Iranische Ärzte sorgen sich um chronisch Kranke
Mehrere pharmazeutische Produktionsstätten und medizinische Einrichtungen melden Schäden nach den US-israelischen Angriffen auf Iran. Nach Angaben von Tedros Adhanom Ghebreyesus, dem Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), geht es unter anderem um die pharmazeutische Anlage Tofigh Daru in Teheran.
Dort seien Medikamente zur Behandlung von Krebs und Multipler Sklerose hergestellt worden. Aber auch das Delaram Sina Psychiatric Hospital und das Pasteur Institute of Iran, das nach Angaben der WHO seine Gesundheitsdienste zeitweise nicht fortsetzen konnte, sind von Angriffen betroffen.
Über 100 internationale Rechtsexperten in den USA, darunter von renommierten Universitäten wie Harvard, Yale, Stanford und der University of California, erklärten in einem öffentlichten Schreiben, dass das Verhalten der US-Streitkräfte und Äußerungen hochrangiger US-Beamter „ernsthafte Bedenken hinsichtlich Verstößen gegen internationales Menschenrechtsrecht und humanitäres Völkerrecht, einschließlich potenzieller Kriegsverbrechen, aufkommen lassen“.
Die Experten gaben sich „zutiefst besorgt über Angriffe auf Schulen, Gesundheitseinrichtungen und Wohnhäuser“ und verwiesen auf einen Angriff auf eine Schule im Iran am ersten Kriegstag.
Raketenangriff auf pharmazeutischen Standort
Mehdi Pirsalehi, stellvertretender Gesundheitsminister und Leiter der iranischen Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde, erklärte, das Werk Tofigh Daru sei einer der wichtigsten Hersteller von Wirkstoffen für Krankenhausmedikamente und Arzneien in Operationssälen gewesen. „Durch die Einschläge wurden sowohl die Produktionslinien als auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen vollständig zerstört.“
Die israelische Armee bestätigte den Angriff mit der Begründung, dass das Forschungs- und Entwicklungszentrum systematisch chemische Substanzen an das iranische Regime geliefert habe. „Tofigh Daru ist ein Hauptlieferant für die Organisation für Forschung und Innovation im Verteidigungsbereich, die für die Entwicklung chemischer Waffen verantwortlich ist.“
Experten warnen vor Folgen für chronisch Kranke
Menschenrechtsexperten und Ärzte sehen vor allem Risiken für Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen. Die in Österreich lebenden Ärzte und Menschenrechtsaktivisten Dr. Hassan Nayeb-Hashem und Dr. Hamid Hemmatpour betonen im Gespräch mit der DW, dass die gezielte Zerstörung medizinischer und pharmazeutischer Einrichtungen nach den Genfer Konventionen sowie den Regeln der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausdrücklich als Kriegsverbrechen gelte.
Nayeb-Hashem erläutert, dass Tofigh Daru ein breites Spektrum essenzieller Medikamente hergestellt habe, darunter Krebsmedikamente, Narkosemittel für Operationen, Arzneien zur Behandlung von Multipler Sklerose (MS), Medikamente gegen hormonbedingte Erkrankungen sowie starke Schmerzmittel wie Fentanyl.
Er verweist aber auch auf die industriepolitischen Folgen: „Die Fabrik war für einen Großteil der nationalen Produktion verantwortlich und hatte erfolgreich 50 strategische Wirkstoffe im Programm. Durch die jüngsten Angriffe ist ein massives Volumen an Medikamenten aus dem internen Kreislauf verschwunden. Es ist extrem schwierig, diese Mengen in der aktuellen Lage aus dem Ausland zu beschaffen.“
Gerade bei chronischen Erkrankungen könne bereits eine vorübergehende Unterbrechung der Produktion erhebliche Folgen haben. Krebsmedikamente zählen im Land zu den teuersten Arzneimitteln.
In Iran entsprächen die Kosten einzelner Präparate teils dem Monatsgehalt von zwei oder drei Personen; importierte Varianten würden häufig nicht von den Krankenkassen übernommen und seien für viele Patienten nur eingeschränkt verfügbar. Auch nicht dringliche Operationen könnten bei Engpässen von Narkosemitteln verschoben werden.
Import von Medikamenten extrem schwierig
Hamid Hematpour befürchtet nun eine drastische Verschlechterung: „In Kriegssituationen ist es fast unmöglich, Medikamente aus Ländern wie Indien zu importieren. Die Zerstörung der heimischen Produktion bricht dem System das Genick.“
Er erzählt von einem Krebspatienten in Teheran, der aus purer Verzweiflung die Wohltätigkeitsorganisation MAHAK aufsuchte: „Dort sagte man ihm, dass selbst einfachste Schmerzmittel oder Mittel gegen Schwindel nach einer Chemotherapie nicht mehr verfügbar seien. Die Not ist absolut.“
Fehlendes Gesundheitspersonal
Hematpour verweist darüber hinaus auf den Mangel an Fachärzten. „Neben der physischen Zerstörung sind inzwischen viele erfahrene Ärzte und Chirurgen nicht mehr verfügbar oder kehren aus Sicherheitsgründen nicht in den Iran zurück.“
Mit Kriegsbeginn hätten zahlreiche Doppelstaatsbürger unter den Ärzten das Land verlassen, auch wenn die Behörden die Ausreise vieler Mediziner verhinderten. Zudem seien zahlreiche Privatpraxen in Teheran geschlossen. Die Folge sei eine massive Überlastung der verbliebenen Ärzte. In manchen Stadtteilen Teherans müsse ein einzelner Arzt täglich zwischen 200 und 300 Patienten behandeln.
Besonders dramatisch sei die Lage in den Provinzen: „Wir hatten einen Fall eines bei den landesweiten Protesten verletzten Patienten, der mehrere hochspezialisierte Operationen brauchte. Er wurde zwischen vier Städten verlegt und verlor am Ende dennoch sein Bein. Die meisten Spezialisten befinden sich in Metropolen wie Teheran, Maschhad, Schiras oder Isfahan – andere Städte sind massiv unterversorgt.“
Nayeb-Hashem betont: „Die eigentliche Tragödie ist: Selbst wenn der Krieg heute endete, würde die iranische Regierung vermutlich zuerst militärische Anlagen wiederaufbauen und nicht die Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung.“
