokratie und Freiheit für nicht vereinbar hält. Der aktuelle Palantir-CEO Alex Karp hingegen fällt öfter mit teils erratischen Äußerungen auf: In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ forderte er im vergangenen Jahr mehr „Dankbarkeit,“ von Deutschland.
Zuletzt postete Palantir eine Art politisches Manifest in 22 Thesen auf dem Kurznachrichtendienst X. Eine der Forderungen dort: „harte Macht“ die mithilfe von Software durchgesetzt werden soll. Auch der Name Palantir lässt nichts Gutes erahnen. Er stammt aus dem Fantasy-Epos „Herr der Ringe.“ Der dunkle Herrscher Sauron beeinflusst dort mit „Palantir“ genannten Kristallkugeln seine Vasallen.
Die Wahl des Verfassungsschutzes für die französische Software gilt als Signal für mehr digitale Souveränität. Nach Plänen des Innenministeriums könnte das Amt künftig auch die Erlaubnis erhalten, neue Software zum Beispiel zur Gesichtserkennung einzusetzen.
Die Entscheidung für Chapsvision ist nicht die einzige Absage an Palantir: Erst Ende April schloss ein Vizeadmiral der Bundeswehr in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ den Einsatz von Palantir-Software für die Truppe aus. Auch bei der Software für das Gefechtsfeld ist Palantir Marktführer. Das Produkt „Maven“ wird unter anderem von der NATO verwendet – soll dort aber von Palantir-Mitarbeitern bedient werden. Für den Auftrag der Bundeswehr sollen neben Chapsvision auch die deutschen Unternehmen Almato und Orcrist infrage kommen.
