Der Iran-Krieg stellt Indiens Diplomatie auf die Probe

Indien hat lange mit einigem Stolz darauf verwiesen, Dinge zu tun, die nur wenige Großmächte bewältigen konnten. Es kaufte Öl aus dem Iran, baute gleichzeitig eine Zusammenarbeit mit Israel in Verteidigungsfragen auf, stärkte die Beziehungen zu den USA und erweiterte die wirtschaftlichen Verbindungen zu den Golfmonarchien. Neu-Delhi achtete aber stets darauf, sich nicht in regionale Lager oder formelle Bündnisse hineinziehen zu lassen.
Der Iran-Krieg bringt diese Strategie jedoch an ihre Grenzen. Indiens Premierminister Narendra Modi scheint den Druck zu spüren. Am Freitag wird er zu einer diplomatischen Reise aufbrechen, die ihn innerhalb von sieben Tagen in die Vereinigten Arabischen Emirate und in vier europäische Länder, nämlich die Niederlande, Schweden, Norwegen und Italien, führen wird.
Für Neu-Delhi ist der Iran-Konflikt mehr als nur eine Energiekrise in einer fernen Region. Er stellt eine direkte Herausforderung für die Grundsätze indischer Nahostpolitik dar, wonach das Land seine strategische Autonomie wahren kann, während es gleichzeitig Beziehungen zu allen großen Mächten der Region pflegt – ungeachtet ihrer Rivalitäten.
Neu-Delhis Balanceakt in einem „weit unerbittlicheren“ Umfeld
Indien habe jahrzehntelang einen Balanceakt perfektioniert, der auf „nüchternem Realismus“ beruhte, sagt Amitabh Mattoo, Dekan der School of International Studies an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi. „Strategische Autonomie funktioniert aber am besten in einer flexiblen multipolaren Ordnung“, so Mattoo im Gespräch mit der DW. Der Iran-Konflikt mit seinem „weit unerbittlicheren“ Umfeld stellt nun diesen Ansatz infrage. „Es wird schwieriger, wenn rivalisierende Lager gleichzeitig politische Loyalität, das Befolgen von Sanktionen und der jeweiligen sicherheitspolitischen Ausrichtung einfordern.“
Für Mattoo gibt es keinen Zweifel daran, wo die Präferenzen Neu-Delhis liegen, sollte der Druck weiter zunehmen. „Wenn es hart auf hart kommt, wird Indiens erster Reflex immer darin bestehen, wirtschaftliche Stabilität und Energiesicherheit zu schützen. Keine Regierung in Neu-Delhi kann sich langanhaltende Ölschocks, Störungen der Schifffahrt in Hormus oder eine Spirale steigender Inflation leisten“, sagt er.
Solche Schritte seien aber nicht als Bruch mit Washington oder Tel Aviv zu verstehen, betont der Experte für internationale Beziehungen. „Die USA sind für Indiens größere strategische Zukunft unverzichtbar: Technologie, Verteidigung, Machtbalance im Indo-Pazifik und Zugang zu globalem Kapital. Israel bleibt ein entscheidender Partner bei Verteidigung und Geheimdiensten. Der Golf ist zentral für Energie, Rücküberweisungen und die Stabilität der Diaspora. Iran ist geografisch als Zugang zum Kontinent wichtig“, sagt Mattoo.
Die Krise geht nach Ansicht des Experten aber über ein bloßes politisches Dilemma hinaus. Es zwingt Indien zum Handeln. „Indien ist in Westasien nicht mehr nur ein Zuschauer. Seine Abhängigkeit von der Region bedeutet, dass jede Eskalation dort nun direkt Indiens Großmachtambitionen auf die Probe stellt. Strategische Autonomie ist kein Schlagwort mehr – sie ist ein Belastungstest.“
Indiens Diplomatie stehe vor schwierigen Zeiten. Für Matto ist klar: „Neu-Delhi will strategische Autonomie, aber je stärker seine globale Integration wird, desto schwieriger wird es, in Zeiten großer Konflikte geopolitisch blockfrei zu bleiben. Neutralität in einem polarisierten Westasien wird weniger zu einer Position als zu einem Luxus“.
Festhalten an multinationaler Ausrichtung?
