Deutschlands Chemiebranche: angeschlagen, nicht am Boden
Deutschlands Chemieindustrie gilt als eine der tragenden Säulen der Wirtschaft und belegt Rang drei hinter Automobil- und Maschinenbau. Die Branche erwirtschaftet jährlich Umsätze in dreistelliger Milliardenhöhe und beschäftigt direkt rund eine halbe Million Menschen. In den vergangenen Jahren ist die Chemieindustrie in die Krise geraten. Hohe Energiekosten belasten das Geschäft, hinzu kommen wachsende Regulierung, eine anhaltend schwache Konjunktur und schärferer internationaler Wettbewerb.
Die chemische Produktion ist äußerst energieintensiv. Benötigt werden nicht nur Strom, sondern auch Wärme, Dampf und Druck. Steigende Energiepreise bedeuten für Unternehmen sinkende Rentabilität und geringere Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 und dem damit verbundenen Wegfall des günstigen russischen Gases zählen deutsche Chemieunternehmen im internationalen Vergleich sehr hohe Energiepreise.
Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran in diesem Jahr hat die Herausforderungen noch verschärft. Er löste einen erneuten Energiepreisanstieg aus, störte Lieferketten und verursachte Engpässe bei wichtigen Rohstoffen.
„Die Energiepreise, insbesondere die Erdgaspreise, haben sich seit Beginn des Ukraine-Krieges verdoppelt“, sagt Christof Günther, Geschäftsführer von InfraLeuna, das den Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt betreibt, Deutschlands größten integrierten Chemiestandort. „Durch den Iran-Krieg haben sich die Preise vorübergehend erneut verdoppelt. Wir haben es also mit extrem hohen Energiekosten zu tun“, so Günther zur DW.
Keine Trendwende in Sicht
Die Gesamtumsatz der deutschen Chemieunternehmen lag 2025 bei 220 Milliarden Euro, so der Verband der Chemischen Industrie (VCI). Gegenüber dem Jahr 2022 ist das ein Rückgang von 22 Prozent.
Der Branchenverband, der rund 2300 Unternehmen vertritt, sieht keine Zeichen einer Trendwende. Für das laufende Jahr sei eher mit Stagnation oder einem weiteren Rückgang zu rechnen. Der VCI betont, eine Senkung der Erdgaskosten sei unerlässlich, um Deutschland als Industriestandort zu stärken.
Denn Erdgas ist laut VCI für die Chemieindustrie nicht nur Energieträger, sondern auch kritischer Rohstoff zur Herstellung chemischer Produkte. Weil sich Erdgas also nicht schnell ersetzen lasse, stehen die Unternehmen unter einem dauerhaften Preisdruck, so der Verband.
„Alternativen wie Biomethan können die Transformation unterstützen, befinden sich aber noch in der Anlaufphase und sind derzeit nur in begrenztem Umfang verfügbar“, teilt der Verband auf Anfrage der DW mit.
Wettbewerbsfähigkeit – aber wie?
Die Chemieindustrie habe ihre Möglichkeiten zum Energiesparen weitgehend ausgeschöpft, etwa durch Investitionen in energieeffiziente Produktion und in Recycling, sagt Anna Wolf, Expertin für den Chemiesektor am Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Die Verantwortung liege nun bei der Politik, sagt sie: Die müsse dafür sorgen, dass Energie „in ausreichenden Mengen, zu international wettbewerbsfähigen Preisen und über eine Infrastruktur bereitgestellt werden, auf die sich die Chemieindustrie mit ihren langen Investitionshorizonten tatsächlich verlassen kann“.
Ohne zuverlässige und bezahlbare Energie sowie die notwendige Infrastruktur zu ihrer Lieferung werde „keine andere Maßnahme – ob in der Regulierung, im Handel oder bei der Innovation – ausreichen, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen“, so Wolf zur DW. Erschwerend hinzu kommen die wirtschaftliche Stagnation in Deutschland und das schleppende Wachstum in Europa, die die Nachfrage nach Chemieprodukten dämpfen.
„Die Marktbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren zum Nachteil der deutschen Chemieindustrie verschoben“, sagt Martin Gornig, Forschungsdirektor für Industriepolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, zur DW. Neben der Energieproblematik liege dies vor allem an der schwachen Nachfrage nach Chemieprodukten in Europa, so Gornig. „Sollte die Wirtschaft in Europa wieder Fahrt aufnehmen, werden sich auch die Aussichten für die deutsche Chemieindustrie verbessern.“
Weniger Arbeitsplätze, weniger Investitionen
Wegen der schwachen Wirtschaft haben viele Chemieunternehmen Investitionen aufgeschoben, ihre Produktion gedrosselt und Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut.
Der Chemiekonzern BASF etwa hat in Deutschland ein striktes Sparprogramm eingeleitet – investiert aber gleichzeitig massiv im Ausland, vor allem in China. Das Unternehmen hat zudem angekündigt, selbst Bürotätigkeiten zur Auftragsabwicklung im Rahmen einer breit angelegten Umstrukturierung in asiatische Länder wie Indien und Malaysia zu verlagern.
Insgesamt hat die Chemiebranche in Deutschland seit 2022 mehr als 13.000 Arbeitsplätze abgebaut, berichtet das Fachportal chemeurope.com.
Trotz aller Probleme bleibt Deutschland aber für die Kernbereiche der chemischen Produktion der Unternehmen zentral. Experten halten eine vollständige Verlagerung ins Ausland für unwahrscheinlich – angesichts der komplexen und eng verflochtenen Produktionsprozesse und der gewachsenen Verflechtungen mit anderen Unternehmen im Land. Doch wenn sich die Geschäftsbedingungen nicht verbessern, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Firmen ihre Kapazitäten zunehmend außerhalb Deutschlands ausbauen.
Verlagerung ins Ausland ist gefährlich
Ifo-Expertin Wolf betont dabei, dass sich Deutschland und Europa nicht länger allein auf die Kräfte des Marktes verlassen dürfen. Sie sollten nicht hinnehmen, dass strategisch wichtige Branchen wie die Chemie ins Ausland abwandern, sobald sie an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. „Diese Logik funktionierte in einer offenen Weltwirtschaft mit verlässlichen Partnern – doch verlässliche Partnerschaften sind rar geworden“, so Wolf. In einer Welt zunehmend fragiler Bündnisse und unzuverlässiger Partner berge der Verlust systemrelevanter Industriezweige das Risiko, Europas Versorgungssicherheit zu untergraben, warnt Wolf.
Um die Chemiebranche und andere energieintensive Industrien zu stärken, plant die Bundesregierung eine Subventionierung der Stromkosten. Darüber hinaus setzt sich Berlin für eine Reform des europäischen Emissionshandels ein. Energieintensive Unternehmen empfinden das System, das den Ausstoß von CO2-Emissionen teurer macht, um das Klima zu schützen, als unfaire Belastung.
Die Bundesregierung strebt nun Änderungen an, um sicherzustellen, dass neben den Klimazielen die industrielle Wettbewerbsfähigkeit stärker beachtet wird. Der Chemieverband VCI begrüßt das, drängt jedoch auf mehr: Er forderte steuerliche Anreize, langfristig gesicherte Gaslieferungen und einen stärkeren Einsatz von Biomethan.
Zudem ruft der Verband dazu auf, langwierige Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und staatliche Vorgaben zu reduzieren, da diese Investitionen und Produktion hemmen. „Die Industrie braucht dringend verlässliche und international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Einzelmaßnahmen reichen nicht mehr aus.“
Der Beitrag wurde aus dem Englischen übertragen
