Mordfall in Serbien: Der Polizeichef und ein toter Mafioso – Politik


Das „Restaurant 27“ in der Istarska-Straße 27 im Belgrader Stadtteil Senjak gilt als Lokal für besondere Anlässe. Mit 16 von 20 Punkten im Feinschmeckerführer „Gault & Millau“ steht das Haus in Serbiens Hauptstadt mit an der Spitze. Es lobt sich, in seine Gäste verliebt zu sein und ihnen Vollkommenes zu bieten. Der geeignete Platz, um zwei verfeindete Mafiabosse zu versöhnen, so dachte Belgrads Polizeichef Veselin Milić Medien zufolge – und bat sie am 12. Mai dorthin.

Wer sich wundert, dass beim EU-Beitrittskandidaten Serbien ein Polizeichef und Mafiosi zusammenkommen, kann etwa in den Februar 2013 zurückblicken: Da wurden Tageszeitungen und dem Sender B92 Dokumente zugespielt, denen zufolge 2008 und 2009 der damalige und heutige Innenminister Ivica Dačić mindestens zweimal einen Mann namens Rodoljub Radulović traf: Dieser war einer Anklage der serbischen Justiz vom Herbst 2012 zufolge hochrangiges Mitglied einer berüchtigten Mafiagruppe und Mitorganisator von Kokainschmuggel im großen Stil.

Das serbische Staatsfernsehen RTS meldete damals, Ermittler verfügten über 130 DVDs oder CDs mit Videoaufnahmen, Abhörprotokollen und anderen Belegen von Treffen und Kontakten zwischen Radulović und dem damaligen Stabschef von Innenminister Dačić sowie mit Dačić selbst. Der gab die Treffen zu, doch habe er nicht gewusst, dass Radulović ein steckbrieflich gesuchter Verbrecher sei.

Die Frau eines der Mafiabosse bringt ihrem Mann die Waffe ins Lokal

Auch die beiden Männer, die Polizeichef Veselin Milić am vergangenen Dienstag spätabends ins Restaurant 27 bittet, sind Größen der Belgrader Unterwelt: Aleksandar Nešović, krimineller Rufname „Baja“, und Saša Vuković, genannt „Boske“. Letzterer ist der Zeitung Nova zufolge ein Ex-Polizist, in Montenegro wegen Marihuanaschmuggels verurteilt. Im Restaurant kommt es statt zur Versöhnung der zerstrittenen Unterweltbosse zu Streit. Die Zeitung Danas beruft sich bei ihrer Schilderung auf zahlreiche Polizeiquellen: Vuković jagte demnach Nešović zwei Kugeln in den Bauch – mit einer Pistole, die ihm seine Frau vorsorglich vorbeigebracht hat.

Der mutmaßliche Mörder Vuković und zwei Polizisten der Leibwache des Polizeichefs sollen die Leiche dann beseitigt haben. Danas zufolge wurde sie an der Autobahn westlich von Belgrad mit Benzin überschüttet und angezündet. Das bestätigt sogar die regierungsnahe Tageszeitung Informer. Der Polizeichef selbst soll mit einem weiteren Polizisten die Aufnahmen der Überwachungskameras gelöscht und Blutspuren beseitigt haben.

Tags darauf meldet die Frau des Ermordeten diesen als vermisst. Gleichwohl wäre der mutmaßliche Mord möglicherweise nicht ans Licht gekommen, hätte nicht zwei Tage danach ein anderer Krimineller namens Miloš Medenica davon auf sozialen Medien berichtet. Der in Montenegro wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung zu zehn Jahren Haft verurteilte, doch flüchtige Medenica schilderte die Tat so, wie es die Polizeiquellen gegenüber Danas taten.

Eine vollständige Kriminalisierung nicht nur des Innenministeriums, sondern des gesamten Staates.

Milan Dumanović, früherer Polizeiinspektor

Die Oberstaatsanwaltschaft ließ das Restaurant untersuchen. Man fand Blutspuren und zwei Patronenhülsen. Der mutmaßliche Mörder, der Polizeichef und acht weitere mutmaßlich Beteiligte wurden verhaftet. Darunter drei Leibwächter des Polizeichefs, der Restaurantchef, ein Kellner sowie die mutmaßliche Lieferantin der Pistole, die Frau des Mafiabosses Vuković. Alle schweigen beim Verhör.

Der Skandal ist umso explosiver, als der verhaftete Polizeichef jahrelang enger Berater von Staatspräsident Vučić war. Dem Mafioso Medenica zufolge soll das „Restaurant 27“  Vučićs Bruder Andrej gehören. Und wieder kommt die Erinnerung an den Prozess gegen den Kokainschmuggler und Mafiaboss Veljko Belivuk hoch. Er und seine Männer wurden mit Belgrader Mächtigen bis hin zu Präsidentensohn Danilo Vučić fotografiert. Belivuk sagte laut von der New York Times eingesehenen Gerichtsprotokollen aus, sein Syndikat sei geschaffen worden „für die Bedürfnisse und auf Anordnung von Aleksandar Vučić“.

Serbiens Präsident bestritt damals sämtliche Vorwürfe. Auf den aktuellen Skandal reagierte er am Samstag vor der Presse. Anders als berichtet werde, so Vučić, sei noch gar keine Leiche gefunden worden, es sei vielmehr ein Vermisstenfall. Und das „Restaurant 27“ gehöre gar nicht seinem Bruder Andrej, er sei dort höchstens ein paarmal Gast gewesen.

Der frühere Polizeiinspektor Milan Dumanović sagte der Agentur Beta zu alldem, der Mord und die Festnahme des Polizeichefs Milić zeigten, dass man es zu tun habe mit „einer vollständigen Kriminalisierung nicht nur des Innenministeriums, sondern des gesamten Staates“.



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