Tradition und Tacheles für den Frieden
Er trägt festlichere, traditionellere Gewänder als sein Vorgänger. Außerdem wohnt Papst Leo XIV., anders als Papst Franziskus, wieder im Apostolischen Palast hoch über dem Petersplatz. Und er zieht sich, was Franziskus nie tat, immer mal wieder in die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo zurück.
Bei Äußerlichkeiten macht der US-Amerikaner Kardinal Robert Prevost, den das Konklave am 8. Mai 2025 zum Oberhaupt der katholischen Kirche wählte und der den Namen Leo XIV. annahm, also vieles anders als sein Vorgänger.
Offen, wohin theologisch die Reise dieses Papstes geht
Bei der programmatischen theologischen und kirchenpolitischen Ausrichtung ist das nach wie vor unklar. Bislang gibt es noch keine Enzyklika, keines der großen Lehrschreiben aus der Feder Leos, betont der Augsburger Kirchenhistoriker Jörg Ernesti im DW-Gespräch. So bleibe „offen, wo theologisch die Reise dieses Papstes hingeht“. Da halte er sich wohl noch bewusst bedeckt. Es mag nun sein, dass Leo diese Enzyklika Mitte Mai veröffentlicht.
Die ersten Worte, die Leo am 8. Mai 2025 Stunden nach seiner Wahl von der Loggia des Petersdoms sprach, lauteten „Der Friede sei mit euch allen!“ Kein anderer Begriff taucht in dieser Ansprache öfter auf als das Wort „Frieden“. Leo warb für einen „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden, demütig und beharrlich“. Damit lag er weitgehend auf der Linie seines Vorgängers, der sich immer wieder zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und zum Gaza-Konflikt geäußert hatte.
Vor allem die militärisch geprägte Außenpolitik von US-Präsident Trump verleiht dem Friedens-Motiv Bedeutung – das US-Eingreifen in Venezuela, die Drohungen gegen Kuba und Grönland, der Krieg gegen den Iran.
Spätestens der Angriff auf den Iran, dessen Streben nach Atomwaffen seit vielen Jahren internationale Besorgnis auslöst, sorgte für einen offenen Eklat zwischen den beiden derzeit weltweit wichtigsten US-Amerikanern: dem meist bedächtig formulierenden Papst und dem polternden Präsidenten.
Im Iran-Krieg hatte Trump nach Ostern offen mit der Vernichtung des Iran gedroht. „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben“, sagte er. Als der Papst diese Warnung als „wirklich inakzeptabel“ zurückwies und vor „Allmachtsphantasien“ warnte, die „immer unberechenbarer und aggressiver“ würden, attackierte Trump den Papst persönlich. Er nannte ihn „politisch sehr links“ und mit Blick auf die Außenpolitik „schrecklich“. Vielleicht übersieht Trump die Bedeutung sowohl Venezuelas und Kubas als auch des Libanon für die katholische Kirche. Alle drei Länder stehen in katholischer Tradition.
Attacke auf den Papst: „nicht Hitler, nicht Mussolini, nicht Napoleon“
Kirchenhistoriker Ernesti, der zahlreiche Bücher zum Papstamt und zu einzelnen Päpsten geschrieben hat, nennt die Attacke Trumps auf Leo beispiellos. „Niemand hat sich so abfällig über die Person eines Papstes geäußert. Das hat Hitler nicht getan, nicht Mussolini und nicht Napoleon.“ Es sei auch „völlig unsinnig“, es sich mit einer moralischen Autorität wie dem Papst zu verderben. Leo, so Ernesti, habe sehr klug reagiert und ruhig auf sein Amt verwiesen. Später sagte Leo vor Journalisten im Flug nach Afrika, er habe keine Angst vor Trump.
Die Attacke des US-Präsidenten hat den kritischen Äußerungen des Kirchenoberhaupts, bei einem kurzen Statement an einem dunklen Abend in Castel Gandolfo vorgebracht, zu weltweiter Aufmerksamkeit verholfen. Dazu mag auch beitragen, dass aus manchen Ländern der westlichen Welt, auch aus den USA, während der vergangenen Monate Berichte über ein neu wachsendes Interesse an Religion und Kirche kamen.
