100 Jahre Route 66: Die Mutter aller Highways feiert Geburtstag
4.000 Kilometer von den großen Seen im Norden der USA, quer durch den Mittleren Westen an die Küste Kaliforniens: Die legendäre Route 66 steht für den Roadtrip wie kein anderer Ort. Jetzt wird die „Mother Road“ 100 Jahre alt.
Draußen blinkt die Neonreklame, drinnen dampft das Omelette, so groß wie der ganze Teller. Das Frühstücksrestaurant Lou Mitchell’s am Jackson Boulevard in Downtown Chicago ist der Ausgangspunkt für Amerikas „Main Street“ und der perfekte Ort, um vor der langen Reise aufzutanken. „Leute aus aller Welt kommen her und sind total aufgeregt“, sagt Wirtin Audrey. „Denn so kann man dieses Land wirklich erleben: unterwegs im Auto von A nach B nach C.“
Am 30. April 1926 sendet der Unternehmer Cyrus Stevens Avery ein Telegramm von Springfield, Missouri, nach Washington, in dem er vorschlägt, eine der ersten durchgehend befestigten Straßenverbindungen zur Westküste als „Route 66“ zu benennen. Weil es „gut klingt“ und „leicht zu merken ist“. Damit legt der „Vater der Route 66“ den Grundstein für den späteren Marketingerfolg der Strecke in Büchern, Filmen und Werbespots.
Klingt gut und ist einfach zu merken – mit diesen Argumenten wurde vor genau 100 Jahren der Name „Route 66“ vorgeschlagen.
Eröffnung November 1926
Die Route 66 wird nicht überall neu gebaut, teilweise werden bereits vorhandene Regionalstraßen umgewidmet, weshalb sie bereits am 11. November 1926 eröffnet wird. Zu diesem Zeitpunkt sind erst 800 Meilen – 1.287 km – asphaltiert.
Von Anfang an verbindet die Route 66 die Kleinstädte und Farmen im Mittleren Westen mit den großen Absatzmärkten in Chicago, Springfield oder St. Louis. Im Gegenzug bringen Auto-Touristen aus der Großstadt ihr Geld hinaus aufs Land.
Hier entsteht die erste moderne Tankstelle, das erste Motel und das erste Drive-In-Restaurant. „Alles, was Reisende brauchen, um mit dem Auto von hier nach da zu kommen, ist an der Route 66 entstanden“, sagt der Historiker Bill Thomas. „Sie hatte entscheidenden Einfluss darauf, wie wir uns in diesem Land fortbewegen.“
Von Motels bis zu Tankstellen: Entlang der Strecke der Route 66 entstand viel dessen, was die Infrastruktur für Autoreisende bis heute ausmacht.
„Route 66 wurde zur Straße der Träume“
In den 1930er-Jahren flüchten Hunderttausende verarmte Bauern aus Oklahoma, Arkansas oder Texas nach jahrelangen Staubstürmen und anhaltender Dürre über die Route 66 zu den Obstplantagen in Kalifornien, um sich dort als Wanderarbeiter zu verdingen. Es war ein hartes Schicksal, beschrieben im Roman „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck.
1946 fährt Bobby Troup nach Los Angeles, in der Hoffnung auf eine Karriere als Musiker. Seine Aufbruchstimmung schreibt er unterwegs nieder und schafft so einen der berühmtesten Roadsongs aller Zeiten: „Get your kicks on Route 66“ wird zum Soundtrack für die Straße der Sehnsucht, erstmals gesungen von Nat King Cole und später gecovert von Chuck Berry, den Rolling Stones oder Depeche Mode.
Der Nachkriegs-Boom ist die Blütezeit der Route 66: Autos werden erschwinglicher, das verfügbare Einkommen steigt und die Menschen beginnen, auf dem Highways die Freiheit zu suchen. „Die Route 66 wurde zur Straße der Träume“, sagt der Autor und Historiker Jim Hinckley.
Angel Delgadillo kämpfte für die Route 66 und gilt heute als Retter des legendären Highways.
Der Retter der Route 66
In den 1950er-Jahren fahren 9.000 Autos täglich über die Route 66 durch kleine Ortschaften wie Seligman, Arizona. Bis ganz in der Nähe der Interstate Highway 40 eröffnet wird und der Verkehr über Nacht zum Erliegen kommt. „Seligman wurde zu einer Geisterstadt“, erzählt der ehemalige Friseur Angel Delgadillo. „Es macht mich traurig und wütend, darüber zu sprechen, weil sich niemand um uns gekümmert hat.“
Am 27. Juni 1985 hebt die US-Regierung die Bezeichnung „Route 66“ offiziell auf. Der heute 99-jährige Delgadillo will sich nicht damit abfinden und überzeugt den US-Bundesstaat Arizona davon, die Route 66 als Kulturgut anzuerkennen. Seitdem gilt er als ihr Retter und ist selbst zur Legende geworden.
Seit September 2005 sind Teilstücke der Route 66 in den Bundesstaaten Illinois, New Mexico und Arizona unter der Bezeichnung „Historic Route 66“ als „National Scenic Byway“ ausgewiesen. Insgesamt sind 85 Prozent der Route 66 noch befahrbar, in Texas sogar 91 Prozent.
Mit dem Verlust der Bedeutung der Route 66 ging es auch mit der Stadt Seligman abwärts. Viele Orte hingen und hängen noch immer von der Straße ab.
„Ohne die Route 66 würde es diesen Ort nicht mehr geben“
Hinter Seligman beginnt eines der besterhaltenen Teilstücke der alten Straße – das Reisende nicht mehr befahren, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Für viele Orte hier ist die Route 66 zur Lebensader geworden.
So wie für die ehemalige Goldgräberstadt Oatman, auf deren Hauptstraße eine Herde wilder Esel regelmäßig den Verkehr aufhält. „Ohne die Route 66 würde es diesen Ort nicht mehr geben“, sagt Rod Hall alias Outlaw Willie. Der 81-Jährige veranstaltet jeden Tag um „High Noon“ eine Wild-West-Show vor dem Oatman Hotel, in dem Clark Gable seine Hochzeitsnacht verbracht haben soll. „Wir sind eine Geisterstadt, die noch nicht gestorben ist“, beschreibt er den Ort.
Karla Claus sagt, die Route 66 durchlaufe zurzeit einen Prozess der Wiederbelebung.
Kommt die Wiederbelebung?
Das gilt auch für Newberry Springs, Heimat des berühmten Bagdad Café. Es ist der Drehort des deutschen 1980er-Jahre-Kultfilms „Out of Rosenheim“.
Im Jubiläumsjahr soll sich hier die Zahl der Besucher aus dem In- und Ausland verdoppeln. „Die Route 66 steht für das amerikanische Durchhaltevermögen“, sagt Karla Claus, die inoffizielle „Miss Route 66“. „Es ist ein langwieriger Prozess, aber es findet gerade eine Wiederbelebung statt.“
Aufstieg, Fall und Comeback – die Geschichte der Route 66 könnte von Hollywood geschrieben worden sein. So passt es, dass sie nahe Los Angeles endet, auf dem Santa Monica Pier. Zumindest steht hier ein weithin sichtbares Schild, vor dem sich die Generation Instagram fotografiert – die Autofahrer von morgen. Ein Zeichen der Hoffnung für Amerikas heimliche Hauptstraße.

