Die F.A.Z.-Serie „Amerika, wie es im Buche steht“


Am 4. Juli feiern die Vereinigten Staaten ihren 250. Geburtstag. Als Gründungsdatum gilt die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung durch die in Philadelphia zum Kontinentalkongress versammelten Delegierten aus dreizehn britischen Kolonien, die sich vom Mutterland lossagten, weil sie ihre Interessen nicht ausreichend repräsentiert sahen. Am Beginn der Geschichte der ältesten noch existierenden Republik der Welt steht also ein Text. Und kein stilistisch schlechter, denn der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson, war ein Meister der literarischen Rhetorik.

Schon der Auftakt: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich erschaffen und dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, die Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit umfassen.“ Die Formulierung hallt in der Weltgeschichte nach: als Gründungsmanifest des modernen Verständnisses von Demokratie. Wenn es dann am Ende heißt: „Wir verkündigen hiermit feierlich im Namen und mit der Kraft der braven Leute dieser Kolonien, dass die Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und von Rechts wegen sein sollen“, dann war der britischen Monarchie der Fehdehandschuh hingeworfen. Sieben Jahre später war der schon seit 1775 ausgefochtene Unabhängigkeitskrieg gewonnen, und die USA wurden international anerkannt.

Amerikanisches Selbstverständnis ist eng verbunden mit Druckwerken

Eine wichtige Waffe in diesem Krieg war das gedruckte Wort: Die Erklärung vom 4. Juli 1776 wurde sofort publizistisch verbreitet und dafür in mehrere Sprachen übersetzt. Thomas Paine hatte mit seiner dezidiert an die „Einwohner Amerikas“ adressierten Streitschrift „Common Sense“ schon vorher im US-Gründungsjahr eine Begeisterung geschürt, die überhaupt erst ermöglichte, dass der Kontinentalkongress den Mut zum expliziten Bruch fand. Seitdem sind die amerikanische Geschichte sowie das Selbstverständnis der US-Bürger eng mit Druckwerken verbunden – gerade auch im Bemühen, gegen die europäische Tradition eine eigene Literatur zu setzen, deren Themen und Sprache dezidiert amerikanisch sein sollen. Das zeigt sich etwa in „Webster’s Dictionary“ von 1806. Dieses Wörterbuch legte den Grundstein zu einem Englisch, das sich signifikant von dem in Europa geschriebenen unterschied.

Ein großer Dichter Amerikas: Walt Whitman (1819 bis 1892)
Ein großer Dichter Amerikas: Walt Whitman (1819 bis 1892)Mary Evans Picture Library/Picture Alliance

Aber die USA spiegelten sich auch in den Werken ihrer großen Dichterinnen und Dichter wie Irving, Poe, Hawthorne, Melville, Dickinson oder Whitman, um nur die Bekanntesten des neunzehnten Jahrhunderts zu nennen. Diese Autoren aber schufen Weltliteratur, die weit mehr Menschen bewegte als nur Amerikaner. Heute gibt es keine einflussreichere Literaturnation als das Herkunftsland von Gertrude Stein, Ezra Pound, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner oder Carson McCullers, um Autoren aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu nennen und aus der zweiten Arthur Miller, J. D. Salinger, Philip Roth, Thomas Pynchon oder Toni Morrison.

Werke von ihnen und noch viel mehr, bis hin zu ganz aktuellen Romanen von Joshua Cohen, Yaa Gyasi und Percival Everett, werden Gegenstand der Feuilletonserie „Amerika, wie es im Buche steht“ sein, die wir heute beginnen. Los geht es natürlich mit Paines „Common Sense“. Von hier an werden wir Tag für Tag fortschreiten: immer jeweils ins nächste Jahrfünft amerikanischer Geschichte, bis die Gegenwart erreicht wird. Anhand dieser fünfzig Folgen erzählen wir, wie die USA wurden, was sie sind.

Typisch amerikanisch: Die Überwindung des scheinbar Festgelegten

Die Serie ist indes auch eine alternative Geschichtsschreibung mittels jener Geschichten, die die Amerikaner fasziniert haben. Wir werden den ersten Büchern schwarzer Autoren begegnen und denen freiwilliger Einwanderergruppen: Sie alle haben durch ihre kulturellen Hintergründe erst das Spezifikum der US-Literatur ermöglicht, das wie beim Abfassen der Unabhängigkeitserklärung in der Überwindung des scheinbar Festgelegten liegt. Natürlich dürften durch die Beschränkung auf fünfzig exemplarische Bücher aus jeweils einem Jahrfünft viele wichtige Titel vermisst werden. Dafür wird auch in Deutschland weitgehend Unbekanntes vertreten sein.

Nicht zuletzt ist diese Serie auch alternative Gratulation – und ein Phantasma. In den Meisterwerken der Literatur zeigt sich das Ideal eines Amerikas, zu dem die aktuelle US-Regierung nicht viel beizutragen hat: lebendig, frei und glücklich (um die Ansprüche der Unabhängigkeitserklärung aufzunehmen). „Amerika, wie es im Buche steht“ erinnert an das, was wir alle von den Vereinigten Staaten erhoffen. Aber derzeit nur von ihrer Literatur bekommen: Weltzugewandtheit.



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