Schauspiel: Wie man an die Ernst Busch Hochschule in Berlin kommt
Elsa Stallard hat sich an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin gegen rund 800 Mitbewerber durchgesetzt. Mindestens so viele Menschen melden sich jedes Jahr zum Vorsprechen für den Studiengang Schauspiel an. Das Studium an der öffentlichen Hochschule dauert vier Jahre, und es gibt etwa 20 Plätze. Die Interessenten kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Die 24 Jahre alte Frau sagt, dass sie den Druck so weit wie möglich ausgeblendet habe. Sie habe sich einfach nichts anderes vorstellen können, als Schauspielerin zu werden.
Auf der Theaterbühne steht Stallard seit ihrer Kindheit in einem niedersächsischen Dorf. In ihrer allerersten Vorstellung war sie ein Teddybär in einem Weihnachtsmärchen. Später spielte sie im Jugendclub des Deutschen Schauspielhauses Hamburg. Und beteiligte sich, als Regiestudenten an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg Darstellende für ihre Studienprojekte suchten.
Inzwischen ist die dunkelhaarige Frau im zweiten Studienjahr an der Busch, wie die Berliner Hochschule für Schauspielkunst von ihren Fans ehrfürchtig genannt wird. Sie wurde 1905 von dem Theaterregisseur Max Reinhardt eröffnet und bietet heute insgesamt sechs Studiengänge an, darunter auch Choreographie und Puppenspielkunst. Schauspiel ist der beliebteste Studiengang. Ausgebildet wird vor allem fürs Theater. Doch die Busch hat jede Menge Stars hervorgebracht, die auch im Film brillieren, zum Beispiel Jan Josef Liefers, Nina Hoss, Lars Eidinger und Sandra Hüller.
Dann improvisieren sie
Ende Mai hat die Busch einen Tag der offenen Tür veranstaltet. Menschen um die zwanzig und auch einige eifrige Eltern sind gekommen, um Faltblätter über das Bewerbungsprocedere einzusammeln, um mit Studierenden und Lehrenden zu sprechen. Es gibt offenen Schauspielunterricht und Workshops.
Elsa Stallard hat an etwas teilgenommen, das sie „Rund-Impro“ nennt. Sie beschreibt es so: Zunächst legten die Teilnehmenden eine Hauptfigur fest – Alter, Beruf, Familiensituation. „Häufig ist die Hauptfigur in einer misslichen Lage“, sagt Stallard. Der Darsteller oder die Darstellerin dieser Figur wartet draußen, während die anderen Schauspieler weitere Figuren besetzen, die zu dem Setting passen. Dann improvisieren sie.
Heute ging es um einen jungen Mann, der kurz vor seiner Trauung feststellt, dass er doch eine andere Frau liebt als seine Braut. Stallard spielte seine Mutter. Als Darstellerin schätzt sie solche konfliktgeladenen Situationen. Sie mag es, sich in einen fremden Alltag hineinzudenken, zu erleben, wie ihre Interpretation auf das Publikum wirkt. Nach der „Rund-Impro“ antwortete sie auf Fragen von Besuchern. „Viele Interessenten wollten von mir wissen, wie sie einen Monolog für das Vorsprechen raussuchen können“, sagt sie, „und welche Erfahrungen ich mit dem Auswahlprozess gemacht habe.“

Im deutschsprachigen Raum gibt es rund 20 staatliche Hochschulen und noch dazu etliche private Schulen, an denen man Schauspiel studieren kann. Viele junge Menschen versuchen monate- oder sogar jahrelang, dort aufgenommen zu werden. Sie sprechen 20 oder sogar 30 Mal vor.
Vielerorts ist es üblich, dabei je einen Monolog aus einem klassischen und einem modernen Theaterstück vorzutragen, ein Gedicht aufzusagen und ein Lied zu singen. Bei der Busch dürfen Interessenten insgesamt zweimal vorsprechen. Dafür gibt es keine Altersgrenze, sagt Anna Luise Kiss, die Präsidentin der Hochschule: „Wirklich alle können vorsprechen und kriegen dafür ihre fünf Minuten.“
Alle bekämen auch ein persönliches Feedback. Ein Lehrkräfteteam sei viele Wochen lang damit beschäftigt, die geeigneten Bewerber auszusuchen. „Für diesen Prozess gibt es schon seit vielen Jahren verschiedene Richtlinien, die verhindern, dass eine Person allein die Entscheidungen trifft“, sagt Kiss.
