Menschliche Bewegung: Tendenz gegen Uhrzeigersinn – Wissen


Vielleicht steckt ja eine höhere Macht dahinter. Oder ein bisher unentdeckter Drang des Menschen zur Einseitigkeit. Wie sonst wäre es zu erklären, was Wissenschaftler aus Spanien und Japan in originellen Versuchsreihen entdeckt haben? In Kürze: Der Mensch hat einen gewaltigen Linksdrall. Wer sich umdreht oder ungezielt herumläuft, bewegt sich dabei fast immer entgegen dem Uhrzeigersinn, wie das Forscherteam im Fachmagazin Nature Communications zeigt.

Die Arbeitsgruppe um Iñaki Echeverría Huarte von der Universität Navarra in Pamplona stieß durch Zufall auf den Befund, erklärt der Physiker auf Anfrage. Während der Pandemie stellte sich das Team die praktische Frage, wie viele Menschen sich mit dem nötigen Sicherheitsabstand in einem Raum aufhalten können. Dabei beobachteten sie gleichsam nebenbei, dass sich fast alle Probanden ähnlich bewegten: „Stell dir eine Gruppe vor, die umhergeht – ohne Ziel, ohne Richtung, ohne Anweisung, nur freie Bewegung“, sagt Echeverría Huarte. „Und was passiert? Fast alle gehen irgendwann im Kreis und fast alle entgegen dem Uhrzeigersinn.“ Nicht wegen einer Regel, nicht aus Gewohnheit, sondern spontan und immer wieder.

Die Forscher waren zunächst irritiert, vermuteten aber, dass es daran liegen würde, dass die meisten Menschen Rechtshänder sind und in Spanien Rechtsverkehr herrscht. Zur Sicherheit testeten sie ihre Hypothese zusammen mit Forschern der Universität Tokio – in Japan herrscht Linksverkehr und es gibt andere soziale Normen als in Spanien. Zudem bilden sich in Spanien Schlangen bei Menschenansammlungen tendenziell eher auf der rechten Seite, in Japan häufiger links.

„Um ehrlich zu sein, wir verstehen es noch nicht ganz.“

„Es war wirklich beeindruckend“, sagt Echeverría Huarte. „Die Bewegung gegen den Uhrzeigersinn zeigte sich, egal ob jemand Rechts- oder Linkshänder ist, der rechte oder der linke Fuß stärker ist und egal woher man kommt.“ In Japan fielen die Experimente ganz ähnlich aus wie in Spanien. Und zwar im Kindergarten, auf dem Schulhof und in der Universität, bei Mädchen wie bei Jungen. „Wir waren von unseren eigenen Ergebnissen überrascht und davon, wie konsistent sie blieben“, so der spanische Physiker.

Und was könnte die Erklärung für die Linksbewegung sein? „Um ehrlich zu sein, wir verstehen es noch nicht ganz“, sagt Echeverría Huarte. „Asymmetrien im Gleichgewichtsorgan oder in der Verarbeitung der räumlichen Wahrnehmung sind mögliche Kandidaten, aber das ist nicht bewiesen.“ Doch was immer der Grund sei, bei dem einseitigen Bewegungsdrang handele es sich um individuelle Tendenzen und nicht um kulturelle Normen oder gesellschaftliche Konventionen, ist sich der Forscher sicher.

An der unterschiedlichen Sehschärfe der Augen liege es auch nicht, ergänzt Claudio Feliciani, der die Experimente in Japan leitete. Übrigens würden Laufwettbewerbe im Stadion ebenfalls entgegen dem Uhrzeigersinn stattfinden – „aber das ist Anlass für weitere Studien“, so der Forscher. Bis dahin könnten Stadtplaner und Architekten schon mal umdenken, denn die Massen haben den Dreh raus. In Flughäfen, Bahnhöfen, Museen und Einkaufszentren bewegen sie sich intuitiv: im Zweifel links.



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