Dissident verurteilt blutige Niederschlagung 1989


Wuer Kaixi hat in den letzten 37 Jahren an Gewicht zugenommen. Sein ergrautes Haar fällt ihm nicht mehr so über die Augen, wie er es 1989 als Student an der Pädagogischen Universität Peking gerne trug.

Doch manche Dinge haben sich nicht geändert.

Er war das prominenteste Gesicht der chinesischen Studentenbewegung 1989. Er stand in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens, als die Panzer in die Stadtmitte rollten und die Soldaten auf unbewaffnete Demonstranten schossen. Offizielle Statistik über die Todesopfer gibt es nicht. Schätzungsweise kamen bis zu 3000 Menschen ums Leben.

China vor 35. Jahrestag Massaker von Tian'anmen | Wu'er Kaixi
(Archiv) Wuer Kaixi 2024 Bild: dpa

Wuer Kaixi, ein gebürtiger Uigure, stand auf Platz 2 der chinesischen Fahndungsliste. Er konnte mit Hilfe von Aktivisten aus Hongkong und seinem Vater, der Offizier der chinesischen Luftwaffe war, China illegal verlassen. Über Hongkong, Frankreich und USA ließ er sich später in Taiwan nieder.

Heute, 37 Jahre später, darf er nicht in die Volksrepublik China reisen. Ihm drohen die Verhaftung und hohe Gefängnisstrafe. Doch er schweigt nicht. Er äußert sich nach wie vor ebenso unverblümt über die chinesische Regierung.

„Was ich der Welt zu vermitteln versuche, ist die einfache Tatsache, dass die chinesische Regierung nicht nur eine Bedrohung für friedliche Dissidenten in China, sondern auch eine direkte Bedrohung für die gesamte Zivilisation der Menschheit ist“, sagt der 57-Jährige auf einer Veranstaltung in Tokio am Mittwoch (3.6.26).

Archivbild I China I Tiananmen I Studentenproteste 1989
Bewaffnete Polizisten in der Nähe des Tiananmen-Platzes nach Verhängung des Kriegsrechts im Mai 1989Bild: Catherine Henriette/dpa/picture alliance

Zu lange hätten Länder weggeguckt, wenn Peking im Lande andere Meinungen und Kritik unterdrücke, auch ethnische Minderheiten wie Tibeter und Uiguren. Sie hätten gehofft, China durch Engagement dazu zu bewegen, ein verantwortungsbewusstes Mitglied der Weltgemeinschaft zu werden.

Einige Länder hatten Handels- und Wirtschaft über Menschenrechte gestellt, doch sie scheinen ihren Fehler erkannt zu haben.

China Peking 1989 | Tank Man blockiert Panzerkolonne auf dem Boulevard Changan
(Archiv) Ein Mann verhindert die Weiterfahrt der Tanks in Peking am 5. Juni 1989Bild: Jeff Widener/AP Photo/picture alliance

Streben nach Demokratie

„China durfte 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beitreten und man hoffte, dass dies zu einer Zivilgesellschaft führen würde, aus der schließlich Demokratie hervorgehen würde“, so Wuer Kaixi. Das sei zwar noch nicht geschehen.

„Japan, die USA und alle anderen Länder scheinen China missverstanden zu haben“, sagt der ehemalige Studentenanführer im DW-Interview. „Sie glauben, China werde von Ideologie, Nationalismus oder Kommunismus geleitet, aber das ist falsch. Die Kommunistische Partei Chinas ist eine kriminelle Vereinigung, die von Profitgier getrieben wird.“

China Flashgalerie Peking Tiananmen Jahrestag 30 Mai 1989 Göttin der Demokratie
Göttin der Freiheit auf dem Tiananmen-Platz 1989Bild: AP

Aber zumindest gehe US-Präsident Donald Trump die Situation aus einer anderen Perspektive an, nämlich aus der eines Geschäftsmannes, der bereit sei, Druck auszuüben. Die Realität in China sei, dass die chinesische Führung von „Wiedererstarken der chinesischen Nation“ und von der „friedlichen Wiedervereinigung mit Taiwan“ spreche, bei der Peking nicht auf Gewalt verzichten wolle. Die Öffentlichkeit sei für die Ziele der Partei mit Propaganda gefüttert worden.

„Das Wiedererstarken Chinas ist der Führung egal. Alles, was sie interessiert, ist, ihrem Bankguthaben hinten eine weitere Null hinzuzufügen“, sagt Wuer Kaixi. „Sie sind nichts als gewöhnliche Langfinger.“

Warnung vor Handel mit China

Andere Regierungen, auch die deutsche Bundesregierung, warnt er vor Investitionen, die zwar wie reguläre Geschäftsvorgänge aussähen, aber nur ein einziges wahres Ziel verfolgten: die chinesische Führung zu bereichern und zu stärken.

