Dressur-DM: Isabell Werth siegt vor sich selbst
Ihren „Signature-Move“, den zum Himmel erhobenen Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger, packt Isabell Werth eigentlich immer dann aus, wenn eine Prüfung außergewöhnlich gut gelaufen ist. Am Sonntag beließ sie es dabei, den Hals des Hengstes Viva Gold zu klopfen und anschließend ins Publikum zu winken. Ein Fingerzeig von Isabell Werth war diese Deutsche Meisterschaft aber so oder so – nicht nur in Richtung der Weltmeisterschaft, die im August in Aachen stattfindet, sondern weit darüber hinaus.
Ihre nationalen Titel Nummer 19 und 20 machte ihr im Sauerland niemand streitig. Den Grand Prix Special gewann sie am Samstag mit ihrer Olympia-Stute Wendy (81,51 Prozent) und vier Punkten Vorsprung – auf sich selbst, denn auch das zweitbeste Ergebnis der Prüfung erzielte die deutsche Rekordmeisterin, diesmal mit dem jungen Viva Gold (77,823). Er war auch einen Tag später ihr Partner beim Sieg in der Kür zur Musik (83,65).

Bei der Nominierung des WM-Teams wird auch in diesem Sommer kein Weg an Isabell Werth vorbeiführen. Und dass sie die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Los Angeles zwei Jahre später noch einmal angehen will, steht ebenso fest. Dann ist sie 59 Jahre alt. Solange sie sich gut und wettkampffähig fühle, sagte sie im vergangenen Winter, werde sie weiterreiten.
Pferde wie Wendy und Viva Gold machen das möglich. Aber auch Werths Bereitschaft, von jedem Pferd selbst etwas zu lernen. Eigentlich sind Werth und Wendy, diese elegante schwarze Stute, spätestens seit den Olympischen Spielen von Paris ein eingespieltes Duo. Dort, vor dem Schloss von Versailles, gewannen sie Team-Gold und Einzel-Silber. Trotzdem war eine Schwäche zuletzt nicht zu übersehen: „Es ist kein Geheimnis, dass ich ständig Wechselfehler hatte“, sagte die Reiterin am Samstag.
Bei den fliegenden Galoppwechseln, dieser schwierigen und hoch bewerteten Dressurlektion, wollen die Wertungsrichter ein entspannt und frisch nach vorn springendes Pferd sehen. Wendy aber verlor dabei oft den Takt. „Die Wechsel“, erklärte Werth den Grund dafür, „waren immer wieder mit Spannung und Verkrampftheit versehen.“
Loslassen statt festhalten
Doch wie sagt man einem Pferd, es solle sich doch mal locker machen? Den Schlüssel fand Isabell Werth letztlich im Training: „Mehr Kontrolle hat nicht zum Erfolg geführt, also habe ich versucht, etwas davon abzugeben. Das ist eigentlich entgegen meiner Mentalität.“ Sie, die bekannt ist für ihre gnadenlose Präzision im Dressurviereck, übte fortan die Wechsel mit nur noch einer Hand am Zügel und nutzte die freie, um Wendys Hals zu klopfen. So gab sie der Stute zu verstehen, dass sie ihre Aufgabe richtig machte. „Die Pferde haben mir zeit meines Lebens viel beigebracht“, sagt Werth, „und nun ist es das: mehr Leichtigkeit zu bekommen. Je leichter es aussieht, desto schöner ist es für alle.“
In der Prüfung jedoch schreiben die Regeln vor, dass beide Hände am Zügel bleiben müssen. Dass deshalb weiterhin Wechselfehler passieren können, nimmt Werth in Kauf, denn die jüngsten Erfolge hätten ihr bestätigt, dass der eingeschlagene Weg zu mehr Lockerheit der richtige sei.
Viva Gold – ein Pferd für Los Angeles?
