Dammbruch in Brasilien: Vorwürfe gegen TÜV-SÜD-Manager drohen zu verjähren


Blick auf Flächen voller Schlamm nach dem Bruch eines Staudamms bei der Gemeinde Brumadinho, Brasilien.


exklusiv

Stand: 07.05.2026 • 06:01 Uhr

Mehr als sieben Jahre nach dem Dammbruch in Brasilien mit 270 Toten laufen die Ermittlungen in Deutschland schleppend. Die Staatsanwaltschaft München will nach Informationen von NDR, WDR und SZ frühestens Ende 2026 über eine Anklage entscheiden.

Von Martin Kaul, WDR, Nils Naber und Stella Peters, NDR

Es war eine tödliche Umweltkatastrophe von gigantischem Ausmaß, die Bilder gingen um die Welt: Als 2019 in Brasilien ein Damm brach, tötete einer Lawine voller giftigen Schlamms aus einer Eisenerzmine 270 Menschen, zerstörte Häuser und verursachte ein Umweltdesaster.

Die Stabilitätserklärung für den gebrochenen Damm hatten nur wenige Monate zuvor Fachleute einer brasilianischen Tochterfirma der TÜV SÜD AG ausgestellt. Sitz der Konzernzentrale: München.

Darum reichten Opfervertreter bereits 2019 eine Strafanzeige gegen einen deutschen TÜV-SÜD-Manager bei der Staatsanwaltschaft München wegen fahrlässiger Tötung ein. Dabei lieferten sie den deutschen Ermittlern zahlreiche offenbar belastende Indizien mit. Die Staatsanwaltschaft sollte zudem prüfen, ob die Aufsicht im Mutterkonzern versagt hatte – in Deutschland keine Straftat, sondern eine Ordnungswidrigkeit, für die Bußgelder verhängt werden können.

Nun droht Verjährung

Doch auch sieben Jahre nach dem Dammbruch dauern die strafrechtlichen Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft München I noch immer an. Wie NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung erfuhren, will die Staatsanwaltschaft frühestens Ende dieses Jahres entscheiden, ob sie Anklage wegen fahrlässiger Tötung und weiterer Vorwürfe erhebt.

Sollte die Staatsanwaltschaft den Manager wegen fahrlässiger Tötung anklagen, müsste bis Anfang 2029 ein Urteil ergehen. Doch angesichts der schon jetzt knapp siebenjährigen Ermittlungsdauer wird eine Verjährung der Vorwürfe immer wahrscheinlicher. Denn weil viele der Vorgänge sich in Brasilien abgespielt haben und es um komplexe technische Fragen geht, könnte sich auch ein mögliches Gerichtsverfahren noch in die Länge ziehen.

Die Staatsanwaltschaft führt die lange Ermittlungsdauer auf das „äußert umfangreiche und komplexe Verfahren“, auf Schwierigkeiten bei der Beschaffung und Übersetzung von Unterlagen aus Brasilien zurück. Eine Sprecherin sagte, das Verfahren würde „mit Hochdruck“ betrieben, so dass ein Abschluss – auch eines möglichen Gerichtsverfahrens – rechtzeitig erfolgen könne.

Zögerliche Ermittlungen

Das Unternehmen argumentiert, die durch Ingenieure der TÜV-SÜD-Tochter ausgestellte Stabilitätserklärung sei „im Einklang mit brasilianischen Gesetzen und technischen Normen erteilt worden“ – ein Umstand, den die Staatsanwaltschaft in Brasilien anders sieht. Dort stehen unter anderem vier brasilianische Ingenieure des TÜV SÜD auch wegen vorsätzlicher Tötung in über 270 Fällen vor Gericht. Ebenfalls dort angeklagt: Der deutsche Ingenieur aus der Unternehmenszentrale. Er selbst will sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern.

Recherchen von NDR, WDR und SZ zeigen, wie schleppend die Ermittlungen in Deutschland laufen. So wollte die Münchner Staatsanwaltschaft offenbar erst fünf Jahre nach der Katastrophe Beweise in der Münchner Unternehmenszentrale der TÜV SÜD AG sicherstellen. Es war im Sommer 2024, als Ermittler erstmals mit einem Durchsuchungsbeschluss bei der TÜV-Zentrale anrückten. Eine Razzia gab es aber nicht. Stattdessen einigten sich die Staatsanwaltschaft und das Unternehmen darauf, dass TÜV SÜD selbst die Beweismittel heraussuchte und zur Verfügung stellte.

Sorge vor Reputationsschäden

So setzten die Ermittler jahrelang auf die Kooperation mit dem TÜV SÜD – eine Praxis, die in Ermittlungsverfahren bei Unternehmen durchaus üblich ist, auch weil Justizbehörden häufig zu schlecht ausgestattet sind, um selbst umfangreiche Beweiserhebungen und -auswertungen durchzuführen. Der TÜV SÜD betont seine Kooperationsbereitschaft mit der Staatsanwaltschaft. Das Unternehmen habe „von Beginn an zur Aufklärung beigetragen“. In der Sache selbst weist der Konzern jegliche „rechtliche Verantwortung“ von sich.

Tatsächlich hatte die TÜV SÜD AG, die in Folge des Dammbruchs Reputationsschäden und Schadensersatzforderungen fürchten musste, direkt nach der Katastrophe renommierte Anwälte beauftragt. Sie sollten intern aufklären, was geschehen war – und die Verteidigung übernehmen.

Kein Abschlussbericht

Ein schriftlicher Abschlussbericht der unternehmensinternen Untersuchung scheint nach Recherchen von NDR, WDR und SZ allerdings nicht zu existieren. Erst auf mehrfache Nachfrage heißt es aus der Unternehmenszentrale der TÜV SÜD AG: „Ein Abschlussbericht wurde nicht übergeben, weil die Erkenntnisse aus der internen Untersuchung nicht in Form eines schriftlichen Berichts vorliegen, sondern in den Tatsachenvortrag in den laufenden Gerichtsverfahren eingeflossen sind.“

Zu den laufenden Verfahren zählt auch ein Zivilprozess am Landgericht München. Hier fordern fast 1.500 Angehörige und Betroffene rund 600 Millionen Euro Schadensersatz von der TÜV SÜD AG. Dieser Prozess läuft bereits seit mehreren Jahren.

Im Interview mit NDR, WDR und SZ weist der Leiter der Rechtsabteilung des Konzerns, Florian Stork, alle Vorwürfe gegen sein Unternehmen zurück: „Der Dammbruch in Brumadinho war ein schreckliches Unglück und unser Mitgefühl ist bei den Opfern, den Angehörigen, den Hinterbliebenen und den Familien. Gleichwohl sind wir davon überzeugt, dass TÜV SÜD keine juristische Verantwortung für das Unglück trägt.“ Für die Verteidigung des Unternehmens durch Rechtsanwälte hat der Konzern laut den veröffentlichten Geschäftsberichten Millionensummen zurückgestellt.

Weitere Details zur Recherche heute im Politikmagazin Panorama, um 21.45 Uhr im Ersten.



Source link

Ähnliche Beiträge