Chancen und Schattenseiten der KI
Am Tag der offenen Tür wird auch viel über Künstliche Intelligenz gesprochen. Die KI ist gerade dabei, das Schauspiel drastisch zu verändern. Ob zum Positiven oder zum Negativen, darüber gibt es unter Künstlerinnen und Künstlern unterschiedliche Ansichten. Schon jetzt können sich Drehbuchautoren von der KI mit Anregungen versorgen lassen und sie für die Recherche nutzen. Es ist möglich, Avatare von verstorbenen Schauspielern zu erschaffen, was manche Zuschauer unterhaltend finden, andere gruselig.
Zu den Schattenseiten dieser Entwicklung gehören auch die Versuche von Netflix, mit deutschen Synchronsprechern Verträge abzuschließen, die vorsehen, dass die KI mit ihren unverwechselbaren Stimmen trainiert wird. Viele Sprecher verwahren sich dagegen, da sie langfristig um ihre Jobs fürchten. Der Verband Deutscher Sprecher:innen kämpft in ihrem Namen für faire Verträge.

Die Studentin Elsa Stallard sagt, dass sie sich „sehr an menschengemachten Künsten“ erfreue. Wenn die KI Arbeitsplätze von Künstlerinnen und Künstlern vernichte, lehne sie das ab. Hochschulpräsidentin Anna Luise Kiss versucht sich hingegen in kämpferischem Optimismus: „Das Theater ist eine kleptomanisch veranlagte, radikal vereinnahmende Kunst. Im besten Sinne. Sie hat schon immer technische Innovationen an ihre Brust gezogen, damit herumgespielt und experimentiert und geguckt: Was kann ich daraus machen?“
Allerdings sehe sie auch Nachteile, etwa die Gefahr, dass das Netz mit stereotypen Bildern geflutet werde, die zum Beispiel unrealistische Schönheitsideale reproduzierten. Wer die KI nutze, müsse sich außerdem damit auseinandersetzen, dass zu ihrem Betreiben viele natürliche Ressourcen verwendet würden.
Viele haben schon eine Menge Theatererfahrung
Unter den Besuchern am Tag der offenen Tür herrscht eine Mischung aus Neugier und Skepsis. „Kein Computer kann Emotionen so darstellen wie richtige Menschen“, sagt die 18 Jahre alte Maria. Sie möchte Schauspiel studieren. Wie viele, die sich an diesem Tag an der Busch umsehen, hat sie schon jede Menge Theaterluft geschnuppert. Mit drei Jahren wirkte sie in einem Musical mit und bekommt seit zwei Jahren Schauspielunterricht. Derzeit nimmt sie sogar Einzelstunden, um Monologe fürs Vorsprechen zu trainieren, berichtet sie.
Der gleichaltrige Julius möchte ebenfalls Schauspiel studieren. Derzeit arbeitet er als Regieassistent. „Theater ist eine uralte Kunstform“, sagt er. Die könne die KI nicht so leicht zerstören. Julius fände es allerdings in Ordnung, die KI einzusetzen, um Darsteller in gefährlichen Filmszenen zu doubeln. „Das spart auch Kosten“, sagt er.

Regiestudent Kaspar Wachinger moderiert an diesem Tag einen KI-Workshop, an dem Besucher, Studierende und Lehrende teilnehmen. Wachinger sprach schon mit acht Jahren Hörbücher, studierte dann aber doch erst einmal Physik. Doch sein Spieltrieb blieb wach. Als er an der Busch zugelassen wurde, verzichtete er dafür auf eine Promotionsstelle in der Physik.
