Digitaler Check-in: Limehome greift die klassischen Hotelketten an
Für Josef Vollmayr ist der Markt riesig: „Mit einem Marktanteil von einem Prozent würden wir im Jahr drei Milliarden Euro Umsatz machen.“ Der Markt, von dem der ehemalige McKinsey-Berater spricht, ist der europäische Hotelmarkt für Kurzaufenthalte. Er macht nach seinen Angaben einen jährlichen Umsatz von 300 Milliarden Euro. Jedoch handele es sich hier um einen der am wenigsten digitalisierten und automatisierten Branchen.
„Es gibt in der Hotelbranche einen sehr hohen Digitalisierungsbedarf mit konkreten Vorteilen für Gäste. Wer zum Beispiel den Check-in-Prozess vorziehen kann, muss nach einem anstrengenden Geschäftstag nicht noch lange an der Rezeption anstehen“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. In einem klassischen Hotel werde jede Buchung fünfmal manuell angefasst. Jeder Bearbeitungsschritt verursache Kosten von fünf Euro. Vollmayr ist Ko-Geschäftsführer der im Jahr 2018 gegründeten Hotelkette Limehome.
350 Standorte in 156 Städten
Auf die Idee kam er zusammen mit seinem McKinsey-Kollegen Lars Stäbe. In ihrer Zeit als Unternehmensberater waren sie viel auf Reisen. Vollmayr hat damals mehr als 500 Nächte in Hotels in der ganzen Welt verbracht. Seine Idee: Wartezeiten eliminieren, modernes Design mit einem Gefühl von zu Hause und gleichzeitig die Standards einer etablierten Hotelmarke. Acht Jahre später hat das von ihm gegründete Hotel-Start-up mehr als 12.000 Zimmer an 350 Standorten in 156 Städten unter Vertrag. Mehr als 300 Mitarbeitende zählt Limehome.

Der Check-in erfolgt digital, genauso der Check-out. Es kann vorkommen, dass der Gast während seiner Zeit im Hotel keinen einzigen Mitarbeitenden sieht. Trotzdem ist die Kundenbetreuung rund um die Uhr erreichbar und im Notfall schnell vor Ort. „Airbnb war zum Teil ein Vorbild für uns, insbesondere die Einbettung in gewachsene Infrastruktur und der wohnlichere Charakter im Vergleich zum klassischen Hotelzimmer“, sagt Vollmayr. Regulatorisch bewege sich Limehome wie auch Hotels klar im Bereich der gewerblichen Beherbergung.
Nach seinen Angaben gibt es kaum noch gute, erschwingliche Gewerbeflächen mit mehr als 3000 Quadratmetern in zentraler Lage. „Deshalb haben wir uns ein Konzept überlegt, das mit unterschiedlichen Grundrissen und Objektgrößen funktioniert und verschiedene Nutzungen der Immobilie ermöglicht.“ Das Konzept müsse auch auf kleineren Flächen, zum Beispiel mit 30 Zimmern, profitabel zu betreiben sein. „Das geht mit einem klassischen Hotel aufgrund der hohen Personalkosten praktisch nicht“, fügt er hinzu.
Limehome wächst nach seinen Worten gegenwärtig um 50 Prozent im Jahr. Dieses Wachstum komme im Wesentlichen von Zimmern, die Limehome neu in den Markt bringe. Das seien aktuell 8000 Zimmer. „Die Pipeline für neue Standorte ist für die kommenden Jahre bereits vertraglich gesichert und unser Wachstum damit im Grunde vorgezeichnet.“ Mit dem Team könne Limehome derzeit jährlich um 3000 bis 4000 zusätzliche Einheiten unter Vertrag nehmen. „Wir müssen uns auch angesichts des wachsenden Tourismusmarktes mittelfristig keine Gedanken machen, an unsere Wachstumsgrenzen zu gelangen“, ist Vollmayr überzeugt.
Unendlich viele Preiskombinationen
Jeder Standort von Limehome müsse für sich allein profitabel sein. „Wir steuern unseren Preisalgorithmus so, dass wir mit jeder Übernachtung pro Zimmer unabhängig vom Kanal die gleiche Marge machen“, berichtet der Gründer der Hotelkette. Da die Kosten bei einer Direktbuchung niedriger seien, sei diese günstiger als die Buchung über ein externes Portal. Für jedes Zimmer an einem Tag ergeben sich nach den Worten Vollmayrs praktisch unendlich viele Preiskombinationen über die Vertriebskanäle hinweg. Als wichtigsten Vertriebskanal nennt er das Buchungsportal Booking.com. Die direkten Vertriebskanäle liegen ihm zufolge nur knapp dahinter.
Für Limehome ist die Automatisierung im Unterbau von entscheidender Bedeutung. „Die Arbeitszeit eines Hotelmitarbeiters fließt zum größten Teil in Administration, die Interaktion mit dem Gast macht nur einen kleinen Teil aus“, hat Vollmayr beobachtet. „Ein Grundgedanke von uns war deshalb, die Verwaltung zu zentralisieren und konsequent zu automatisieren.“ Im Vergleich zu klassischen Hotelketten hat Limehome viele Mitarbeiter in der Zentrale, aber wenige am Standort. „Vor Ort arbeiten wir mit externen Partnern zum Beispiel in der Raumpflege zusammen“, fügt Vollmayr hinzu.

Das Modell von Limehome sei von Anfang an auf Skalierung ausgelegt gewesen. „Entsprechend früh haben wir Kapital aufgenommen. Aber wir sind auch klein gestartet, um Dinge mit großer Risikobereitschaft auszuprobieren. Das war in der Startphase ein echter Vorteil.“ An Limehome haben sich HV Holtzbrinck Ventures, Lakestar, Picus Capital, AW Rostamani Group und Capital Four beteiligt. Im Oktober 2022 wurde eine Finanzierungsrunde über 45 Millionen Euro abgeschlossen.
Immobilienmarkt wird schwieriger
Besorgt blickt Vollmayr auf die Immobilienmärkte, die derzeit sehr angespannt sind. Viele Immobilien in zentraler Lage seien zu teuer. Hinzu kämen die gestiegenen Bau- und Personalkosten. „Allein die Baukosten haben sich seit 2021 um ein Drittel verteuert, die Wohnneubaukosten in Deutschland liegen europaweit am höchsten. Dadurch erfüllen weniger Projekte unsere Margenerwartungen.“ Der deutsche Markt ist nach seiner Einschätzung schwierig und dürfte in den nächsten ein bis zwei Jahren noch schwieriger werden.
Die Baukosten würden wahrscheinlich weiter steigen. „Vor allem dürfte am Bau das Personal knapp werden“, befürchtet der Hotelunternehmer. Das deutsche Infrastruktur-Sondervermögen werde die Nachfrage nach Bauleistungen erheblich erhöhen. „Sollte der Krieg in der Ukraine enden und der dortige Wiederaufbau beginnen, könnten aus Westeuropa laut Schätzungen bis zu einer halben Million Bauarbeiter abgezogen werden“, warnt er.
Derzeit ist Limehome in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Spanien, Portugal, Ungarn, Italien, Griechenland, Tschechien, Frankreich und England vertreten. „Wir decken an allen unseren Standorten den Durchschnitt der Gästestruktur ab“, berichtet Vollmayr. Überwiegen an einem Standort die Geschäftsreisenden, dann ist das auch bei Limehome so. In Salzgitter dominierten die Geschäftsreisenden und in Benidorm die Urlauber. Das Durchschnittsalter der Gäste beträgt 41 Jahre, was genau dem Durchschnittsalter der Reisenden in Europa entspricht.
