Nach Ölpreis-Schock: Warum die Zinswende „unvermeidlich“ ist
Analyse
Zum ersten Mal seit rund drei Jahren dürfte die EZB die Leitzinsen anheben. Der EZB-Rat hält ein Handeln für zwingend notwendig. Während sich Sparer freuen, werden Kredite deutlich teurer.
Für das Ambiente ihrer Kantine im Frankfurter Eurotower könnte man die Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank (EZB) beneiden. Das in der alten Markthalle, die Teil des EZB-Gebäudes ist, integrierte Restaurant zeichnet sich durch klare Linien, viel Glas und modernes Design aus. Von den Tischen blickt man auf das Südufer des Mains.
Die Mahlzeiten kommen von einem US-amerikanischen Groß-Caterer, der auch viele Unternehmen mit seinem Einheitsessen beliefert. Als die Firma vor einiger Zeit am Olivenöl sparte, hageltes es bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der EZB massiven Protest. Vor allem viele Beschäftigte aus den südlichen Mitgliedsländern liefen Sturm gegen die Sparmaßnahmen. Die Wellen schlugen so hoch, dass der Kantinenbetreiber schließlich nachgab und jetzt wieder ordentliches Öl auf die Tische stellt.
Digitaler Euro wird in der Kantine getestet
Die EZB-Kantine wird im kommenden Jahr erneut zum Versuchslabor für ein ungleich bedeutenderes Projekt. Denn die Zentralbank will dann eine Beta-Version ihres digitalen Euro zunächst im eigenen Haus testen – mit den Mitarbeitenden sowohl in der EZB-Kantine sowie auch in anderen gastronomischen Einrichtungen der Notenbank, etwa im Café und Bistro im Erdgeschoss. Auch die Kantinen der Außenstelle in der Frankfurter Innenstadt und der 21 nationalen Zentralbanken des Eurosystems sowie einige auserwählte Geschäftsbanken und Einzelhändler sollen an der Probephase teilnehmen.
Mit dem Stresstest zwischen Salatbar und Kaffeemaschine will das Eurosystem den digitalen Euro erst einmal in einem geschützten Raum unter realen Bedingungen testen und ausprobieren. Wenn etwas nicht funktioniert oder schiefläuft, hat man kurze Wege und das Problem gelangt nicht gleich an die Öffentlichkeit. Der digitale Euro, bei dem es noch einige rechtliche Hürden zu nehmen gibt, soll 2029 an den Start gehen: Dann soll jeder der rund 350 Millionen Bürgerinnen und Bürger der Eurozone Zugang zu einer digitalen Briefbörse bekommen. Durch sie soll die digitale Version des Euro künftig wandern – als gesetzliches vollwertiges Zahlungsmittel.
Sorgen wegen der Inflation
Spätestens bis dahin will die EZB auch die gegenwärtige Entwertung des Geldes wieder in den Griff bekommen haben. Tatsächlich macht den Währungshütern die kräftig angezogene Inflationsrate in der Eurozone große Sorgen. Anfang des Jahres lag der Wert mit 1,7 Prozent noch unter der angepeilten Zwei Prozent-Marke. Doch seit März liegt er deutlich darüber, steht jetzt bei 3,2 Prozent und geht in den kommenden Monaten stramm auf die vier Prozent zu – so die Erwartung vieler Beobachter.
Ursache ist der Angriff der USA und Israels auf Iran und die Schließung der Straße von Hormus. Seitdem explodieren die Ölpreise und verteuern damit auch andere Waren und Dienstleistungen. Für Produktion und Bereitstellung brauchen alle Branchen Energie. Und einige besonders viel. Seit Wochen warnen die Währungshüter deshalb vor einem neuen Inflationsschub. EZB-Direktoriums-Mitglied Isabel Schnabel beschrieb die Lage an den Ölmärkten kürzlich als außergewöhnlich: „Gemessen an historischen Standards ist dieser Schock sehr groß.“ Er sei auch größer als auf der vergangenen Ratssitzung erwartet.
Zwar ist die Ausgangslage eine andere als 2021/22, als die Inflationsrate infolge von Corona zweistellige Werte annahm, was die Bevölkerung schockierte. Doch das damalige Versagen der Währungshüter, die Dynamik der Inflation zu unterschätzen und nicht rechtzeitig genug gegenzusteuern, steckt der Institution bis heute tief in den Knochen. Einen solchen Fehler wollen die Währungshüter auf keinen Fall noch einmal begehen. Aus diesem Grund wird der EZB-Rat diese Woche mit nahezu 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit die Leitzinsen anheben. Der richtungsweisende Zinssatz für Einlagen dürfte dann von 2,0 auf 2,25 Prozent steigen.