Weniger Aufmerksamkeit fand eine Kontroverse von US-Vizepräsident JD Vance mit dem Papst. Dabei war sie im Grundsatz auch für Leo vielleicht relevanter als die Poltereien des Präsidenten. Vance, der erst 2019 zur katholischen Kirche wechselte und eher Anleihen bei reaktionären theologischen Köpfen nimmt, mahnte den Papst zur Vorsicht, wenn dieser über Theologie spreche. Das Beste wäre, „wenn der Vatikan bei Fragen der Moral bliebe“. Später schlug Vance versöhnliche Töne an.
Bisher keine Vorwürfe gegen Europa
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger lässt sich bislang aus den Reden und Statements von Papst Leo keine Geringschätzung Europas oder der Kirche in europäischen Ländern herauslesen. Papst Franziskus wählte gelegentlich drastische Worte und warf Europa vor, müde geworden zu sein und sich abzuschotten. Leo gibt sich bislang, wenn er Repräsentanten aus europäischen Ländern empfängt, stets wohlwollend. Im Juni steht ein sechstägiger Besuch in Spanien auf seiner Agenda.
Gleichwohl ist bei ihm erkennbar, dass er vom Herzen wie von der Aufmerksamkeit an Afrika hängt. Elf Tage lang war er im April 2026 in vier afrikanischen Ländern unterwegs. Damit war er länger in Afrika als Benedikt XVI. in seinen acht Papst-Jahren. Schon seit Beginn seines Pontifikats habe er an eine Reise nach Afrika gedacht, sagte Leo mehrfach.
Afrika überholt Europa
Für den Papst-Experten Ernesti passt diese „sehr bewusste Entscheidung von Leo“ in einen größeren Zusammenhang. Schon seit 150 Jahren sei Afrika „auf dem Schirm der Päpste“. Heute wachse die Kirche in Afrika im Schnitt im Jahr um drei Prozent, die europäische Kirche stagniert. „Die Gewichte innerhalb der katholischen Kirche verschieben sich“, so Ernesti. Mehr und mehr Afrikaner seien im Vatikan tätig. Diese Hinwendung und Wertschätzung des Papstes gelte sicher auch für seinen Blick auf Asien und Lateinamerika.
Seit dem Eklat zwischen US-Präsident Trump und dem Papst rechnen viele Beobachter nicht mehr damit, dass der in Chicago geborene Leo während der Trump-Jahre die USA besucht. Gerüchte, dass die US-Administration das Kirchenoberhaupt gern zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der USA am 4. Juli dabei gehabt hätte, beantwortet der Vatikan auf seine Art. Just an diesem Tag, an dem US-Amerikaner in aller Welt ihr Land feiern, will Papst Leo die Mittelmeer-Insel Lampedusa besuchen.
Lampedusa gilt als Symbolort für Flucht und die Not von Flüchtenden spätestens seit dem Sommer 2013, als Papst Franziskus wenige Monate nach seiner Wahl die Insel besuchte und den vieltausendfachen Tod von Geflüchteten beklagte, die bei gefährlichen Überfahrten nach Europa ertrinken.
Lampedusa ist auch für Leo programmatisch. Auch er betont die Not von Millionen Menschen, die weltweit zur Flucht gezwungen sind.
Deutlich wird das im Programm für seinen Spanien-Besuch. Die letzten beiden Reise-Tage führen ihn auf zwei der Kanarischen Inseln, Gran Canaria und Teneriffa. Beide sind beliebte Ferieninseln, an denen immer mehr Geflüchtete aus Afrika per Boot stranden. Auch ihnen soll Leos Blick gelten. Auf den Ferieninseln vieler Europäer wird der Papst daran erinnern, dass Migration und das Schicksal der Geflüchteten wichtige Themen bleiben.
