Portugal greift nach den Sternen


Raketen starten auf den Azoren. Sie tragen in Portugal gebaute Satelliten ins All. Und die wiederverwendbaren Raumkapseln, die sie in den Weltraum gebracht haben, landen dann wieder im Atlantik bei den Azoren. Zukunftsmusik? Noch, aber zumindest teilweise bald Wirklichkeit. Das kleine Portugal will eine große Raumfahrtnation werden. Es baut dabei auf seine gut ausgebildeten Ingenieure, europäische Zusammenarbeit und eine kleine Insel.

„Portugal hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark modernisiert. Unsere Universitäten bilden hervorragende Ingenieure aus. Es ist Humankapital entstanden, auf das wir aufbauen können“, erklärt Ricardo Conde, der Präsident der 2019 gegründeten portugiesischen Raumfahrtagentur. Im Bereich Raumfahrt arbeiteten inzwischen rund 2000 hochqualifizierte Personen in rund 80 Unternehmen. Die hätten im vergangenen Jahr 200 Millionen Euro umgesetzt, in diesem Jahr werde es noch viel mehr sein: „Denn wir haben einen weiteren Trumpf – die Azoren.“

Weltraumbahnhof auf den Azoren

Dort entsteht auf der eher verschlafenen Insel Santa Maria ein portugiesischer Weltraumbahnhof. „Das wird eine große Sache“, versichert Ivo Vieira vom ‚AED Cluster Portugal‘, der Interessenvertretung der Raumfahrtunternehmen. „2028 soll dort sogar der europäische Raumtransporter Space Rider landen.“ An riesigen Fallschirmen und gleich neben der alten Startbahn, die während des zweiten Weltkriegs von den Amerikanern gebaut wurde und jetzt kaum genutzt wird. „Voraussichtlich 2030 wird von dort eine Rakete einen südkoreanischen Satelliten in seine Umlaufbahn bringen. Mehrere Antennen zur Satellitenkommunikation arbeiten auf Santa Maria bereits.“

Abschussrampe des portugiesischen Weltraumbahnhofs auf der Azoreninsel Santa Maria
Abschussrampe für kleine Raketen auf dem künftigen Weltraumbahnhof auf den AzorenBild: ASC – Atlantic Spaceport Consortium

Ein portugiesisches Cape Canaveral also? „Bei weitem kleiner und eher eine Ergänzung zum europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana„, beschreibt Bruno Carvalho vom Spaceport-Betreiber ‚ASC‘ das Projekt. „Wir werden ein kostengünstiger Startplatz für kleinere Raketen mit kleineren Satelliten sein. Innerhalb der EU, was strategisch sehr wichtig ist.“ Und mitten im Atlantik, also menschenleer. Das sei gut und wichtig für wiederverwendbare Raumfahrzeuge, die dort wassern können. 35 Personen sollen dort arbeiten, wenn alles fertig ist. Eine eher leichte Infrastruktur, die erstens billiger als die große amerikanische Konkurrenz ist. Zweitens sollen lokale Ressourcen genutzt und so die Wirtschaft auf der Insel gestärkt werden. Carvalho hofft: „Vielleicht können wir ja junge Leute, die die Insel verlassen haben, wieder zurückbringen.“

Erste Wasserung in der EU

Der erste ‚Splashdown‘ bei den Azoren soll schon in der zweiten Hälfte dieses Jahres stattfinden. „Die portugiesischen Behörden haben die erste Wasserung innerhalb der EU für unsere Transportkapsel Phoenix 2.1 genehmigt,“ freut sich Marta Oliveira, die portugiesische Mitbegründerin der deutschen ‚Atmos Space Cargo‘. Sie will Satelliten billig ins All schießen, mit wieder verwendbaren Raumkapseln: „Wir sind die FedEx des Weltalls“, scherzt Oliveira. Nach oben kommen die Transporter zurzeit noch mit SpaceX. „Aber wir verhandeln auch mit europäischen Unternehmen.“ Runter kommen sollen sie im Atlantik bei der Azoreninsel Santa Maria. „Der Weltraumbahnhof von ASC erleichtert die Logistik und koordiniert den Kontakt mit den lokalen Behörden. Das ist ideal für uns.“

Porträt von Marta Oliveira vom Unternehmen Atmos Space Cargo
Sieht ideale Bedingungen auf den Azoren, um Satelliten ins All zu bringen: Marta Oliveira vom deutschen Unternehmen Atmos Space Cargo Bild: Atmos Space Cargo

Fehlen noch die Satelliten: „In Portugal gibt es drei Zentren, die Satelliten herstellen sollen“, sagt Raumfahrtagenturpräsident Ricardo Conde. „Eines beim Konsortium ‚CEiiA‘ in Porto im Norden, eines des multinationalen Unternehmens ‚Open Cosmos‘ in der Universitätsstadt Coimbra in der Landesmitte und eines in Lissabon, das vor allem in Zusammenarbeit mit den Streitkräften baut.“ Es handele sich um kleinere Satelliten für kommerzielle, militärische und gemischte Einsätze wie Kommunikation, Erd- und Meeresbeobachtung sowie – immer aktueller – Waldbrandbekämpfung.

Kleine, aber effiziente Satelliten

Weit vorne in dieser Liga spielt das Konsortium CEiiA, das auch im Fahr- und Flugzeugbereich tätig ist. „In die Raumfahrt sind wir 2018 eingestiegen“, erinnert sich André Dias, zuständig für den Bereich ‚Downstream‘. „Unser Ziel ist es, eine Industrie für hochauflösende Satelliten aufzubauen.“ Dafür soll ein weiteres Zentrum im nordportugiesischen Landesinneren bei der Stadt Guimarães entstehen, „eine Partnerschaft mit der Stadt und der dortigen Universität. Wir wollen unsere Produktionskapazität um das vier- bis fünffache vergrößern.“

Zurzeit könne CEiiA vier zivile Satelliten bis zu 500 Kilogramm Gewicht pro Jahr bauen. Doch die Nachfrage wachse ständig und mit wachsenden Kapazitäten könnten auch internationale Aufträge nach Portugal gelockt werden. Dezentralisierung sei angesagt: „Von den großen europäischen Raumfahrtnationen wie Deutschland und Frankreich auf kleinere Länder wie Portugal. Es ist eine Art Demokratisierung der Raumfahrt. Wir spezialisieren uns auf kleinere Satelliten, die zwischen 20 und 30 Millionen Euro kosten, nicht auf die großen, die bis zu 500 Millionen kosten können.“

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Dennoch sind die Pläne der portugiesischen Raumfahrtagentur alles andere als bescheiden: „Bis 2030 werden wir 30 Satelliten im All haben, zum Teil in Zusammenarbeit mit Spanien„, verspricht Agenturchef Conde. „Wir wollen internationale Player zur Zusammenarbeit ins Land bringen, setzen auf europäische Initiativen.“ Natürlich auch im militärischen Bereich, der immer wichtiger werde. Der Traum von der Raumfahrtnation Portugal wird schneller wahr, als viele dachten.

 



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