Erster Zinsschritt seit drei Jahren
Es wäre die erste Zinsveränderung seit einem Jahr und die erste Zinserhöhung seit rund drei Jahren. Damit würde die seit langem erwartete und angekündigte Zinswende tatsächlich vollzogen. Zahlreiche EZB-Ratsmitglieder sprachen sich im Vorfeld direkt oder indirekt für eine Zinserhöhung aus. Am deutlichsten brachte es Peter Kažimír, Chef der slowakischen Notenbank, auf den Punkt: Eine Zinserhöhung im Juni sei „so gut wie unvermeidlich.“ Selten gab es im EZB-Rat in dieser Frage eine so einhellige Meinung wie im Moment. In dem Gremium ringen die sogenannten „Falken“ – die Hardliner mit straffer Geldpolitik – und die „Tauben“ – die Vertreter einer eher lockeren Linie – ständig miteinander um den richtigen Kurs und zerstreiten sich dabei auch manchmal. Doch dieses Mal sind sie sich einig, dass die EZB jetzt handeln muss.
Schließlich hat die Notenbank der Bevölkerung eine stabile Währung versprochen. Ihre Reputation würde stark leiden, wenn sie jetzt nicht aktiv wird. EZB-Präsidentin Christine Lagarde machte daher deutlich, man werde angemessen und entschlossen handeln: „Die Glaubwürdigkeit der EZB steht an oberster Stelle.“ Tatsächlich ist die Zinspolitik das schärfste Schwert der EZB. Allerdings ist auch klar, dass man damit den externen Schock des hohen Ölpreises kaum eindämmen kann. „Bei der Entscheidung diese Woche geht es deshalb vor allem um Symbolpolitik“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Bank – also zu zeigen, dass auf die Währungshüter Verlass ist.
Wie stark steigen die Preise noch?
Mit Spannung warten Finanzmärkte und Beobachter auch auf die neueste Inflationsprognose der EZB, die ebenfalls veröffentlicht wird. Es wird mit einer deutlichen Korrektur nach oben gerechnet. Einige Volkswirte gehen davon aus, dass die Währungshüter die Zinsen dieses Jahr deshalb bis zu dreimal anheben werden – bis auf 2,75 Prozent beim Einlagenzinssatz.
Dieses insgesamt dennoch vorsichtige Vorgehen erklärt sich mit der Sorge der EZB, die angeschlagene Konjunktur nicht noch weiter abzuwürgen. Die europäische Wirtschaft braucht dringend neue Ideen und Investitionen. Doch die Unternehmen, die ohnehin schon genug Probleme mit steigenden Energiekosten, hohen US-Zöllen, geopolitischer Unsicherheit, heftiger Konkurrenz aus China und maroder Infrastruktur haben, investieren nicht, wenn die Zinsen zu hoch sind. Auf der anderen Seite ist das Zinsniveau derzeit auch nicht der entscheidende Faktor sagt Carsten Mumm, Chefvolkswirt der Privatbank Donner & Reuschel: „Es gibt eine Reihe von Herausforderungen, die viel größer sind, so dass da ein kleiner Zinsschritt oder auch zwei kleine Zinsschritte keinen großen Unterschied machen.“
Folgen für Verbraucher
Für Verbraucherinnen und Verbraucher zeichnen sich die Auswirkungen der anstehenden Zinsentscheidungen schon seit einigen Wochen ab. Für Sparer etwa wird es deutlich attraktiver, Geld ohne großes Risiko anzulegen. Der Zinssatz, den Banken für Festgelder mit kurzen Laufzeiten anbieten, liegt bei rund 3,5 Prozent oder mehr. Auf der anderen Seite sind aber auch die Zinsen für Ratenkredite deutlich gestiegen. Im Durchschnitt liegen sie bei rund 7 Prozent. Auch die ohnehin schon hohen Bauzinsen ziehen weiter an: Der durchschnittliche Zinssatz mit zehnjähriger Bindung schwankt um 4 Prozent.
Während also alles teurer wird, können zumindest die EZB-Mitarbeitenden aufatmen, wenn sie in der hauseigenen Kantine essen gehen. Wegen guter Ernte und wieder gestiegener Lieferungen aus der Ukraine ist der Preis für Olivenöl gesunken. Eine neue Protestwelle wegen der Qualität des Speiseöls wird damit wohl eher unwahrscheinlich.

