Bundesliga: Heidenheim bleibt sich treu – auch im Abstieg – Sport


Als es vorbei war, ging es direkt weiter. Trainer Frank Schmidt klatschte als höflicher Mensch zuerst mit den Mainzern ab und dann mit seinen Heidenheimern. Die Fans des FCH sangen so laut sie konnten und reckten ihre Schals in die Höhe. Und auch von der Haupttribüne bekam die Mannschaft des 1. FC Heidenheim nach der 0:2 (0:2)-Niederlage gegen den 1. FSV Mainz 05 viel Beifall, ehe Schmidt nach einer kurzen Ansprache seine Spieler durch das Spalier der respektvoll wartenden Mainzer schickte.

Es hat schon viele Abstiege aus der Bundesliga gegeben, bei denen Vereine in negativen Gefühlen und Bildern versanken und es beinahe noch das Geringste war, dass Fahnen verbrannt wurden. Beim 1. FC Heidenheim war von derartigen Szenen rein gar nichts zu sehen, im Gegenteil. Auch in seinem ersten Abstieg blieb sich der Verein treu. Mit Gesängen, Aufmunterungen und ja, Liebe, wurde die Mannschaft aus der Bundesliga verabschiedet. „Es ist nicht egal, wie man absteigt. Wir sind, glaube ich, mit Würde abgestiegen“, sagte Schmidt später am Abend und befand: „Es ist keine Schande, wenn der 1. FC Heidenheim nach drei Jahren wieder in der zweiten Liga spielt.“

Als die Mannschaft nach einer Ehrenrunde durch die kleine Arena wieder vor der Fantribüne angekommen war, hielt der Capo Valentin Stegmayer eine Dankesrede. „Wir alle sind eine Gemeinschaft“, rief er, erinnerte an die besondere Reise der vergangenen Jahre und sagte zu jenen Spielern, die den Verein nun verlassen, dass sie so etwas nicht wieder erleben würden. „Jetzt schauen wir, dass das unser letzter Abstieg ist“, rief er und fügte im schönsten Schwäbisch jenes Selbstverständnis hinzu, von dem die anrührende Stimmung getragen war: „Wir sind kein geborener Erschtligischt.“

Danach hüpften und sangen die Fans, Spieler und Schmidt zusammen, ehe der Trainer das Mikrofon ergriff, um sich zu bedanken, bei den Anhängern, Spielern, dem Verein und der Stadt. „Wir können uns alle zusammen was einbilden. So aus der Bundesliga rauszugehen, ist nicht selbstverständlich“, sagte Schmidt und ergänzte: „Ich sage das nicht oft in meinem Leben: Ich bin stolz auf meine Familie, aber heute bin ich stolz auf den Verein. Lasst uns im nächsten Jahr wieder so zusammenstehen.“

Mit welcher Mannschaft und welchen Zielen Heidenheim in der zweiten Liga antritt, ist noch ungewiss

Ein dramatischer Niedergang des Klubs ist kaum zu erwarten. Viel zu gefestigt scheint der FCH, zudem sind die Menschen auf der Schwäbischen Alb ohnehin viel zu wetterfest, um sich von einem Abstieg nachhaltig erschüttern zu lassen. Man müsse „diesen traurigen Tag erstmal verarbeiten“, sagte Kapitän Patrick Mainka, aber es gebe eine Basis, „die einfach stark ist“. Der Innenverteidiger sagte: „Diese DNA wird auf Jahre hinaus bestehen bleiben, deswegen braucht sich keiner Sorgen machen um den 1. FC Heidenheim.“ Mainka hat übrigens das Kunststück geschafft, in allen drei Heidenheimer Bundesliga-Spielzeiten keine einzige Minute zu verpassen.

