Premier League: Beunruhigende Nachrichten für Nagelsmann – Sport
Sofern sich Julian Nagelsmann nicht gut getarnt in ein Stadion der Premier League begeben hat, dürfte er als Fußball-Bundestrainer bislang noch kein Spiel in England an Ort und Stelle verfolgt haben. Gesehen wurde er jedenfalls angeblich nicht. Seit seiner Übernahme der DFB-Elf im September 2023 begnügt er sich anscheinend auch anderthalb Monate vor der WM damit, die Auftritte seiner Nationalspieler im Ausland aus der Distanz zu beobachten. Dabei hätten sich zahlreiche Gelegenheiten für einen persönlichen Eindruck geboten. So auch am Samstagabend beim Ligaspiel zwischen dem FC Arsenal und Newcastle United (1:0).
Mit Kai Havertz aufseiten Arsenals sowie Nick Woltemade und Malick Thiaw im Team von Newcastle standen gleich drei deutsche Nationalspieler auf dem Spielberichtsbogen. Vor allem dürfte Nagelsmann die Situation um die fest eingeplanten Offensivspieler Havertz und Woltemade beunruhigen: Havertz wirkte lediglich 35 Minuten mit, Woltemade nur 14 Minuten. Beide konnten zwar mit gelungenen Aktionen sportliche Akzente für ihre Mannschaften setzen, doch die kurzen Einsatzzeiten nähren Zweifel an ihrer aktuellen Verfassung – bei Havertz mit Blick auf eine neuerliche Verletzung, bei Woltemade aufgrund mangelnder Spielpraxis.
Erstmals seit mehr als 14 Monaten absolvierte Havertz nach einer komplizierten Oberschenkelverletzung sowie einer Knieblessur vor einer Woche wieder ein Pflichtspiel über die volle Distanz für Arsenal. Gegen Newcastle erhielt er als spielstarker Zielspieler erneut das Vertrauen seines Trainers Mikel Arteta in der Startelf, bis er ausgewechselt werden musste: Ohne Fremdeinwirkung ging Havertz nach einer halben Stunde an der Mittellinie zu Boden und musste sich behandeln lassen – augenscheinlich an der linken Leiste. Schnell war klar, dass er nicht weiterspielen konnte. Mehrfach wischte er sich mit dem Trikot durch das Gesicht und verließ sichtlich niedergeschlagen das Spielfeld in Richtung Kabine. Droht erneut ein längerfristiger Ausfall?
Diesen Eindruck bemühte Trainer Arteta im Anschluss zu relativieren. Es handle sich um muskuläre Beschwerden, erklärte er beschwichtigend und fügte hinzu, er glaube nicht, dass es „etwas Schwerwiegendes“ sei. Seine Einschätzung gründete auf der Darstellung des Spielers selbst, die sich „nicht allzu besorgniserregend“ angehört habe. Ob Havertz bereits am Mittwoch im Champions-League-Halbfinale gegen Atlético Madrid zur Verfügung steht, bleibt abzuwarten.
Vor seiner Auswechslung lieferte Havertz, 26, die Vorlage zum Siegtreffer von Eberechi Eze (9. Minute). Nach einer kurzen Ecke kam er im Strafraum an den Ball und leitete ihn geschickt an seinen Mitspieler weiter, der per Distanzschuss in den Winkel vollendete. So holte sich Arsenal vorübergehend die Tabellenführung zurück und setzte den Kontrahenten Manchester City, der parallel im FA-Cup-Halbfinale gegen Southampton (2:1) gefordert war, im Titelrennen unter Druck. Havertz’ Bedeutung für sein Team zeigte sich auch am Bruch im Spiel, nachdem er durch Viktor Gyökeres ersetzt wurde.
„Wenn er so spielt wie heute, wird er deutlich mehr Chancen bekommen, sich zu zeigen“, sagt Trainer Howe über Woltemade
Auf seine Qualität kann Arsenal ebenso wenig verzichten wie Newcastle eigentlich auf jene von Woltemade. Mit einem feinen Lupfer hatte Woltemade beinahe den späten Ausgleich durch Mittelstürmer Yoane Wissa vorbereitet. Trainer Eddie Howe lobte „Nicks Kreativität“ und sagte: „In dieser Hinsicht ist er ein besonderes Talent.“ Dennoch scheint Newcastles Coach derzeit nur bedingt auf dieses Talent zu setzen. Im April hat Woltemade insgesamt gerade einmal 25 Minuten in drei Spielen absolviert. Weder die Formation ohne klassischen Spielmacher und mit nur einem zentralen Stürmer kommt ihm entgegen, noch die auf Pressing und Tiefenläufe ausgelegte Spielanlage. Dafür fehlt ihm laut Howe noch die notwendige Athletik, in der er sich jedoch stetig verbessere. Als er ihn jetzt als hängende Spitze hinter Wissa gegen Arsenal einsetzte, blühte er auf. „Wenn er so spielt wie heute, wird er deutlich mehr Chancen bekommen, sich zu zeigen“, so Howe.
Für Woltemade, 24, geht es an den letzten vier Spieltagen darum, seinen Stammplatz zurückzuerobern und an seine starke Hinrundenbilanz nach dem Wechsel vom VfB Stuttgart anzuknüpfen. Das wäre zugleich für Nagelsmann wünschenswert, dem auf der Mittelstürmerposition die Alternativen ausgehen. Die Lage hat sich durch die WM-Absage des verletzten Bayern-Profis Serge Gnabry nochmals verschärft. Die Abhängigkeit von Havertz und Woltemade ist groß, da sich dahinter – abgesehen vom aktuell treffsicheren Stuttgarter Deniz Undav – kaum adäquate Optionen bieten. Niclas Füllkrug gelang seit seinem Wechsel im Winter zu AC Milan nur ein Tor in 25 Pflichtspielen, Gladbachs Tim Kleindienst arbeitet nach Verletzungspause an seinem Comeback, und Leroy Sané erlebt bei Galatasaray Istanbul eine höchstens unauffällige Saison. Außerdem fühlen sich Florian Wirtz und Jamal Musiala, der ebenfalls nach langer Abstinenz allmählich zu alter Form zurückfindet, in der Rolle des Spielmachers deutlich wohler als in jener des Torjägers.
Immerhin brachte die Partie in London auch eine positive Note aus deutscher Sicht: Malick Thiaw untermauerte als Stammspieler in Newcastle seine Ambitionen auf einen Kaderplatz mit einer weiteren souveränen Leistung in der Innenverteidigung. All dies geschah – trotz der Abwesenheit Julian Nagelsmanns – vor den Augen eines prominenten deutschen Beobachters: Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel.