Das berühmte ‚Tank Man‘-Foto

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Als Beispiel nennt er die Minderheitsbeteiligung des chinesischen Staatsunternehmens COSCO von 24,99 Prozent am Containerterminal Tollerort am Hamburger Hafen. Weitere Logistikunternehmen aus China betreiben Distributionszentren in der Hafenstadt und schaffen die Güterverbindungen im Rahmen der weltumspannenden Seidenstraßeninitiative. Deutschland werde sich schnell bewusst werden, welche Herausforderungen die Aktivitäten chinesischer Unternehmen mit sich bringen, sagt Wuer Kaixi.

Der Rückblick

Die Studentendemonstration 1989 formte sich im April nach dem Tod des reformfreudigen KP-Generalsekretärs Hu Yaobao. Aus der Trauerbewegung wurde landesweit eine Aktion für mehr Liberalisierung und Demokratie. Tausende Studierende hatten den Platz des Himmlischen Friedens belagert und dort eine Freiheitsstatue wie die in New York aufgestellt, als Symbol ihrer politischen Forderungen nach Reform in der Partei.

Archivbild I China I Tiananmen I Studentenproteste 1989
(Archiv) Ein Panzer in Peking wurde in Brand gesteckt Bild: AFP/picture alliance

Wuer Kaixi war damals im zweiten Semester nach seinem Kollegjahr zuvor in Peking. Als die Studentenbewegung einen Anführer suchte, trat Wuer Kaixi in den Vordergrund. Ihm gelang es durch einen Aufruf zu einem Hungerstreik, den damaligen KP-Generalsekretär Zhao Ziyang zu einem direkten Gespräch mit Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu bewegen. Mit Zhao Ziyang kam auch der spätere Ministerpräsident Wen Jiabao dorthin.

China Flashgalerie Peking Tiananmen Jahrestag 19 Mai 1989 Zhao Ziyang spricht zu den Studenten
Am 19. Mai 1989 sprach Zhao Ziyang über Megafon zu den Studenten im Hungerstreik. Links hinter him stand Wen JiabaoBild: AP

Doch das Regime änderte schnell seine Meinung. Statt Verhandlungen wurden Waffen eingesetzt. Die Niederschlagung kam plötzlich: Tausende Soldaten stürmten mit Panzern und gepanzerten Mannschaftstransportwagen den Platz des Himmlischen Friedens und feuerten mit scharfer Munition. Tausende Demonstrierende, aber auch Sicherheitskräfte, kamen ums Leben.

Heute sei China ein „Tyrann“, dem sich der Rest der Welt entgegenstellen müsse, sagt der Ex-Studentenanführer. Sich nicht gegen die Politik des Regimes zu wehren, das politischen Druck auf andere Regierungen ausübe und schwächeren Nachbarn Gebiete abnehme, würde Peking nur ermutigen, mehr zu fordern.

Archivbild I China I Tiananmen I Studentenproteste 1989
(Archiv) Das Foto vom 4.6.1989 zeigt das Szenario nach dem blutigen Zusammenstoß auf dem Tiananmen-PlatzBild: Catherine Henriette/dpa/picture alliance

Hoher persönlicher Preis

Seine laute Kritik an China habe einen hohen Preis, sagt er. Er habe mehrfach versucht, nach China zurückzukehren und sich zu stellen. Er wolle verhaftet werden und sich vor Gericht zu den Vorwürfen der Regierung äußern. Doch er scheiterte an der Grenzkontrolle. Er hätte seine Eltern gerne noch einmal persönlich getroffen, selbst wenn es nur durch ein Gefängnisfenster gewesen wäre.

Exil ist geistige Folter

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„Mein Plan für eine Rückkehr nach China hat sich nie geändert“, sagt er. „Im Exil zu leben ist eine seelische und geistige Qual. Ich lebe nun schon seit 37 Jahren im Ausland. Und egal, wie gut ich mich darauf vorbereitet hatte, ich war dennoch nicht genug vorbereitet, als ich letztes Jahr den Anruf erhielt, dass mein Vater verstorben war.“

Wuer Kaxis Eltern war von den chinesischen Behörden die Ausreise verweigert worden. „Jeden Tag wünsche ich mir, in dieses Land zurückkehren und meine Eltern umarmen zu können“, sagt er. „Jetzt kann ich meinen Vater nie wieder umarmen, aber ich hoffe, dass ich eines Tages meine Mutter umarmen kann.“

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan



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