Eigentlich hätte es der Tag werden sollen, an dem die Heidenheimer ihre wundersame Rettung, zumindest die Teilnahme an der Relegation, bejubeln. Bewiesen hatten sie immer wieder, dass sie sich auf wundersame Geschichten verstehen. Allein das jahrzehntelange gemeinsame Wirken des Trainers und des Vorstandsvorsitzenden Holger Sanwald kommt in der Branche ungefähr so selten vor wie eine mit dem bloßen Auge sichtbare Supernova in der Astronomie. Als Kapitän spielte der heutige Trainer noch in der Verbandsliga für den damaligen Heidenheimer SB und stieg mit ihm in die Oberliga auf, selbstverständlich unter wundersamen Umständen. Und auch, nachdem Schmidt 2007 das Traineramt übernommen hatte, begleiteten die Heidenheimer viele bemerkenswerte Fügungen.

In Wahrheit hatten diese Wunder aber weniger mit Glück zu tun. Eher war es so, dass das Glück von den Heidenheimern zu den vermeintlichen Wundern gezwungen wurde. Der Aufstieg von der zweiten in die erste Liga am letzten Spieltag der Saison 2022/23 durch ein Tor in der neunten Minute der Nachspielzeit zählte ebenso dazu wie ein Jahr später der Einzug des FCH in den Europapokal, in dem unter anderem der FC Chelsea das schnuckelige Stadion auf dem Schlossberg kennenlernen durfte. Den FC Bayern haben die Heidenheimer dort 2024 mit 3:2 besiegt, obwohl sie zur Halbzeit 0:2 zurücklagen. Die Rettung in der Relegation der vorigen Saison gelang gegen die SV Elversberg durch ein Tor in der fünften Minuten der Nachspielzeit. Von einem Heidenheim-Dusel war dennoch nie die Rede. Vermutlich auch, weil die Heidenheimer trotz all ihrer erstaunlichen Erfolge immer zu den Kleinen zählten.

Die unwahrscheinliche Aufholjagd der vergangenen Wochen folgte also nur der Klublogik. Am 26. Spieltag hatten die Heidenheimer noch abgeschlagen als Tabellenletzter zehn Punkte hinter dem Relegationsrang 16 zurückgelegen. Erst am vorletzten Spieltag hatten sie nach Punkten zu Wolfsburg und St. Pauli aufgeschlossen und den Hamburgern den letzten Platz überlassen. Wenn man sich nun auch noch vom 17. Platz auf den Relegationsrang retten sollte, hatte Schmidt vor dem letzten Spiel gesagt, „dann wären mehrere Wunder aufeinandergetroffen“. Vielleicht war das sogar für den FCH einfach zu viel.

Kaum hatte der Heidenheimer Anhang seine Liebe zum Verein bekundet und die Klubhymne intoniert, lag der FCH auch schon 0:1 zurück. Phillip Tietz hatte für Mainz aus nicht einmal einem Meter per Kopf getroffen. Ziemlich körperlos hatten die Heidenheimer die Mainzer zuvor passieren gelassen. Auch danach wirkten die Gastgeber gehemmt. Erst allmählich kamen sie besser in die Partie und zu nennenswerten Abschlüssen. Am nächsten am Ausgleich war Marvin Pieringer, als er nach einer halben Stunde aus fünf Metern die Latte traf. Auf der Gegenseite schoss Nadiem Amiri an den Pfosten, ehe er es zwei Minuten vor der Pause nach einem Konter das 0:2 erzielte. Es war jener Moment, in dem die Hoffnungen der Heidenheimer, dem Abstieg doch noch zu entrinnen, beinahe schon erloschen.

Wie es in der kommenden Saison weitergeht, welche Mannschaft sie aufbieten werden und welche Ziele sie formulieren können, all das wissen sie jetzt noch nicht. Immerhin aber steht ihre wichtigste Personalie schon fest. Frank Schmidt bleibt mindestens noch eine Saison, und zumindest so viel traute sich der Trainer schon zu versprechen: Man werde die Aufgabe in der zweiten Liga „voller Elan, voller Energie“ angehen und versuchen, eine gute Saison zu spielen. Ob das nun zum direkten Wiederaufstieg führt oder nicht.



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