München: Neues Strafjustizzentrum am Leonrodplatz eröffnet – das ist der neue „Prunkpalast“ – München


Eines ist jetzt schon sicher: Wer schon einmal einen Fuß ins alte Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße gesetzt hat, der weiß, dass das neue Gebäude am Leonrodplatz ein absoluter Gewinn ist. Hell, licht, großzügig, zumindest was das Foyer, den begrünten Lichthof im Inneren und das Interieur anbelangt. Am Montag wurde das größte Hochbauprojekt der Justiz in Bayern seiner Bestimmung übergeben. Vier Gerichte und zwei Staatsanwaltschaften werden hier Platz finden, die ersten Verhandlungen sollen aber erst Anfang Juli beginnen, zuvor muss Justitia samt 1300 Beschäftigten umziehen.

Offenheit, Sichtbarkeit – das sind Worte, die beim ersten Rundgang für die Medien immer wieder fallen. Der gläserne Palast soll Transparenz widerspiegeln, der Eingang an der Kreuzung Dachauer Straße und Schwere-Reiter-Straße besticht durch die Bibliothek im Obergeschoss, die man von außen bestaunen kann. „Das Gebäude soll sich zur Stadt hin öffnen“, sagt Susanna Mayerle vom Staatlichen Bauamt. Und, obwohl der Bau noch gar nicht in Betrieb genommen wurde, haben die Bürger schon den Vorplatz erobert: Etliche Bankreihen zwischen Blumenbeeten sind besetzt, Leute sonnen sich – und warten eventuell auf die nächste Trambahn.

Weiter geht’s auf den Gerichtsgängen, wo das Amtsgericht, die Landgerichte I und II sowie das Oberlandesgericht mit einem zentralen Sitzungssaalmanagement über 54 Gerichtssäle verfügen können. Im größten Sitzungssaal Bayerns mit 280 Quadratmetern wird auf einer Leinwand ein Drohnenflug durch und um das Gebäude herum gezeigt. Beamer, Visualizer, Mikrofonanlagen, Dolmetscherfunktion, öffentliches Wlan und Bildschirme für den Zugriff auf die E-Akten gehören zur Ausstattung.

Die Gefangenen hier werden durch sogenannte Schachteltreppenhäuser in die Sitzungssäle geführt, um einen Kontakt mit der Öffentlichkeit zu unterbinden. Auch die Richter haben ein eigenes Treppenhaus, was weniger für Transparenz spricht, ebenso die Tatsache, dass die meisten Gerichtssäle sehr klein sind und weniger Zuschauerplätze beinhalten.

Der größte Saal mit 280 Quadratmetern ist teilbar und hat darum mit Illertissen und Neu-Ulm zwei Namen.
Der größte Saal mit 280 Quadratmetern ist teilbar und hat darum mit Illertissen und Neu-Ulm zwei Namen. Florian Peljak
Der Eingangsbereich und das Treppenhaus am Leonrodplatz.
Der Eingangsbereich und das Treppenhaus am Leonrodplatz. Florian Peljak
Blick in den Innenhof.
Blick in den Innenhof. Florian Peljak

„So etwas in dieser Größe, das macht man nur einmal im Leben“, sagte Markus Frick von der ausführenden Architektengemeinschaft Plan2 im Vorfeld der Einweihung der SZ. Wenn er über sein „Riesenbaby“ spricht, gerät er ins Schwärmen: Man habe hier keine Trutzburg des Rechts geschaffen, sondern ein lichtes Haus mit offenem Foyer. Städtebaulich sei ein „prägnantes Gebäude mit moderner Fassade entstanden, das trotzdem auch würdevoll“ sei.

Der Entwurf von Plan2 habe es zudem fertiggebracht, die Baumassen auf zwei Drittel des Grundstücks zu verdichten. Dass man „so ein Monsterprojekt, bei dem so viele Menschen mit unterschiedlichen Interessen agieren, so hinbekommt, das ist schon eine große Leistung“, findet Frick. Noch dazu, da man mit zwei Mega-Ereignissen zu kämpfen hatte wie der Corona-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg, der Lieferengpässe etwa bei Stahl mit sich brachte. „Das hat sehr viel Kraft gekostet. Aber am Ende ist es gut geworden.“

Tatsächlich mussten sich die Bauherren mit etlichen Unwägbarkeiten auseinandersetzen. Eigentlich hatte man nach dem Spatenstich im Jahr 2015 den Einzug für 2020 geplant. Aber schon beim Aushub stieß man auf kontaminiertes Erdreich, einen Keller voller Waffen und Bomben aus beiden Weltkriegen. Es gab Klagen gegen Vergabeverfahren, Lieferengpässe, Schwarzarbeit, Corona, Putin. Am Ende schaffte es der Bau in das „Schwarzbuch“ vom Bund der Steuerzahler, zumal sich die anfängliche Grobkostenschätzung von 240 Millionen Euro für den Bau auf insgesamt 434 Millionen Euro am Ende hochgeschraubt hatte.

39 000 Quadratmeter Nutzfläche, „fast achtmal der Marienplatz“

„Vollendet das ewige Werk“, setzte denn Wagner-Fan und OLG-Präsident Hans-Joachim Heßler in seinem launigen Grußwort an, ehe er auf das „Schmuckstück von Justizgebäude“ zu sprechen kam. Ministerpräsident Markus Söder schwang sich sogar zu einem „echten Prunkpalast“ empor. Die fast 40 000 Quadratmeter Nutzfläche, „also fast achtmal der Marienplatz“, seien ein Signal für einen starken Rechtsstaat „und auch eine Wertschätzung für die, die in der Justiz arbeiten“, sagte Söder.

Passgenau, so Justizminister Georg Eisenreich, sei auch die Örtlichkeit des neuen Gebäudes: Denn Leopold von Leonrod hatte sich während seiner Amtszeit als Justizminister des Königreichs 1887 bis 1902 für Recht und Gesetz eingesetzt. Der Bau, sagte Eisenreich, solle auch einladend sein. Tatsächlich sind die meisten Gerichtsverhandlungen für die Öffentlichkeit zugänglich. Und auch im Neubau soll es eine Cafeteria für alle geben, ebenso eine Kantine. Wer dort essen will, muss sich allerdings via Körperscanner und Gepäckdurchleuchtung überprüfen lassen.

Gerichtslinden und andere symbolische Pflanzen

Das neue Strafjustizzentrum ist zudem barrierefrei, wie Bauminister Christian Bernreiter anführte, selbst die Bepflanzung folge einem ausgeklügelten Konzept mit Gerichtslinden und anderen symbolischen Pflanzen. Die Sicherheit sei bis ins Kleinste durchdacht, das Gebäude ökologisch und erreiche nahezu Passivhausstandard.

Nach den Sachumzügen mit Maschinen und Werkstätten sollen ab der zweiten Juniwoche auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die Dachauer Straße übersiedeln. Beginnen wird die Staatsanwaltschaft München II, die bis dato in der Arnulfstraße untergebracht ist, die Belegschaft an der Nymphenburger Straße muss in der letzten Juniwoche die Koffer packen.

Während dieser Woche wird der Sitzungsbetrieb pausieren, ausgenommen sind dringende Anhörungen oder absolut notwendige Hauptverhandlungen. Insgesamt sollen etwa 1500 Lkw-Ladungen und etwa 300 000 Umzugskartons transportiert werden. Und am 7. Juli dann wird der erste OLG-Prozess im neuen Gebäude stattfinden.



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