Inklusionsprojekt: Musizieren nur mit Hilfe von Gedanken
In der inklusiven Band Saar nutzen die körperlich beeinträchtigten Mitglieder Tablets, um zu musizieren. Und seit Kurzem auch Hirnströme. Der Informatiker hinter der Idee hat große Pläne.
„Simply the Best“ von Tina Turner erklingt aus den Lautsprecherboxen in einer Saarbrücker Turnhalle. Die Band, die live spielt, benutzt aber keine Instrumente. Gitarre, Bass und Keyboard spielen sie mit Tablet-Computern, die auf kleinen Tischen an ihren Rollstühlen liegen. Junge Menschen mit komplexen Behinderungen machen hier gemeinsam Musik. Sie begleiten eine Preisverleihung im Rahmen der Special Olympics, die im Saarland vom 15. Juni an stattfinden.
Nicht alle der jungen Musiker können Hände oder Finger bewegen. Um auch ihnen die Möglichkeit zu geben, mitzuspielen, hat der Informatiker Jonas Becker eine Software entwickelt, die Töne allein durch Gedanken erzeugen soll.
Abschlussarbeit als Initialzündung
Einige Tage nach der Aufführung in der Turnhalle ist Becker im Proberaum der iBand-Saar – das „i“ steht für inklusiv – an einer Förderschule in Homburg zu Gast. Er testet seine Erfindung mit Bandmitglied Ferdinand Bedau. Bedau ist schwerst mehrfachbehindert. Bewegen kann er nur seinen Kopf, an den Becker ein Gerät anlegt, das Hirnströme misst. Es ist eine Art Kopfhörer ohne Ohrenmuscheln.
Informatiker Jonas Becker legt iBand-Mitglied Ferdinand sein Instrument an. Das Gerät wandelt Hirnströme in Musik.
„Ich habe mich als Abschlussarbeit an der Berufsschule mit Hirnstrommessung beschäftigt“, sagt Becker. „Dann kam mir die Idee, dass ich ein Programm entwickeln könnte, das es ermöglicht, mit Hilfe von Gedanken zu kommunizieren.“
Da Becker selbst Musik macht, brachte einer seiner Lehrer ihn mit der iBand in Kontakt, die ihre Wurzeln als Projekt vor einigen Jahren an derselben Berufsschule hatte. 2014 zog die Band als AG an die Förderschule um, wo sie seitdem einmal pro Woche probt und regelmäßig Konzerte gibt.
200 Mal an Benjamin Blümchen denken
Auf dem derzeitigen Entwicklungsstand kann das von Jonas Becker entwickelte Programm zwischen zwei Zuständen unterscheiden. Becker zeigt auf den Bildschirm seines Laptops, als das Gerät fertig verkabelt und angeschlossen ist: „Der grüne Balken steht für ja, der rote Balken für nein“, erklärt er. „Diese beiden Zustände kann das Programm erkennen, je nachdem, woran der Proband denkt.“
Damit das technisch sauber funktioniert, muss Becker Patient und Programm aufeinander abstimmen. Rund 200 Mal muss Ferdinand Bedau dazu an etwas Bestimmtes denken. In seinem Fall nicht an „ja oder nein“, sondern an den Drachen Kokosnuss oder Benjamin Blümchen. „Das ist für ihn viel einfacher, weil es nicht so abstrakt ist“, erklärt Becker.
Die neue Technologie soll in Zukunft noch viel mehr ermöglichen. Im ersten Schritt geht es darum, ob Ferdinand Bedau überhaupt auf diese Art mit der Band mitspielen kann. Bis jetzt hatte er ein vom Bandleiter Patrick Schäfer entwickeltes Spezialinstrument genutzt. Eine neongelbe Plastikstange, in der Elektroden verlaufen, war an seinem Rollstuhl befestigt. Berührte Bedau sie mit seinem Mund, erklang ein Akkord, den Bandleiter Patrick Schäfer festlegte.
Eine Technologie, die vielen Menschen helfen soll
Die neue Technologie soll es Menschen wie Ferdinand ermöglichen, irgendwann komplexere Stücke mitzuspielen. „Die Idee kam mir im Gespräch mit Mitschülern“, sagt Informatiker Becker. Er habe sich gefragt, ob man Menschen, die kaum oder nicht kommunizieren können, mit einer neuen Methode helfen könne. „Kommunikation ist wichtig, das sehe ich jeden Tag in meiner WG, in der Menschen aus unterschiedlichen Ländern leben“, sagt Becker. Weil er selbst seit vielen Jahren Hobbymusiker ist, kam ihm die Idee, sein Projekt zunächst dafür zu verwenden.
Solo mit Hirnstrommesser
Das Programm und iBand-Musiker Ferdinand Bedau sind inzwischen aufeinander abgestimmt. Jetzt geht es darum, ob die Technik so funktioniert, wie Becker es sich vorgestellt hat. Die Anspannung ist in den Momenten vor dem ersten Praxistest spürbar. „Das ist erst mal ein spielerischer Versuch. Hinter der Entwicklung steckt aber großes Potenzial“, ist sich Becker sicher.
Bandleiter Schäfer schaltet die Tablets der Musiker an: Gitarre, Keyboard, Bass. Die Tablets sind über Funk mit einer Musikanlage verbunden. Bedau bekommt sein Instrument heute nicht. Er trägt den Hirnstrommesser und soll auf Kommando an Benjamin Blümchen oder den Drachen Kokosnuss denken. Der Test beginnt.
Die iBand spielt den nächsten Song von Tina Turner. Ferdinand Bedaus Aufgabe ist ein vom Computer eingespieltes Solo, das an einer bestimmten Stelle im Song erklingen soll. „Jetzt, Ferdi“, sagt Schäfer und fordert den Schüler auf, an die ausgemachten Bilder zu denken. Und tatsächlich: Zum Song erklingt das Solo.
Open-Source-Software geplant
Bedaus Gesicht zieht sich dabei zusammen. Fast, als würde er eine anstrengende Sportübung absolvieren. Immer wieder lächelt er dazwischen ausgelassen. Ob er wirklich an den Drachen Kokosnuss oder Benjamin Blümchen gedacht hat? „Ja“, sagt er. „Allerdings kann es auch sein, dass die Software nicht nur auf konkrete Gedanken reagiert, sondern auch auf Ferdis Freude an der Musik“, bremst Becker ein wenig. Hinter der Stirn befinde sich das Gehirnareal für kreatives und logisches Denken. „Positive Emotionen könnten deshalb ebenfalls Einfluss auf die gemessenen Signale haben.“
Dennoch: Der Test ist geglückt, das Experiment funktioniert. Auf welche Weise auch immer: Bedau hat mit seinen Gedanken Musik gemacht. Langfristig will Becker seine Entwicklung als Open-Source-Software kostenlos zur Verfügung stellen. Mit weiterer Arbeit und Konditionierung soll die Software irgendwann so weit sein, dass sie nicht nur einzelne Töne ermöglicht, sondern ganze Akkordfolgen allein durch Gedanken erklingen können. Schöne Zukunftsmusik.