Im Workshop sammelt er zunächst die Fragen der Teilnehmenden: Wie kann die KI die Kreativität beflügeln? Wie können Persönlichkeits- und Urheberrechte geschützt werden? Was ist mit den Menschen, die hinter den Kulissen schlecht bezahlte Arbeit leisten, damit die KI überhaupt funktioniert? Am Ende der Diskussion haben die Teilnehmenden kaum Antworten auf die eingangs gestellten Fragen gefunden, dafür aber jede Menge neue Fragen formuliert. Einig sind sie sich darin, dass sich Künstlerinnen und Künstler weiter an der Debatte über die Nutzung der KI beteiligen sollten.
Die KI für Mikrodramen nutzen
Szenenwechsel: Taç Romey ist Professor an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Er ist die treibende Kraft in der Einrichtung eines neuen Masterstudiengangs: Serial Storytelling: Created by AI & I. Den Zusatz „Created by AI & I“ will er so verstanden wissen, dass der Mensch das kreative Potential der KI ausschöpft und am Ende selbst Entscheidungen fällt.
Der Professor betont, dass der neue Studiengang einzigartig auf der Welt sei. Neun Bewerber, die ihn und andere Lehrende mit ihrem Erzähltalent überzeugt hätten, seien schon für den Herbst zugelassen worden. Der Professor sieht für sie nach dem Abschluss vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Sie könnten beispielsweise an Film- und Entertainment-Formaten mitwirken oder in Werbeagenturen tätig werden.
Taç Romey beschreibt unterschiedliche Wege, die KI zu nutzen. Gerade seien Mikrodramen beliebt, kurze Stücke, die sich um einen prägnanten Konflikt drehten. Künstlerinnen und Künstler könnten mittels KI ausprobieren, ob sich ihr Material überhaupt für diese Form eigne. Sie könnten verschiedene Versionen des Mikrodramas erproben. Die Bewerber für den neuen Studiengang hätten Filmideen entwickelt, „die wir normalerweise nicht finanziert bekommen oder die so experimentell sind, dass sie auf keinem Sender einen Platz finden würden“, sagt der Professor.

Romey betrachtet die KI als nützliches Werkzeug, ähnlich einem E-Bike, mit dem jemand einen steilen Berg erklimmt. Mit dem E-Bike könne dieser Mensch unterschiedliche Aufstiegswege ausprobieren, für die ihm der Aufwand sonst zu groß wäre. In einem Punkt sind sich Taç Romey und Anna Luise Kiss einig: Die KI eröffnet neue Wege, ein fertiges Produkt ans Publikum zu bringen.
Romey würde mit ihr erst einmal ausprobieren wollen, ob eine filmische Idee überhaupt Zukunft hat. Die Hochschulpräsidentin berichtet, dass sie über das Thema unlängst mit einer Produktionsfirma gesprochen habe, die da ebenfalls viel Potential sehe: Während Filme von eher unbekannten Künstlerinnen und Künstlern früher oft nur wenige Zuschauer erreichten, bestehe jetzt die Möglichkeit, sie international zu vermarkten. „Das ist ein Demokratisierungsmoment“, sagt Kiss. Sie betont auch, dass es nach Corona einen regelrechten Theaterboom gebe. Viele Menschen buchten Theatertickets, um auf der Bühne echte Darsteller zu erleben. Anna Luise Kiss sieht darin auch eine Reaktion auf die vielen Debatten über die KI.
Schauspielstudentin Elsa Stallard profitiert jedenfalls vom menschengemachten Feedback. Nach den Proben beschrieben sich die Studierenden gegenseitig, was sie auf der Bühne gesehen hätten – „möglichst wertfrei“. Diese Beobachtungen hälfen ihr, ihre Kunst weiter zu verfeinern, dabei Variationen kennenzulernen und diese auch zuzulassen. Schließlich gebe es nicht die eine richtige Spielweise. „Als ich mit sieben Jahren anfing zu spielen, geschah das mit kindlicher Naivität und aus einem natürlichen Spieltrieb heraus“, resümiert sie. „Hier an der Busch lerne ich, mir und meinen Impulsen zu vertrauen – und auch meinem Bedürfnis, auf der Bühne eine Welt zu erschaffen und sie mit anderen Menschen zu teilen. Und ihnen einen Denkanstoß zu geben.“