Und auch ihr Weg mit dem zehn Jahre alten Hengst Viva Gold zeigt, dass sie noch immer, 35 Jahre nach ihrem ersten DM-Titel, das richtige Händchen bei der Auswahl ihrer Pferde hat. Der hübsche Dunkelfuchs sei eigentlich in ihren Stall gekommen, um vielleicht verkauft zu werden, erzählte Werth in Balve. Aber: „Trotz seiner besonderen Ahnentafel hatte ich ihn vorher noch nie live gesehen.“
Viva Gold ist ein Enkel der Stute Weihegold. Mit ihr gewann Isabell Werth unter anderem Team-Gold und Einzel-Silber bei den Olympischen Spielen von Rio 2016. Als sie ihn dann zum ersten Mal ritt, war sie begeistert, erinnert sich Werth: „Da dachte ich, den muss ich behalten.“ Zu Beginn des vergangenen Jahres bezog Viva Gold eine Box auf ihrer Anlage in Rheinberg und entwickelte sich in kurzer Zeit vom Lehrling zum Spitzen-Dressurpferd. In Balve ritt Werth ihn erst zum zweiten Mal in einer Kür zu Musik – einer Neil-Diamond-Auswahl – und gewann zum zweiten Mal.
Die größte Konkurrenz kommt aus dem Ausland
Ob nun mit Wendy oder Viva Gold – ernsthafte Konkurrenz um die Einzelmedaillen muss Isabell Werth bei der WM derzeit nur aus dem Ausland fürchten. Allen voran von den Shootingstars aus Belgien, Europameister Justin Verboomen und Zonik Plus, aber auch von der WM-Zweiten aus Dänemark, Cathrine Laudrup-Dufour mit Freestyle. Und mit dem Weltmeister-Paar aus Großbritannien, Charlotte Fry und Glamourdale, ist ebenso wieder zu rechnen. Sie alle zeigten sich bei ihren ersten Starts nach der Hallensaison in starker Form.
Dass Isabell Werth ihrer nationalen Konkurrenz mit Wendy so weit enteilt ist, liegt auch daran, dass derzeit kein anderes deutsches Pferd annähernd hohe Bewertungen erreicht. Frederic Wandres, der Team-Olympiasieger, und sein beständiger Wallach Bluetooth waren in Balve Werths größte Verfolger, gewannen Silber im Special (77,686 Prozent), weil für die DM-Wertung nur das bessere Ergebnis zählt. Katharina Hemmer, die im vergangenen Jahr zum siegreichen EM-Quartett gehörte und im April mit persönlicher Bestleistung in die Saison gestartet war, konnte nicht antreten, weil ihr Wallach Denoix ausfiel. Ebenso erging es Ingrid Klimke mit Vayron. Jessica von Bredow-Werndl, der viermaligen Olympiasiegerin, fehlt mit der Stute Kismet noch Routine.
Für einen Überraschungseffekt bei der WM-Nominierung könnte die Kür-Zweite Semmieke Rothenberger mit Farrington sorgen, oder auch Charlott-Maria Schürmann. Sie gewann mit der Stute Dante’s Pearl Bronze im Grand Prix Special – und sprach nach der Siegerehrung bemerkenswerte Sätze, aus denen Isabell Werths Bedeutung für den Dressursport deutlich wurde. Nicht nur sie lernt auch nach acht Olympiasiegen noch immer dazu.
Es sei eine „Riesenehre“, neben Isabell Werth, ihrem großen Vorbild, auf dem Podium zu stehen, sagte Schürmann: „Ich schaue mir vor meinen Ritten immer ein Video von Isabell mit Wendy an und lerne von jeder Sekunde, die sie auf dem Pferd sitzt. Wir versuchen alle, so gut zu sein wie sie.“ Solange das so ist, davon darf man nach diesem Wochenende im Sauerland ausgehen, muss sich Isabell Werth nicht um ihre Konkurrenzfähigkeit sorgen.
