KI-Software für Kanzleien erhält Millionen
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KI-Software für Kanzleien erhält Millionen
LawX will mit seiner Software juristische Fachangestellte entlasten und zukünftig das Betriebssystem für Anwälte und Notare werden. Nun gibt es eine üppige Finanzierung für das Start-up
Es ist inzwischen kaum noch ein Bürojob vorstellbar, der von der KI-Revolution nicht touchiert wird. Anwälte im Besonderen gelten als bedrohte Spezies unter den „White Collar“-Jobs – während der Markt für anwaltliche Beratung weiter kräftig wächst. Die logische Folge: Der Markt für juristische KI, die sogenannten Legal Techs, boomt wie noch nie.
So wird die US-Firma Harvey von ihren Investoren schon mit 11 Mrd. Dollar bewertet, der schwedische Konkurrent Legora immerhin mit der Hälfte der Summe. Beide nutzen KI-Modelle, die auf juristische Fragestellungen spezialisiert sind, und versprechen Anwälten bei routinemäßigen Schriftsätzen wertvolle Unterstützung. Großkanzleien lockt die Aussicht, mehr und mehr Arbeit von der KI erledigen zu lassen, statt dafür immer teurer werdende Berufseinsteiger an Bord holen zu müssen. Legora und Co. leben allerdings mit der Bedrohung durch die übermächtigen KI-Generalisten wie Anthropic und OpenAI, die in immer mehr Branchen mit leistungsfähigen Spezialprodukten vorstoßen. Unter diesen Bedingungen einen unüberwindbaren Burggraben um das eigene Geschäftsmodell zu finden, wird so immer schwieriger.
Das Berliner Legal-Tech LawX glaubt dennoch, in seiner Nische genau diese Stellung gefunden zu haben. Mit seiner Software automatisiert es die Kernprozesse in Kanzleien und Notariaten – all jene Tätigkeiten, die dort bislang von Fachangestellten übernommen werden. „Bei uns geht es nicht um die inhaltliche juristische Arbeit, sondern um die Legal Operations, die Back-Office-Seite“, erklärt Gründer und CEO Norman Koschmieder. „Wir bauen ein juristisches Betriebssystem, in dem man den kompletten Arbeitsalltag verbringen kann“, so Mitgründerin Sara Brinkmann. Beide sind ausgebildete Juristen, verfügen aber auch über mehrjährige Erfahrung bei den Berliner Hyper-Growth-Start-ups Flink und Enpal.
Das Vorbild heißt Clio
Ihr Ende 2024 gegründetes Start-up verkündet nun den Abschluss seiner Seed-Finanzierungsrunde: Für europäische Verhältnisse üppige 7,5 Mio. Euro sind damit dem Unternehmen zugeflossen; nach Capital-Informationen wird LawX mit rund 30 Mio. Euro bewertet. Angeführt wird die Runde von der New Yorker Investmentfirma Motive Partners, bei der der jahrelang in Berlin wirkende Fintech-Kopf Ramin Niroumand inzwischen zum Führungsteam gehört; daneben gehören Business Angels wie Ex-Deutsche-Bank-Vorstand Ralph Müller und Flink-Gründer Christoph Cordes zu den Geldgebern.
Sie dürfte unter anderem überzeugt haben, dass es für LawX wie so oft bei deutschen Gründungen ein erfolgreiches Vorbild jenseits des Atlantik gibt: Die Kanzleimanagement-Software Clio aus dem kanadischen Toronto gibt es seit 2007, das Unternehmen beschäftigt heute 2000 Mitarbeiter und wird mit 5 Mrd. Dollar bewertet. Sein jährlich wiederkehrender Umsatz liegt nach eigenen Angaben bei 500 Mio. Dollar.
LawX backt noch kleinere Brötchen – seit dem Launch im November 2025 hat das Start-up mit etwa 70 Kunden aber immerhin schon mehr als 1 Mio. Euro an wiederkehrendem Umsatz beisammen. Gestartet war das Unternehmen zunächst mit einem Angebot für Notariate – ganz bewusst. In absoluten Zahlen gibt es davon zwar nur einige tausend, dafür beschäftigen Notare häufig mehr Fachangestellte, dazu gebe es besonders „veraltete Systemlandschaften und organisatorische Reibungsverluste“, heißt es.
Auf der Suche nach dem Burggraben
Ab dem Sommer soll das Produkt auch für Anwaltskanzleien zur Verfügung stehen. Die Kernfunktionen sind aber für beide Berufsgruppen ähnlich: Aktenführung, Kontakt- und Kalendermanagement, Dokumentenerfassung und -verarbeitung sowie Abrechnungserstellung. KI-gestützt soll das intuitiver und schneller passieren als wie bisher von Hand oder mit althergebrachter Notariats- und Kanzleisoftware. „Man kann mit der Akte chatten und auf das aktenkundige Wissen zugreifen“, erklärt Brinkmann. „Man kann Fragen stellen wie: Was sollte ich als nächstes tun? Was habe ich zuletzt in der Akte gemacht? Was steht im Handelsregister als Stammkapital der Gesellschaft?“ Das, so Brinkmann sei „ein völlig neuer Ansatz, dass ein KI-Assistent eine zentrale Rolle in einer Kanzleisoftware bekommt“.
Seinen Kunden stellt LawX in Aussicht, auch von den nächsten Entwicklungssprüngen bei generativer KI profitieren zu können. „Wir orchestrieren die gesamte KI-Entwicklung in einer berufsrechtskonformen Infrastruktur“, sagt Koschmieder. „Das ist eigentlich unser USP.“ Der Hinweis auf die strengen regulatorischen Rahmenbedingungen ist zentral – sie dürften verhindern, dass KI-Generalisten mit ihren Produkten allzu leicht in die Branche vorstoßen könnten. „Eine Kanzlei kann nicht einfach Openclaw auf ihre Prozesse werfen“, so der Gründer. „Das geht schon berufsrechtlich nicht. Für uns ist das ein wichtiger Burggraben.“
Gleichzeitig setzt das Start-up darauf, dass es im Markt für Kanzleibetriebssysteme weniger Hindernisse gibt, international zu expandieren – anders als bei den juristischen Sprachmodellanbietern wie Legora und Co. Während sich deutsches, französisches und britisches Recht inhaltlich fundamental unterschieden können, ähneln sich die Arbeitsabläufe in den Kanzleien. Schon für das nächste Jahr stellt LawX daher die ersten Expansionsschritte in andere Länder in Aussicht.