Eine Gefahr, dass die Doktrin unter existenziellem Druck stehe, sieht T. S. Tirumurti, ein pensionierter Diplomat und Indiens erster Vertreter bei der Palästinensischen Autonomiebehörde, aber nicht. „Bisher hat uns die Politik der Multi-Ausrichtung auch in Westasien gute Dienste geleistet und den Spielraum für unabhängige Entscheidungen erweitert sowie das Navigieren entlang regionaler Bruchlinien ermöglicht.“ Er spricht sich dafür aus, den gegenwärtigen Kurs beizubehalten. „Erst wenn wir davon abweichen und uns zu einer Seite hinbewegen, wird unser strategischer Handlungsspielraum eingeschränkt“, sagt Tirumurti zur DW.
Indien stehe nicht vor der Frage, sich zwischen Energiesicherheit oder strategischen Partnerschaften entscheiden zu müssen. „Wir haben in der jüngeren Vergangenheit tatsächlich zwischen solchen Fragen navigiert und es geschafft, sowohl unsere Energieversorgung zu sichern als auch unsere guten Beziehungen zu Israel und den USA zu erhalten. Die jüngste Geschichte bestätigt die Klugheit von Indiens Entscheidungen in Bezug auf Energiesicherheit“, ist er überzeugt.
Der Druck steigt, da Indiens Ölreserven schwinden
Indiens Fähigkeit, diese Balancepolitik weiterzuführen, erfordert aber mehr als diplomatisches Geschick. Es ist auch eine Frage wirtschaftlicher Widerstandskraft. Die Kosten eines langanhaltenden regionalen Konflikts werden für Neu-Delhi zunehmend schwerer zu tragen sein.
Die Golfstaaten liefern einen großen Teil von Indiens Rohöl und Erdgas. Mehr als neun Millionen Inder leben und arbeiten in diesen Staaten. Ihre Rücküberweisungen sind eng mit der indischen Binnenwirtschaft verknüpft.
Die Situation in der Straße von Hormus bleibt dabei die größte Herausforderung. Die Blockaden sorgten bereits für Schockwellen bei Indiens Importkalkulationen, Versicherungskosten, Inflation und finanzieller Stabilität.
Neu-Delhi hat darauf reagiert, indem es seine Lieferanten diversifiziert und die indische Marine zum Schutz der Handelsschifffahrt einsetzt – doch beides ist kostspielig. Und obwohl Indiens strategische Petroleumreserven vorübergehende Schocks abfedern können, sind sie nicht für einen langwierigen Konflikt im Golf ausgelegt.
Ehemaliger Botschafter im Iran: Indien muss neutral bleiben
„Als Nettoenergieimporteur wird Indiens strategische Priorität darin bestehen, seine Lieferketten für Kohlenwasserstoffe zu sichern. Störungen in Hormus und Schäden an der Energieinfrastruktur im Golf haben Indiens traditionelle Abhängigkeit von der Region stark belastet“, meint Gaddam Dharmendra, ein ehemaliger indischer Botschafter im Iran.
Er glaubt, dass Indien jedoch eher seine Strategie an die Situation anpassen werde als diese vollständig aufzugeben. „In diesem Szenario spielen die USA, die inzwischen ein wichtiger Exporteur von Öl und LNG sind, eine Rolle im Energiemix Indiens. Wir sollten dies also nicht als Nullsummenspiel betrachten, sondern als eine Win-win-Situation“.
Angesichts der Veränderungen im Golf sei es zwar „nicht immer einfach, eine neutrale Haltung beizubehalten. Dies ist aber mittlerweile notwendig“.
Bewegt sich Indien in Richtung einer USA-Israel-Achse?
„Das Konzept selbst steht nicht unter Druck, aber Indiens Fähigkeit, seine Beziehungen zu einer Gruppe von Ländern mit gegensätzlichen Interessen auszubalancieren, ist stark belastet,“ meint Shanthie Mariet D’Souza, Gründerin von Mantraya, einem unabhängigen Forschungsforum. Indien habe die strategische Autonomie historisch als flexibles Konzept genutzt, das widersprüchliche Beziehungen aufnehmen kann, bei einer weiteren Verlängerung des Krieges könnte das aber nahezu unmöglich werden.
„Neu-Delhi wird weiterhin darauf setzen, dass der Krieg bald durch Vermittlung beendet wird – das wäre das beste Szenario. Premierminister Modis derzeitige Reise in mehrere Länder, beginnend mit den VAE, spiegelt wahrscheinlich diese diplomatischen Bemühungen wider“, sagte D’Souza.
Während Neu-Delhi weiterhin formelle Bündnisse vermeidet, liegen seine tiefsten strategischen, technologischen und wirtschaftlichen Partnerschaften zunehmend bei den USA, Israel und wichtigen Golfstaaten – während es gleichzeitig versucht, funktionierende Beziehungen zu Iran zu erhalten.
Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand
